06.11.2004 · Amerikas Presse hat ein Problem. Weite Teile der Bevölkerung kehren der „Vierten Gewalt“ den Rücken. Und andererseits nehmen die Journalisten das ländliche, wertkonservative Amerika kaum noch wahr. - Ein gespaltenes Land.
Von Heinrich WefingPünktlich zur Öffnung der Wahllokale in Amerika hat der Blogger Glenn Reynolds von „instapundit.com“ am vergangenen Dienstag in einem kleinen Beitrag für die Meinungsseite der „New York Times“ noch einmal an das überraschend freimütige Bekenntnis eines New Yorker Medienmoguls erinnert. Im Juli, kurz vor Beginn der großen Schlacht ums Weiße Haus, schrieb Reynolds, habe der stellvertretende Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Newsweek“, Evan Thomas, ziemlich ungeschützt erklärt, „die Presse“ wolle, „daß Kerry gewinnt“.
Das ungewohnt offene Wort hat im Sommer in Washington für einigen Wirbel gesorgt; Evan Thomas mußte rasch und heftig zurückrudern. Aber wer hätte nicht an seine Einschätzung gedacht, als unlängst bekannt wurde, der Fernsehsender CBS habe ursprünglich geplant, die Informationen über das Verschwinden riesiger Mengen hochbrisanten Sprengstoffs aus irakischen Bunkern bis zum 31. Oktober zurückzuhalten, also bis exakt zwei Tage vor Ende der Präsidentschaftskampagne, gleichsam als journalistischen Fangschuß für Bush? (Allein das Beharren der „New York Times“, die mit CBS die Recherchen betrieben hatte und auf einer früheren Veröffentlichung bestand, hat wohl am Ende den Coup verhindert.)
Ein altes Vorurteil der Rechten, die Medien seien hoffnungslos linkslastig
Die Überzeugung, die großen Zeitungen und Fernsehstationen der Vereinigten Staaten seien hoffnungslos linkslastig, ist ein altes Vorurteil der amerikanischen Rechten. Der Glaube, die Chefredaktionen an der Ostküste befänden sich fest in der Hand einer liberalen (vorzugsweise jüdischen) Clique, gehört zum Kernbestand konservativer Gewißheiten wie das Bekenntnis zur Todesstrafe oder die Ablehnung der Abtreibung.
Ungezählte Autoren haben in den vergangenen Jahren die These vom „bias“, von der Einäugigkeit der Journaille, auflagenträchtig herausgebrüllt und damit die Wähler der Republikaner aufgepeitscht; der Begriff liberal media ist in bestimmten Kreisen längst zu einem Schimpfwort geworden. Ironischerweise speist sich dieser Haß auf den vermeintlich linken mainstream in den amerikanischen Medien aus demselben Glauben wie der pompöse Ernst, mit dem manche Presseorgane ihre Wahlempfehlungen abgeben: aus der Überzeugung, ihr Wort zähle; ihr Ratschlag könne in hart umkämpften Entscheidungen den Ausschlag geben.
Der Glaube an die Macht der Medien ist erschüttert
Seit letzter Woche ist auch diese Gewißheit erschüttert. Die beispiellose Parteinahme des „New Yorker“ für Kerry, die explizite Unterstützung der „New York Times“ und vieler anderer Zeitungen für die Demokraten, die Titelgeschichte „President John Kerry“ in der Zeitschrift „The New Republic“, der gewaltige Erfolg von Michael Moores wüstem Anti-Bush-Film „Fahrenheit 9/11“: all das hat John Kerry ganz offenkundig nicht geholfen. Und es hat George Bush augenscheinlich nicht geschadet, daß ihm einige Zeitungen in Texas, darunter sogar der „Crawford Iconoclast“, das Lokalblättchen seines Heimatdorfes, die Gefolgschaft verweigert haben.
,Vierte Gewalt‘ fällt gerade in sich zusammen
Was aber heißt das? Bedeutet es, daß die liberalen Medien, genau wie deren konservative Kritiker, grandios den eigenen Einfluß überschätzen? Verhallen ihre Einflüsterungen (respektive: Argumentationshilfen) ungehört? Sind ausgerechnet „die Medien“, denen stereotypisch alle Fehlentwicklungen der Gesellschaft angelastet werden, am Ende ganz machtlos? Glenn Reynolds behauptet ebendas: „Die 'Vierte Gewalt‘ ist ein wichtiger Teil jener nie gewählten, ewigen Regierung, die in vielerlei Hinsicht mehr Einfluß auf die Geschicke des Landes nimmt als die Politiker. Und diese ,Vierte Gewalt‘ fällt gerade vor unser aller Augen in sich zusammen. Das ist, bisher, die größte Geschichte dieses Wahljahres.“
Hübsche These. Vermutlich aber liegen die Dinge komplizierter. Was wir erleben, ist nicht eine plötzliche Implosion amerikanischer Medienmacht, sondern deren schleichende Erosion. Zeitungen und Sender haben nicht auf einen Schlag allen Einfluß verloren. Aggressive Recherche und investigativer Journalismus werden auch in Zukunft Auflage und Gehör garantieren, und einer wie Seymour Hersh, der Nachbohrer und Aufdecker des „New Yorker“, dürfte in den kommenden vier Jahren eher noch mehr zu tun bekommen als bisher.
