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Obenauf in Brexit-Debatte : Und am Ende lacht May

Premierministerin Theresa May mit Kanzlerin Angela Merkel bei einer gemeinsamen Nachrichtenkonferenz. Bild: Reuters

Zwei Rücktritte an einem Tag: Das Chaos in der britischen Regierung scheint Theresa May kaum geschadet zu haben. Aber was macht Boris Johnson?

          Am Tag nach dem großen Tumult ließ Theresa May ein Foto ins Netz stellen, auf dem ihre alten und neuen Minister um den Kabinettstisch sitzen und fröhlich in die Kamera lächeln. Darüber stand: „Produktive Kabinettssitzung heute Morgen. Wir freuen uns auf eine arbeitsreiche Woche und senden unsere besten Wünsche an England für morgen.“ Gemeint war das Halbfinale gegen Kroatien – und die Botschaft klar: Die Dinge sind in Ordnung, und wir blicken nach vorne.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Gemessen an Montag, als der Doppelrücktritt von Boris Johnson und David Davis Gerüchte über einen Zusammenbruch der Regierung beflügelte, wirkte die Stimmung am Dienstag in jeder Hinsicht abgekühlt. Ein Temperaturrückgang ließ die Politiker wieder Jacketts über den Sommerhemden tragen, und ein Misstrauensvotum gegen Premierministerin May schien nicht mehr sehr wahrscheinlich. „Die Luft ist gereinigt“, sagte Michael Fallon, einer von Mays vielen ehemaligen Ministern, der allerdings nicht wegen des Brexits, sondern wegen seiner Hand auf dem Knie einer Frau zurückgetreten war.

          Zum ersten Mal nahm Dominic Raab an der Kabinettssitzung teil, ein Brexiteer, der nun Davis im Amt des Brexit-Ministers folgt. Nur den Stuhl tauschen musste der neue Außenminister Jeremy Hunt, der bislang als Gesundheitsminister am Tisch gesessen hatte. Hunt war schon lange für Höheres im Gespräch gewesen, und manche glauben, dass die Nachfolge Boris Johnsons nicht die Endstation seiner Karriere sein muss.

          Unerwartet warmer Empfang

          Hunt gehört zu der seltenen Spezies der Brexit-Konvertiten. Während der Referendumskampagne hatte er sich für den Verbleib in der EU ausgesprochen, ließ sich dann aber von der „Arroganz der EU“ umstimmen. Gäbe es eine abermalige Volksabstimmung, würde er sein Kreuz bei „Leave“ machen. Inzwischen gilt Hunt als besonnener Brexiteer, was die Gewichte im Kabinett verschiebt. Denn mit Boris Johnson fehlt nun die Stimme derer, die den Brexit als „Traum“ definieren und sich einen möglichst klaren Schnitt mit Brüssel wünschen.

          Die neue Personallage interpretierten einige Kommentatoren sogar als Sieg für Theresa May, die nun über ein pragmatischeres und auch „loyaleres“ Kabinett verfüge. Mehrere Brexiteers, darunter Umweltminister Michael Gove und Handelsminister Liam Fox, versicherten am Dienstag ihre Solidarität mit May und schlossen einen Rücktritt aus. Wenn die Einigung von Chequers am vergangenen Freitag etwas erreicht hat, dann die Spaltung des Brexit-Lagers.

          Am Abend nach den Rücktritten erlebte die Premierministerin einen unerwartet warmen Empfang in der Fraktion. Als sie den Saal im Portcullis House, gleich neben dem Westminster Palace, betrat, erhoben sich die Abgeordneten spontan und applaudierten. Nur etwa ein Dutzend Brexiteers blieb sitzen. Respekt wurde ihr entgegengebracht, vor allem für ihren Auftritt im Unterhaus, wo sie sich kämpferisch und zuversichtlich gezeigt hatte. Von den 25 Wortmeldungen in der Fraktionssitzung sollen 21 freundlicher Natur gewesen sein, berichteten Zeitungen am Dienstag.

          Gefahr Misstrauensvotum ist noch nicht gebannt

          Man scherzte sogar miteinander. An einer Stelle erwähnte May mit einem Schmunzeln, dass sie im Sommer auf einen „Wanderurlaub“ (in der Schweiz) gehe. Das ist in London ein geflügeltes Wort, denn im vergangenen Jahr kam sie aus einem Wanderurlaub (in Wales) zurück und verkündete als Ergebnis ihres Nachdenkens eine Neuwahl, bei der die Konservativen schließlich die absolute Mehrheit verloren. „No! No! No!“, riefen ihr die Abgeordneten lachend entgegen.

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