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FAZ.NET-Thema: Polizei : „Mehr Polizeibeamte bedeuten nicht mehr Sicherheit“

Polizeistreife gegen Einbruchskriminalität: Sie können hunderte Polizisten einstellen, damit müssen Sie aber nicht zwingend etwas bewirken. Bild: dpa

Wieviel Polizei ist eigentlich genug? Nach Meinung der Gewerkschaften könnte es immer mehr sein, sagt Polizeiforscher Rafael Behr im Interview mit FAZ.NET. Mit ihrer Überdramatisierung stehen die Funktionäre stets mit einem Fuß im Weltuntergang.

          Sie sind ein scharfer Kritiker der Polizeigewerkschaften. Worin besteht Ihr Problem mit Leuten wie Reiner Wendt, dem Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft?

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Ich hege keinen persönlichen Groll gegen Herrn Wendt. Ich habe nur ein Problem mit der Art, wie er und andere die Polizei repräsentieren: Diese Lautsprecher stehen immer mit einem Fuß im Weltuntergang. Es gibt keine Zwischentöne, es ist immer die Rede von einer „extremen Gefährdung“ oder einer „besonders schlimmen Situation“. Das gilt auch für die Einschätzung zur Polizei-Ausstattung: Alles ist „katastrophal“, „viel zu wenig“ und die Beamten „völlig vernachlässigt“. Das ist unsachlich, aber es hat auch mit der Doppelrolle zu tun, die Funktionäre einnehmen.

          Welche Doppelrolle meinen Sie?

          Die Funktionäre stehen in einem Spannungsfeld. Einerseits werden sie als Sicherheitsexperten befragt, andererseits als Lobbyisten für ihren Berufsstand. Die Gefahrenanalyse verschmilzt mit den Gewerkschaftsforderungen nach besserer Ausstattung, mehr Bezahlung, mehr Anerkennung. Das ist eine unendliche Geschichte. Genauso lautstark wird die Gewalt gegen Polizisten thematisiert.

          Sie haben die Rolle des Polizisten als Opfer erforscht und ob das dramatisiert wird. Warum dürfen Polizisten aus Ihrer Sicht nicht auch verletzlich sein?

          Als es um die Opferrolle ging, veröffentlichten die Gewerkschaften Plakate mit Polizisten, die halb Uniform, halb Freizeitkleidung trugen. „Polizist, auch Mensch“ stand dabei. Das alles sind Konstruktionen, die eigentlich der Polizei abträglich ist. Da haben die Gewerkschaften den Bogen überspannt und nicht mehr die eigentlichen Interessen ihrer Mitglieder verfolgt. Das Selbstverständnis darf es nicht sein, Opfer zu sein, sondern Opfer zu bringen

          Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaften mit Schwerpunkt Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei in Hamburg. Er lehrt außerdem an den Universitäten Hamburg und Bochum. Vorher war er 15 Jahre Polizeibeamter in Frankfurt. Er promovierte zu „Cop Culture“ innerhalb der Polizei.
          Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaften mit Schwerpunkt Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei in Hamburg. Er lehrt außerdem an den Universitäten Hamburg und Bochum. Vorher war er 15 Jahre Polizeibeamter in Frankfurt. Er promovierte zu „Cop Culture“ innerhalb der Polizei. : Bild: dpa

          Die Forderung nach mehr Polizei tritt verstärkt im Wahlkampf auf, häufig vorgetragen von CDU-Politikern. Nur selten gibt es Widerspruch. Warum?

          Parteien schärfen damit ihr Profil. Wer mehr Polizisten fordert, setzt sich für mehr Sicherheit ein. Was gibt es dagegen schon zu sagen? Ob am Ende tatsächlich mehr Stellen bei der Polizei geschaffen werden, ist etwas ganz anderes. Die Gleichung - mehr Polizei bedeutet mehr Sicherheit - ist so einfach und simpel, dass sie im Wahlkampf, wo es um Verkürzungen geht, nicht so einfach zu widerlegen ist. Aber das ist Quatsch. Mehr Polizeibeamte bedeuten nicht mehr Sicherheit.

          Wieso?

          Es gibt in der Kriminalistik das Lüchow-Dannenberg-Phänomen. Dort sollte eine Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll gebaut werden, deshalb hatte die Polizeidirektion prophylaktisch schon mal etwas mehr Beamte nach Lüchow geschickt. Weil die Anlage aber eben noch nicht gebaut war, gab es auch noch keinen Protest dagegen, und die Beamten hatten nichts zu tun. Da fingen sie an, sich Aufgaben zu suchen. Plötzlich wurden mehr Fahrraddiebstähle aufgeklärt, Offizialdelikte nahmen zu. Das Dunkelfeld der Kriminalität wurde kleiner, aber die Sicherheit hat dadurch noch nicht zugenommen.

          Moment, mehr aufgeklärte Straftaten bedeuten doch auch, dass die Abschreckung größer sein dürfte.

          Nein, bedeutetet es nicht zwingend. Wenn ein Kriminalitätsfeld komplett ausgetrocknet wird, verlagert es sich an einen anderen Ort oder in ein anderes Feld. Es gibt keine freie Gesellschaft ohne Kriminalität.

          Das heißt, Kriminalität lässt sich immer nur auf eine Art gewisses Maß runterstutzen?

          Ja. Die Kriminalitätsstatistik gibt auch nur begrenzt Auskunft über das Ausmaß an Kriminalität, es zeigt in erster Linie die Zahl der dokumentierten Fälle. Wo viele Polizisten sind, steigt in der Regel auch die Kriminalstatistik. Das andere Missverständnis, dem auch viele Politiker bewusst oder unbewusst mit ihren Forderungen erliegen: Mehr Polizisten einzustellen, bedeutet nicht, dass auch mehr Polizisten auf der Straße sind.

          Worauf wollen Sie hinaus?

          Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als 2003 in Berlin ein Einstellungsstopp für Polizisten verhängt wurde, wollte der ehemalige Hamburger Innensenator Ronald Schill 1000 Beamte in die Hansestadt locken. Am Ende kamen 700. Bei einem Exekutivkörper von 8000 Beamten ist das sehr viel, fast zehn Prozent mehr. Kein Gewerkschafter hätte sich das erträumen lassen.

          Was ist passiert?

          Nichts. Hie und da wurden Dienststellen etwas aufgestockt, mehr Leute kamen in die Verwaltung. Es wurden mehr Aufgaben verteilt, die polizeiliche Kriminalstatistik hat sich für ein halbes Jahr verbessert. Der Apparat hat sie alle aufgesogen. Nach ein paar Monaten kam wiederum die Forderung nach mehr Polizisten, vorgetragen von den Gewerkschaftern. Weil der Wunsch nach Mehr zum Reflex geworden ist, zum Teil der Daseinsberechtigung von Funktionären.

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