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Veröffentlicht: 22.07.2016, 21:15 Uhr

Allensbach-Umfrage Abschied mit Bedauern

Der Brexit hat den Deutschen den Wert der europäischen Einigung vor Augen geführt. Auch wenn viele „Europa“ mit „zerstritten“ assoziieren, sieht eine deutliche Mehrheit Deutschlands Zukunft in der EU.

von Thomas Petersen
© AFP Die deutsche Bevölkerung ist über das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni enttäuscht.

Zu den tausendfach wiederholten Redewendungen der Gegenwart gehört die Behauptung, wir befänden uns in einer „schnelllebigen Zeit“. Doch es gibt Themen, bei denen die Zeit beinahe still zu stehen scheint. Konrad Adenauer notierte 1965 in seinen Erinnerungen über das Jahr 1951, damals sei die Chance vertan worden, die Einigung Europas gemeinsam mit Großbritannien zu beginnen.

Er schrieb: „Die ablehnende Haltung Englands gegenüber der Schaffung europäischer Gebilde war so ausgesprochen prinzipieller Natur, dass man meines Erachtens auch für die Zukunft nicht mit einer positiveren Einstellung rechnen konnte. Meines Erachtens sollte man England die Tür offen halten, aber man sollte sich nicht durch sein Nein abhalten lassen zu handeln. Es war und ist notwendig, Europa zu schaffen.“ Dieses Zitat liest sich beinahe, als sei es im Jahr 2016 zur Illustration der Stimmung der Deutschen nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien geschrieben worden.

68 Prozent der unter 30-Jährigen bedauern Brexit

Die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der F.A.Z. zeigen, wie sehr die Bevölkerung über das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni enttäuscht ist. So lautete eine Frage: „Großbritannien hat sich ja vor kurzem in einer Volksabstimmung dafür entschieden, die EU zu verlassen. Finden Sie es gut, dass Großbritannien die EU verlässt, oder finden Sie das nicht gut?“ Fast zwei Drittel der Befragten, 63 Prozent, antworteten darauf, sie fänden es nicht gut, dass Großbritannien die EU verlassen wird, lediglich 17 Prozent begrüßten den Beschluss.

Infografik / Umfrage / Die Stärke der Parteien © F.A.Z. Vergrößern

Dabei zieht sich das Bedauern auffallend gleichmäßig durch fast alle Bevölkerungskreise. Westdeutsche sagen zu 63 Prozent, dass sie es nicht gut fänden, dass Großbritannien die EU verlässt, Ostdeutsche zu 61 Prozent. Ob man Männer mit Frauen vergleicht, die verschiedenen Bildungsgruppen oder sozialen Schichten, stets ist es eine klare Mehrheit um die 60 Prozent, die den Ausgang des Referendums bedauert.

Infografik / Umfrage / Der Brexit und das Bild von Europa © F.A.Z. Vergrößern

Auch zwischen den Generationen gibt es – anders als in Großbritannien selbst – keine nennenswerten Unterschiede: Unter 30-Jährige sagen zu 68 Prozent, dass sie den Brexit bedauern, 60-Jährige und Ältere zu 68 Prozent. Lediglich bei den 45- bis 59-Jährigen liegt der Wert mit 57 Prozent etwas niedriger. Aus der Einstimmigkeit ragen nur die Anhänger der AfD heraus. Sie sagen mit einer relativen Mehrheit von 49 Prozent, sie fänden den Austrittsbeschluss der britischen Bevölkerung gut, lediglich 20 Prozent bedauern ihn. Damit stehen die AfD-Anhänger isoliert da. Die Anhänger aller anderen Parteien – von der CDU/CSU bis zur Linken – äußern sich mit klaren Mehrheiten enttäuscht über den Austritt.

So wollen die Deutschen wählen F.A.Z.-Wahlbarometer: So wollen die Deutschen wählen © F.A.Z. Interaktiv 

Wirtschaftlich stärker mit Großbritannien?

An diesem Bild ändert sich auch nichts, wenn man versucht, das Thema mit ausführlicheren Fragen etwas gründlicher auszuleuchten und auch Argumente anführt, die möglicherweise für einen Austritt Großbritanniens aus der EU sprechen könnten. Dies zeigt sich beispielsweise an den Antworten auf eine Dialogfrage, bei der die Interviewer ein Bildblatt überreichten, das zwei Personen im Schattenriss zeigte. Jeder Figur war ein Statement zugeordnet.

