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„Fahndung Deutschland“ : Dein Freund und Polizeihelfer

Ede Zimmermann hat sich verändert: Simone Panteleit moderiert „Fahndung Deutschland“ auf Sat.1. Bild: obs

Auf Sat.1 werden derzeit jeden Abend Kriminalfälle aufgerollt – eine Stunde lang, mit der Bitte um sachdienliche Hinweise für die Polizei. Ohne Voyeurismus kommt die Sendung nicht aus. Nützt die Sendung überhaupt jemandem?

          Wenn derzeit eine Sendung die Ängste der Menschen bedient, dann ist es diese: Nach jeder Ausstrahlung von „Fahndung Deutschland“ sinkt das subjektive Sicherheitsempfinden. Sofort möchte man seine Wohnungstür tagsüber von innen abschließen, seine Tasche nie aus den Augen lassen und die Straßenseite wechseln, wenn einem jemand im Kapuzenpullover entgegenkommt.

          Seit Wochen füllt Sat.1 jeden Tag eine Folge mit mehreren Polizeifällen. Die Bandbreite reicht von gestohlenen Urnen in Görlitz über Bombendrohungen und Brandserien bis zu Morden. Auf Zurückhaltung legt das Format nicht den allergrößten Wert – als eine Frau zeigt, an welcher Kreuzung sie mit dem Fahrrad angefahren wurde, raunt eine Stimme aus dem Off: „Für uns geht sie zurück an den Schreckensort.“

          Den Nachbarn der getöteten Ursula B. lässt man in die Kamera sagen: „Man kennt so was nur vom Fernsehen, und jetzt passiert so was in der Nachbarschaft. Wahnsinn.“ Genau an dieser Stelle lacht die Sendung den Ängsten des Zuschauers feist ins Gesicht: Schau, der saß gestern auch noch friedlich auf dem Sofa, so wie du jetzt. In jedermanns Leben kann der Schrecken eintreten, das ist der Preis für den Voyeurismus, den „Fahndung Deutschland“ befriedigt.

          Von der Drögheit des alten „Aktenzeichen XY“, der Mutter aller Fahndungssendungen, ist die Machart denn auch weit entfernt. Das kann zu absurden Auswüchsen führen: Hier steht schon mal ein Experte neben einem Schauspielerpaar, das in einer nachgestellten Szene miteinander kämpft, und erklärt, was da passiert. Die Macher finden ihren Stil jedoch eher dezent. „Was wir nicht zeigen, sind reißerische oder überdramatisierte Szenen“, sagt eine Sat.1-Sprecherin. „Wir berichten sachlich und seriös über die Vorfälle – andernfalls würde die Polizei auch nicht für uns zur Verfügung stehen.“

          Hier die nachgestellte Tat, dort gleich der Experte: So macht man heute Kriminalfernsehen.
          Hier die nachgestellte Tat, dort gleich der Experte: So macht man heute Kriminalfernsehen. : Bild: Sat.1 (Screenshot)

          Wann immer bei einem Fall Zeugen oder gar noch der Täter gesucht werden, wird er zur Story für diese Sendung. Bringt das was? Ja, heißt es beim Sender. „Wir möchten gemeinsam mit unseren Zuschauern der beste Freund der Polizei sein“, sagt die Sprecherin. „Die Polizei verhält sich außerordentlich kooperativ.“ Man wolle Deutschland sicherer machen, erklärt sie. „Wenn wir dazu beitragen können, hat ‚Fahndung Deutschland‘ sein Ziel erreicht.“ Gerade Vermisstenfälle könnten nach der Sendung mit der Hilfe eingehender Hinweise häufig gelöst werden. Das ist für die betroffenen Familien schön, doch Vermisste beeinträchtigen die Sicherheit in Deutschland gewiss nicht.

          Den größten Nutzen aus der Sendung zieht sicherlich Sat.1, denn viele Zuschauer schauen sich all die Schrecknisse gern an. Bis zu 9,1 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen erreicht die Sendung – das ist für den Sendeplatz um 19 Uhr so gut, dass Sat.1 weitere Folgen produziert. Doch verstört soll  niemand in die Welt entlassen werden, deshalb plazieren die Macher ans Ende immer einen „lustigen“ Kriminalfall. Etwa einen Räuber, der mit vorgehaltener Waffe in ein Trauringgeschäft stürmte und nur Modeschmuck erbeutete. Oder die schrecklich verstümmelte und vermoderte Leiche, die Kinder in einem Wald bei Halle an der Saale fanden, die sich aber, wie eine das Kichern kaum unterdrückende Pathologin zeigt, als aufblasbare Sexpuppe herausstellte. Was natürlich nach einer echten Leiche direkt das Zweitlustigste ist, von dem man möchte, dass Kinder es im Wald finden.

          „Fahndung Deutschland“ läuft Montag bis Freitag um 19 Uhr auf Sat.1

          Quelle: FAZ.NET

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