21.09.2005 · Diese Wahl hat viele Sieger, für die Demoskopen aber war sie eine Niederlage. Das Ergebnis der Union konnte kein Institut vorhersagen. Meinungsforscherin Elisabeth Noelle zu spontanen Stimmungen und volatiler Wählergunst.
Von Elisabeth Noelle„Ich glaub', mich tritt ein Pferd“, sagte vor rund dreißig Jahren der damalige Bundesfinanzminister Hans Apel, als ihn die Nachricht von einem unerwarteten Haushaltsloch erreichte. Ähnlich dürften sich am Sonntag abend viele Politikwissenschaftler, Journalisten und Umfrageforscher gefühlt haben.
Wohl niemand hatte das Wahlergebnis vorhergesehen, das sich nach Schließung der Wahllokale rasch abzeichnete. Noch wenige Tage zuvor waren die Daten scheinbar eindeutig gewesen.
Stabiler Vorsprung von rund 8 Prozentpunkten
Die Unionsparteien hatten stabil bei über 40 Prozent gelegen, mit einem Abstand von rund 8 Prozentpunkten zur SPD. Als dann am Wahlabend die Werte für die CDU/CSU und die SPD immer näher zusammenrückten, bis schließlich der Vorsprung der Union auf weniger als ein Prozent zusammengeschmolzen war, wurde klar, daß diese Bundestagswahl die Sozialwissenschaftler noch lange beschäftigen wird.
Denn sie erbrachte nicht nur eine bis dahin unbekannte Parteienkonstellation, sondern sie ist auch das Ergebnis eines Meinungsbildungsprozesses, der sich grundlegend von denen der vorangegangenen Wahlkämpfe unterschieden haben mußte.
Handwerkliche Fehler?
Seit der Bundestagswahl 1957 veröffentlicht das Allensbacher Institut am Tag vor der Wahl eine Prognose, damals wie heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bei jeder dieser Prognosen hatte die durchschnittliche Abweichung der in den Umfragen ermittelten Parteiwerte vom Wahlergebnis rund einen Prozentpunkt betragen. Und nun plötzlich wich die Prognose für die Unionsparteien um mehr als sechs Prozentpunkte vom Zweitstimmen-Wahlergebnis ab. Was war geschehen? Konnte es sein, daß dem Institut bei der Ermittlung der Parteistärken ein grundlegender Fehler unterlaufen war?
Die Überprüfung möglicher Fehlerquellen wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, doch aus jetziger Sicht erscheint diese Erklärung unwahrscheinlich. Wenn die Allensbacher Wahlprognose tatsächlich auf handwerklichen Fehlern beruhte, warum waren dann andere Umfrageinstitute mit teilweise anderen Stichprobenmethoden, anderen Fragebogen und anderen Analyseverfahren alles in allem zu den gleichen Ergebnissen gekommen? Und warum waren dann die am Wahlabend um 18 Uhr veröffentlichten Nachwahlbefragungen im Rahmen der statistischen Möglichkeiten korrekt?
Noelle: Parteistärken waren korrekt
Dies alles deutet darauf hin, daß das Grundprinzip der Repräsentativumfrage nicht außer Kraft gesetzt ist. Dies wäre auch schlecht vorstellbar, denn es handelt sich dabei immerhin um statistische, mathematisch beschreibbare Gesetze, die nicht mit einer Meinungsänderung der Bevölkerung ungültig werden können.
Stattdessen erscheint es eher wahrscheinlich, daß die noch in der vergangenen Woche ermittelten Parteistärken zum Zeitpunkt, an dem die Interviews stattfanden, korrekt waren. Doch in diesem Fall stellt sich die Frage, was die Bevölkerung dazu bewogen hat, ohne auffälligen äußeren Anlaß ihre Meinung so schnell und gründlich zu ändern.
Beliebter Schröder, unbeliebte Regierungspolitik
Fest steht, daß sich die Anhänger der Unionsparteien in einer für sie ungewöhnlichen Situation befanden. Der österreichisch-amerikanische Pionier der Sozialforschung Paul Lazarsfeld beschrieb schon in seiner Analyse des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 1940 den Entscheidungsprozeß von Wählern, die einer bestimmten Partei anhängen, jedoch den Spitzenkandidaten der Gegenpartei bevorzugen.
In ebendieser Lage befanden sich auch viele Wähler der Bundestagswahl. Noch in der Woche vor der Bundestagswahl antworteten auf die Frage „Wäre es gut, wenn die Bundesregierung in Berlin wechseln würde, oder wäre es nicht gut?“ 45 Prozent der Befragten, ihrer Ansicht nach wäre ein Regierungswechsel gut. Das waren weniger als im Frühsommer dieses Jahres, aber noch immer erheblich mehr als im September 2002.
Und auf die Frage „Sind Sie mit der Politik von Bundeskanzler Schröder im großen und ganzen einverstanden oder nicht einverstanden?“ antworteten nur 26 Prozent mit „Einverstanden“, 45 Prozent sagten „Nicht einverstanden“. Diese und zahlreiche weitere Umfrageergebnisse zeigten deutlich, daß eine Mehrheit der Bevölkerung in hohem Maße unzufrieden mit der Regierungspolitik war. Gleichzeitig aber entschieden sich bei der Frage „Wen würden Sie als Bundeskanzler vorziehen, Gerhard Schröder oder Angela Merkel?“ 45 Prozent für den Amtsinhaber und nur 32 Prozent für die CDU-Parteivorsitzende.