Die eine Figur sagte: „Ich finde es gut, dass Großbritannien die EU verlässt. Die Briten haben immer Sonderregelungen beansprucht und die EU musste ihnen immer entgegenkommen. Es ist daher besser für die EU, wenn Großbritannien nicht mehr Mitglied ist.“ Die Gegenposition lautete: „Mir wäre es lieber gewesen, wenn Großbritannien sich dafür entschieden hätte, Mitglied der EU zu bleiben. Es schwächt die EU politisch und wirtschaftlich sehr, dass ein so wichtiges Mitgliedsland wie Großbritannien die EU verlässt.“ Die Befragten wurden gebeten anzugeben, welcher der beiden Personen sie mehr zustimmten. 26 Prozent entschieden sich für das erste Argument, 58 Prozent für das zweite.

Infografik / Umfrage / Der Brexit und das Bild von Europa b © F.A.Z. Vergrößern

Bei einer weiteren Frage wurden neun verschiedene Meinungen zum EU-Austritt Großbritanniens auf einer Liste vorgelegt mit der Bitte an die Befragten, die Punkte auszuwählen, denen sie zustimmten. 63 Prozent wählten daraufhin den Punkt „Die EU wäre mit Großbritannien wirtschaftlich stärker gewesen“ aus. 54 Prozent entschieden sich für die Aussage „Die EU hätte mit Großbritannien größeren Einfluss in der Welt gehabt“. Darauf folgt „Großbritannien hätte auch in Zukunft immer wieder eine Sonderbehandlung gefordert und damit Ärger provoziert“ (45 Prozent).

Bild der EU verdunkelt sich

Obwohl dieser Punkt damit relativ viel Zustimmung bekam, wird auch deutlich, dass viele Deutsche diesen Ärger wohl gerne in Kauf genommen hätten. Den Punkt „Ohne Großbritannien kann Europa besser zusammenwachsen“ wählten jedenfalls nur zwölf Prozent der Befragten aus. Vor dem Hintergrund der mit dem Brexit verbundenen Sorgen verdunkelt sich auch das Bild der Europäischen Union als Ganzes – allerdings nur graduell. Seit vielen Jahren enthalten die Umfragen des Allensbacher Instituts immer wieder Assoziationstests zum Thema Europa. Die Interviewer lesen dabei verschiedene Begriffe vor, und die Befragten sagen jeweils, ob man beim Stichwort Europa an diese Begriffe denken könne oder nicht.

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Die Reihenfolge der am häufigsten mit „Europa“ in Verbindung gebrachten Begriffe ändert sich dabei seit Jahren meist nur langsam: 86 Prozent verbinden im Juli 2016 mit dem Stichwort „Europa“ Bürokratie, 84 Prozent Vorschriften. An dritter Stelle folgt der Begriff „Vielfalt“ mit 79 Prozent. Auch die Schlüsselbegriffe „Freiheit“ und „Frieden“ verbindet eine deutliche Mehrheit von jeweils zwei Dritteln der Befragten mit Europa. Alles in allem halten sich die positiven und negativen Zuschreibungen ungefähr die Waage mit einem leichten Vorsprung der negativen Assoziationen. Daran hat auch der Ausstiegsbeschluss Großbritanniens nichts Grundsätzliches geändert.

Bei einer etwas genaueren Betrachtung der Entwicklung in den letzten Jahren erkennt man allerdings, dass die Zahl der negativen Assoziationen zu- und die der positiven abgenommen hat. Im Jahr 2013, als zum letzten Mal ein solcher Assoziationstest durchgeführt wurde, wurden die negativen Aussagen im Durchschnitt von 62 Prozent der Befragten ausgewählt, heute sind es 66 Prozent. Der durchschnittliche Prozentwert, der auf die positiven Assoziationen entfiel, sank von 55 auf 53. Diese Veränderungen mögen auf den ersten Blick gering erscheinen, doch es handelt sich hierbei nicht um einzelne Prozent-, sondern um Durchschnittswerte, bei denen auch scheinbar geringe Veränderungen durchaus Beachtung verdienen.