Den Kontakt zur einen Hälfte des Landes verloren
Was dieser November jedoch enthüllt hat, ist ein doppeltes Wahrnehmungsproblem der Industrie, die Information und Unterhaltung produziert: Sie hat, ganz wie die Demokraten, den Kontakt zur einen Hälfte des uneinigen Landes verloren. Was „New York Times“ oder „Vanity Fair“ schreiben, was bei CNN läuft, wird durchaus noch aufmerksam, teils gläubig verfolgt - aber eben vor allem in der „blauen“ Hälfte Amerikas, jenen Schichten und Milieus, die vor vier Jahren für Gore und jetzt für Kerry gestimmt haben. Das rote Amerika hingegen, das Bush country, ist den Ostküstenblättern und networks als Echoraum weithin abhanden gekommen. Die tiefe Spaltung der Vereinigten Staaten spiegelt sich in der Mediennutzung: Hie sieht man Michael Moore, dort Mel Gibsons „The Passion of the Christ“.
Noch brisanter - und bedenklicher - als dieses Auseinanderklaffen der Adressatenkreise ist der zweite Aspekt des Wahrnehmungsproblems: So wie den großen Pressehäusern und Rundfunkstationen weite Teile Amerikas als Leser und Zuschauer abhanden gekommen sind, so haben auch die Journalisten diese andere Nation, das ländliche und suburbane, wertkonservative Amerika weithin aus den Augen verloren.
Blinde Flecken in der Weltbeobachtung
Wer die Wähler der Republikaner sind, die Bush trotz Irak, Rekorddefizit und weltweiter Isolation, trotz gebrochener Versprechen und einem freihändigen Umgang mit bürgerlichen Rechten zu einer komfortablen Mehrheit verholfen haben, das ist den Lesern der „New York Times“ oder des „San Francisco Chronicle“ so rätselhaft wie den von Bushs Triumph konsternierten Europäern. Wenig hat diese blinden Flecken in der Weltbeobachtung deutlicher gemacht, als die Wahlkampfberichterstattung der vergangenen Monate. Wieder und wieder waren rührende Berichte über das Engagement der Demokraten zu lesen, die in Ohio, New Mexico oder Florida versuchten, massenhaft neue Wähler zu registrieren und zur Stimmabgabe zu bewegen.
Ungezählte Journalisten sind mit den meist jungen Freiwilligen von Tür zu Tür gezogen und haben deren ruheloses Ringen um jeden Bürger aufgezeichnet. Eine hohe Wahlbeteiligung und viele Erstwähler, so die beharrlich repetierte Meinung, könnten Kerry zum Sieg verhelfen. Fast unbemerkt, jedenfalls von den großen Blättern und wichtigen Nachrichtensendungen, blieb dagegen die mindestens ebenso effektive Mobilisierungskampagne der Republikaner. Es dürfte ein gewaltiges Unternehmen gewesen sein, die Kirchgänger Amerikas an die Urnen zu bringen. Die große Reportage über diesen stillen Feldzug aber, der wohl letztlich Bush die zweite Amtszeit beschert hat, muß erst noch geschrieben werden.
Eine Subkultur in den Bush-Territorien
Schon am Abend nach der Wahl hat der Kommentator Bill Schneider bei CNN von einer „Subkultur“ gesprochen, die während der vergangenen Jahre weithin unbemerkt in der „roten“, republikanischen Zone Amerikas entstanden sei. Er benutzte das Wort durchaus nicht herabsetzend. „Subkultur“ meint ein neues, noch ganz unbekanntes Segment der Gesellschaft, eine Lebensform, die sich abseits der großen Städte entwickelt hat und recht komfortabel unterhalb des Radarschirms der Ostküstenintelligenz existiert.
Mitunter mag vielleicht einmal irgendein anspruchsvolleres Magazin einen Reporter in die Weiten Nebraskas oder North Dakotas oder in die wohlhabenden suburbs von Los Angeles oder Miami entsenden. Aber die Geschichten, die diese Journalisten von ihren Exkursionen in das innere Amerika nach Hause senden, haben meist den Beiklang von ethnologischen Berichten, die amüsiert die wunderlichen Gebräuche fremder Völkerschaften beschreiben. Was in den Kirchen und Gemeindehäusern, auf den Spielplätzen und an den Theken der amerikanischen Provinz verhandelt wird, das jedenfalls läßt sich den Expeditionstagebüchern nur selten entnehmen.
Nun allerdings, da die politische Bedeutung dieses „anderen“ Amerikas manifest geworden ist, wird die journalistische Neugier vielleicht ernsthaft erwachen. Das allein garantierte den großen amerikanischen Medienhäusern noch nicht die Zuneigung oder gar das Gehör der ganzen Nation. Aber es wäre vielleicht ein Anfang, wenigstens in Erfahrung zu bringen, wer denn die Menschen sind, denen bestimmte „Werte“ mehr zu bedeuten scheinen als das Sterben im Irak. Immerhin machen sie die Hälfte (und ein bißchen mehr) der unvereinigten Staaten aus.