Innerparteilich zerstritten
Hinzu kam, daß die Unionsparteien in der letzten Wahlkampfphase nicht den Eindruck der innerparteilichen Geschlossenheit und damit der inneren Stärke vermittelten, der für den Wahlerfolg einer Volkspartei von großer Bedeutung ist. Traditionellerweise liegt in den Umfragen meist die Partei in Führung, die von der Bevölkerung als geschlossener wahrgenommen wird als das gegnerische Lager. Doch im Wahlkampf 2005 bestand dieser Zusammenhang zwischen der angenommenen Geschlossenheit und der Stärke einer Partei nicht.
Auf die Frage „Glauben Sie, daß die CDU/CSU alles in allem einig oder zerstritten ist?“ antworteten 35 Prozent, sie hielten die Union für einig, ebenfalls 35 Prozent bezeichneten sie als zerstritten. Die entsprechenden Werte für die SPD waren nahezu identisch. So führte die Union über einen längeren Zeitraum mit deutlichem Abstand vor der SPD, obwohl sie von einem großen Teil der Bevölkerung als zerstritten wahrgenommen wurde, ein in der Geschichte der Allensbacher Wahlforschung bisher unbekanntes Muster.
Im letzten Moment der Mut verlassen
Zu den Zweifeln vieler Wähler an der Geschlossenheit und Durchsetzungskraft der CDU/CSU und ihrer Spitzenkandidatin dürfte sich bei manchen potentiellen Anhängern der Unionsparteien auch die Furcht vor den angekündigten Reformen gesellt haben. Es muß als außerordentlich mutig bezeichnet werden, wenn eine Volkspartei im Wahlkampf gleichzeitig die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten und die Streichung von Steuervergünstigungen ankündigt.
Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die Bevölkerung bei Umfragen zwar regelmäßig abstrakt formulierten Forderungen nach Reformen zustimmt, doch nahezu jeden konkret formulierten Reformvorschlag mehrheitlich ablehnt, erscheint es wahrscheinlich, daß viele potentielle CDU-Wähler angesichts solcher Aussichten im letzten Moment der Mut verlassen hat.
„Politiker“ als Schimpfwort?
Die vielleicht spannendste Frage zum Verlauf der letzten Wahlkampfphase ist aber, warum überhaupt ein so großer Teil der Bevölkerung in seiner Meinungsbildung derart wankelmütig ist, daß sich die Parteistärken scheinbar aus heiterem Himmel binnen dreier Tage um 6 Prozentpunkte verschieben können. Einen Hinweis bietet hier der Umstand, daß beide Volksparteien zusammengenommen zum ersten Mal seit dem Jahr 1949 weniger als 70 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnten.
Die Unzufriedenheit vieler Deutscher mit der SPD führte dazu, daß sich zwar viele Wähler vorübergehend der CDU/CSU zuwandten, doch diese Umorientierung fand weniger aus tiefer Überzeugung heraus statt, sondern eher aus dem Gefühl, es gäbe keine Alternativen. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit beider großer Volksparteien, die Probleme des Landes zu lösen, nimmt seit Jahren stetig ab.
Dies zeigen beispielsweise die Ergebnisse einer Frage, bei der die Befragten gebeten werden anzugeben, um welche Themen sich ihrer Ansicht nach eher die CDU/CSU und um welche sich eher die SPD kümmere. Seit Anfang der neunziger Jahre steigt bei vielen der zur Auswahl stehenden Themen die Zahl derer, die sagen, keine der beiden großen Parteien kümmere sich um das betreffende Problem. Derweil verwandelt sich der Begriff „Politiker“ allmählich in ein Schimpfwort. In der Rangliste der angesehenen Berufe rangieren Politiker auf den hintersten Plätzen, und in der Bevölkerung breitet sich der Generalverdacht aus, Politiker sagten generell die Unwahrheit und seien korrupt.
Mangelndes Vertrauen der Bevölkerung in die Parteien
Die Bindung vieler Bürger an die Parteien scheint sich so sehr gelockert zu haben, daß bereits spontane Stimmungen oder kurzfristig gewonnene Eindrücke aus Fernsehauftritten über die Zuwendung zu oder die Abwendung von einer Partei entscheiden.
Damit zieht sich das Stichwort Vertrauen wie ein roter Faden durch die verschiedenen Phasen des diesjährigen Wahlkampfes. Fehlendes Vertrauen des Bundeskanzlers in seine Fraktion stand, zumindest offiziell, an seinem Beginn, mangelndes Vertrauen der Bevölkerung in die Zukunft und in die Parteien an seinem Ende.
Schweigegebot
Thomas Hechinger (Hechinger)
- 21.09.2005, 09:45 Uhr
Macht und Ohnmacht der Meinungsmacher
Wulf Overdyck (wulfoverdyck)
- 21.09.2005, 14:40 Uhr
Teufelskreis
Karola Arnold (karofaz)
- 21.09.2005, 15:05 Uhr
Kein Spam
gisbert heimes (gisbert4)
- 21.09.2005, 17:11 Uhr
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gisbert heimes (gisbert4)
- 21.09.2005, 17:24 Uhr