72 Prozent denken bei „Europa“ an „zerstritten“

Darüber hinaus gibt es einige wenige Einzelaussagen, die deutlichere Veränderungen zeigen. So spricht einiges dafür, dass die Volksabstimmung in Großbritannien bei den Deutschen den ohnehin seit längerem zunehmenden Eindruck verstärkt hat, dass die EU geschwächt sei. Der Anteil derjenigen, die sagten, man könne bei „Europa“ an das Stichwort „zerstritten“ denken, lag vor elf Jahren bei 36 Prozent, 2013 waren es 58 Prozent, heute sind es 72 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl derjenigen, die mit „Europa“ „Zukunft“ verbinden, von 75 auf 55 Prozent zurückgegangen.

Umso bemerkenswerter ist es, dass die allgemeine Zustimmung der Deutschen zur Europäischen Einigung eher wieder gewachsen ist. Auf die Frage „Wie viel Vertrauen haben Sie in die Europäische Union?“ antworteten im Dezember vergangenen Jahres 24 Prozent, sie hätten sehr großes oder großes Vertrauen. Im Juli 2016 sind es immerhin wieder 35 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei der Frage „Wie rasch sollte die Entwicklung zu einem vereinten Europa sein? Schneller oder langsamer oder weiter wie bisher?“ In den achtziger Jahren hatte stets eine Mehrheit der Befragten auf diese Frage geantwortet, die Europäische Vereinigung solle schneller vorangehen.

Das änderte sich mit der Deutschen Einheit, die ja von der damaligen Bundesregierung ganz bewusst mit einer Beschleunigung der Europäischen Integration verknüpft wurde. Offensichtlich überfordert vom Tempo der Veränderungen sagten seitdem meist nur noch zwischen zehn und zwanzig Prozent der Befragten, ihrer Ansicht nach solle die europäische Einigung noch beschleunigt werden. Deutlich mehr, zwischen 30 und 40 Prozent, forderten, es solle doch besser langsamer voran gehen. Die Mehrheit wich auf die neutralen Antwortkategorien wie „Weiter wie bisher“ oder „Unentschieden“ aus.

Vorteile der EU werden der Bevölkerung bewusst

Nun jedoch, unter dem Eindruck der Volksabstimmung in Großbritannien, überwiegt mit 29 zu 24 Prozent zum ersten Mal seit dem Jahr 1989 wieder knapp aber eindeutig der Anteil derer, die sich eine schnellere europäische Einigung wünschen. Man bekommt den Eindruck, dass Teilen der Bevölkerung angesichts der Gefährdung des Zusammenhalts in Europa die Vorteile der EU bewusster geworden sind. Es drängt sich der Vergleich zum Euro auf, der von seiner Einführung im Jahr 2002 bis ins Jahr 2011 stets von einer klaren Mehrheit der Deutschen abgelehnt wurde. Erst als er in der Staatsschuldenkrise in Gefahr zu geraten schien, gerieten diejenigen, die sagten, sie wünschten sich die D-Mark zurück, in die Minderheit.

So hat anscheinend die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, zumindest kurzfristig die Bereitschaft der Deutschen eher bestärkt, die europäische Integration mit den verbliebenen 27 Ländern der EU weiter voranzutreiben. Es den Briten nachzutun und ebenfalls aus der Europäischen Union auszutreten, ist für eine überwältigende Mehrheit auf keinen Fall eine Option. Das zeigen die Antworten auf die Frage „Was wäre Ihrer Ansicht nach für die Zukunft, für die weiter Entwicklung Deutschlands besser: Wenn Deutschland in der Europäischen Union bleibt, oder wenn Deutschland die Europäische Union verlässt?“

Mehr als drei Viertel, 78 Prozent, antworteten auf diese Frage, es wäre besser, wenn Deutschland in der EU bleibt, und auch hier sind sich die Anhänger aller Parteien einig mit Ausnahme derer der AfD, die nur zu 28 Prozent dieser Ansicht sind. Damit entspricht die Haltung der Deutschen derjenigen von Adenauer vor einem halben Jahrhundert: Sie bedauern, dass die Chance, ein gemeinsames Europa mit Großbritannien zu schaffen, erst einmal vertan ist, doch sie wollen sich von diesem „Nein“ bei der europäischen Einigung nicht aufhalten lassen.

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Von Berthold Kohler

Rosneft ist kein Unternehmen wie Volkswagen. Der Konzern dient den Interessen des Kremls. Und der ehemalige Bundeskanzler Schröder künftig auch. Mehr 91

Quelle: wahlrecht.de
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