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Dienstag, 18. Juni 2013
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Maueropfer Peter Fechter Verblutet vor den Augen der Welt

 ·  Heute vor fünfzig Jahren starb nicht das erste, aber das bekannteste Opfer des brutalen DDR-Grenzregimes. Peter Fechters Tod löste Empörung gegen die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten aus.

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© dpa Als schon alles zu spät war: Abtransport des Opfers durch DDR-Grenzer

Am liebsten hätte Bundespräsident Lübke am ersten Jahrestag des Mauerbaus auf einer Großkundgebung in Berlin gesprochen. Doch auf Drängen der Vereinigten Staaten, die „östliche Demarchen“ befürchteten, musste er seine Absicht aufgeben. Statt dessen war er wenigstens im Berliner Amtssitz Schloss Bellevue und forderte in einer Ansprache über Funk und Fernsehen am 13. August 1962 jeden Einzelnen auf, in sich den „eisernen Willen zum Widerstand gegen jeden Angriff auf unsere Rechte und unsere Freiheit“ lebendig zu halten. Die Deutschen dürften zuversichtlich sein, weil sie die westlichen Verbündeten an ihrer Seite wüssten.

An diesem Tag zogen Demonstranten entlang der Sektorengrenze mit einem Holzkreuz, das die Aufschrift „Wir klagen an“ trug. In den Abendstunden sammelten sich einige Hundert Menschen in der Bernauer Straße und skandierten: „Es hat kein Zweck, die Mauer muss weg!“ Kurz vor Mitternacht kam es zu Tumulten. Daran waren, so berichtete diese Zeitung, „etwa 10 000 Menschen beteiligt, darunter viele Jugendliche. