Ganz im Zeichen des deutsch-französischen Kulturaustausches hat die Begegnung am Montag zwischen Bundeskanzlerin Merkel und dem französischen Präsidenten Chirac im Königsschloß von Versailles gestanden. Die Eröffnung der Ausstellung „Glanz des sächsischen Hofes - Dresden in Versailles“, Vorzeigebeispiel einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern, sollte die Mißtöne im politischen Dialog überklingen.
Die Liste der Unstimmigkeiten ist lang. Dem innenpolitisch geschwächten Präsidenten fällt es schwer, seinen Machtverlust in der EU seit der Referendumsniederlage im Mai 2005 hinzunehmen. So ist er enttäuscht über die Weigerung Deutschlands, aber auch der Mehrheit der anderen EU-Partner, einer Mehrwertsteuersenkung auf 5,5 Prozent für die französischen Restaurantbetriebe zuzustimmen, ein Wahlkampfversprechen Chiracs. Der Respekt für die EU-Partner, die den Verfassungsvertrag ratifiziert haben, reicht in Paris ebenfalls nicht sehr weit.
Merkels Wertorientiertheit behagt nicht
Chirac will einer neuen Verfassungsdebatte vor Ende seines Mandats im Mai 2007 entgehen und hat daher seinen Verhandlungsspielraum auf „den Rahmen der bestehenden EU-Verträge“ eingegrenzt. Zugleich will er aber den Druck auf die EU-Partner erhöhen, der EU feste Grenzen zu setzen und der Kommission stärkere Kontrollen durch die Mitgliedsländer bei den Beitrittsverhandlungen aufzuzwingen. Die Balkan-Staaten etwa sollten nach Chiracs Überzeugung lieber in einer Art Assoziierungsstatus auf dem demokratischen Wege gehalten werden als mit der Aussicht auf eine Vollmitgliedschaft.
Dem Präsidenten behagt in der internationalen Politik der wertorientierte Tonfall der Bundeskanzlerin insbesondere im Verhältnis zu Rußland nur wenig. Auch die neue, ablehnende Haltung Berlins zur Aufhebung des Waffenembargos gegenüber China mißfällt im Elysee-Palast. Die kritischen bis zurückhaltenden Reaktionen aus Berlin auf seine Rede zur Nukleardoktrin haben Chirac irritiert. Dem Präsidenten ist die pazifistische, nuklearfeindliche Grundhaltung fremd.
Ignoranz gegenüber deutschem Atom-Mißtrauen
Auf diesem Mißverständnis fußte schon sein „Friedenspakt“ mit dem damaligen Bundeskanzler Schröder während der Irak-Krise; Frankreich lehnte nicht grundsätzlich den Einsatz von Waffengewalt ab, wollte aber gegen das Regime von Saddam Hussein aus verschiedenen Gründen nicht militärisch vorgehen.
Eine gewisse Ignoranz des deutschen Mißtrauens gegenüber der Atomenergie ist Chirac nicht abzusprechen, hält er den Zeitpunkt doch für geeignet, der EU eine Vereinbarung zur Energieversorgung zu unterbreiten, in der ausdrücklich die strategische Bedeutung der Kernenergie für die energiepolitische Unabhängigkeit Europas hervorgehoben wird. Wirtschaftsminister Breton sollte den Vorschlag am Montag in Brüssel vortragen.
Ausstellungseröffnung im Mittelpunkt
Mit Blick auf die erwünschten deutsch-französischen Freundschaftsgesten war es deshalb für den Kunstsammler Chirac höchst willkommen, an der Seite der Bundeskanzlerin im Königsschloß von Versailles die Ausstellung zu eröffnen, welche die Strahlkraft des französischen Königshofes zur Zeit Ludwig XIV. auf die europäischen Dynastien vorführt. Leihgaben aus sieben Museen der staatlichen Kunstsammlungen Dresden machen dies möglich.
Friedrich August I, besser bekannt als August der Starke, Kurfürst von Sachsen und als August II. König von Polen, sah im Absolutismus des Sonnenkönigs eine beispielhafte Demonstration von Führungsstärke. Die Schätze August des Starken haben in der Ausstellung ihren Weg zum Ort ihrer Inspiration zurückgefunden, was auch für die französischen Ausstellungsorganisatoren eine „Entdeckung“ war.
Ostdeutschland-Bild der Franzosen verändern
„In Dresden ist erhalten geblieben, was in Versailles im Wechsel der Moden oder durch die Kriege verlustig gegangen war“, sagt die Versailler Chefkuratorin Beatrix Saule. Für ihre Mitarbeiterin Patricia Bouchenot-Dechin, die dem sächsischen Hof ein Buch widmete, („Der Roman Sachsens“) bietet die Ausstellung die Chance, das Ostdeutschland-Bild der meisten Franzosen zu verändern. „Dresden steht für die meisten für eine ausgebombte Stadt, die dann Jahrzehnte unter kommunistischer Herrschaft litt“, sagt sie.
In Versailles entdeckten die Franzosen die Pracht der alten Kurfürstenstadt. Für den Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen, Professor Dirk Syndram, bildet die Komplementarität der Dresdner und Versailler Ausstellungsstücke die Faszination der Ausstellung. So ist zum Beispiel ein vollständiger Schlittenzug zu sehen, das Pferdegeschirr stammt aus Dresden, der Schlitten aus Versailles. Die Ausstellung erzählte eine auf diese Weise eine eigene Geschichte, sie sei viel mehr als die Präsentation von prachtvollen Leihgaben.