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Medien Geschnitten oder am Stück: Bin Ladins neue Videobotschaft

05.11.2001 ·  Ein Video, zwei Botschaften: Wie Al Dschazira und CNN höchst unterschiedlich mit den neuesten Bin-Ladin-Bildern umgehen. Eine Analyse.

Von Uwe Ebbinghaus
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Bin Ladin hat sich wieder zu Wort gemeldet. In einer ungefähr zwanzig Minuten langen Video-Botschaft, die der arabisch-sprachige Fernsehsender Al Dschazira an diesem Samstag exklusiv in Auszügen ausstrahlte, rief er erneut zum heiligen Krieg gegen Amerika auf, bezeichnet die UN als „Werkzeug des Verbrechens“ und arabisch-muslimische Politiker, die mit der UN kooperierten, als „Ungläubige“.

Bedeutend weniger Raum erhielt Bin Ladins jüngste Ansprache bei CNN. Der amerikanische Sender spielte die Fernsehbilder des katarischen Senders nur kurz und ohne Original-Ton an - und fror das Brustbild Bin Ladins nach ungefähr fünf Sekunden in einem Standbild ein. Bin Ladins verbale Attacken erschienen anschließend als verschriftlichtes Zitat auf dem Bildschirm.

Der „patriotische Akt“ als journalistisches Problem

Damit folgt CNN erstmals ganz offensichtlich einer Übereinkunft der fünf größten amerikanischen Rundfunkanstalten mit dem Weißen Haus, Video-Ansprachen von Bin Ladin oder seiner Terrortruppe Al Qaida nicht unredigiert auszustrahlen. Zu der Frage, ob dieses Abkommen eine reine Vorsichtsmaßnahme gegen verschlüsselte Schläfer-Botschaften oder aber pimär ein „patriotischer Akt“ sei, gab es bisher keine eindeutigen Stellungnahmen von den beteiligten Rundfunkanstalten.

Zwar erscheint das Schneide-Gebot gerade angesicht der aktuellen Terrorwarnungen sinnvoll. Auf der anderen Seite aber ist auch Al Dschazira weltweit zu empfangen - geheime Botschaften via Satellit wären Bin Ladins Schläfern also ohnehin nicht vorzuenthalten.

Das wiederum rückt - ebenso wie die Tatsache, dass CNN in seiner Zusammenfassung der jüngsten Video-Botschaft auffallend selektiv vorging - den patriotischen und damit unjournalistischen Aspekt der Abmachung in den Vordergrund: Nur am Rande berichtete CNN, dass Bin Ladin von der amerikanischen Regierung eindeutige Beweise für eine afghanische Verstrickung in die Anschläge vom 11. September fordert. Stattdessen hob der Sender hervor, dass Bin Ladin seine Beteiligung an den Terroranschlägen nach wie vor nicht leugne.

Hat CNN das nötig?

Auch bei dem anschließenden ausführlichen Bericht über wie erwartet kritische Reaktionen aus dem Weißen Haus musste sich der CNN-Zuschauer fragen: Hat der amerikanische Sender diese überdeutliche Parteinahme nötig? Und hat die amerikanische Regierung es nötig, ihre Kritik auf so demonstrative Weise darstellen zu lassen? Übertrieben wirkt weiterhin, dass CNN-Reporter in Beiträgen aus der Kriegs-Region auf Weisung von CNN-Chef Walter Isaacson neuerdings immer wieder darauf hinweisen, der Angriff auf Afghanistan sei nur erfolgt, weil die Taliban den verdächtigen Bin Ladin nicht ausgewiesen hätten. Welchem Fernsehzuschauer sollte diese Information bisher entgangen sein?

Auch eine Spitze gegen den Konkurrenten Al Dschazira konnte sich CNN im Zusammenhang mit der Ausstrahlung des jüngsten Videos nicht verkneifen. Mit kaum verhohlener Skepsis betonten die Nachrichtensprecher, der katarische Sender behaupte nicht zu wissen, wo sich Bin Ladin aufhalte und wie die jüngste Aufnahme zu datieren sei.

Al Dschazira: Kaum geschnitten

Unbeeindruckt von diesen Sticheleien bleibt Al Dschazira seiner Linie treu: Botschaften von Al Qaida werden nur geringfügig geschnitten ausgestrahlt. Auf amerikanische Kritik reagiert der arabische Sender gern mit dem Hinweis, auch CNN habe während des Golfkriegs propagandistische Auftritte Saddam Husseins gesendet.

So nah der Verdacht liegt, Al Dschazira lasse sich von Al Qaida instrumentalisieren - man kann dem Sender nicht vorwerfen, er mache sich zum unkritischen Sprachrohr der Terrorgruppe. Kurz nach Ausstrahlung des zweiten Bin-Ladin-Videos erhielt ein amerikanischer Diplomat zum Beispiel Gelegenheit, in arabischer Sprache eine Gegendarstellung seiner Regierung zu verlesen.

Der Überraschungsangreifer wiederholt sich

Bleibt die Frage: Was bezweckt Bin Ladin eigentlich mit seiner zweiten Video-Botschaft nach dem Beginn der amerikanischen Bombardierung? Reagiert er auf das Verhalten des Afghanistan-Beauftragten der Vereinten Nationen Lakhadar Brahimi, der kürzlich ein Treffen mit einem Taliban-Vertreter verweigerte? Versucht er, die arabischen Regierungsvertreter einzuschüchtern, die sich in einigen Tagen im UN-Hauptquartier treffen werden?

Was immer der Hintergrund von Bin Ladins neuester Ansprache ist, eines fällt auf, wenn man sie mit älteren Video-Botschaften vergleicht: Der Terroristenführer hat offensichtlich sein Gespür für Dramaturgie verloren. Der Mann, dessen stärkste Waffe der Überraschungsangriff ist, fängt an, sich zu wiederholen. Seine neuesten verbalen Attacken sind nichts weiter als längst bekannte anti-westliche Propaganda-Sprüche.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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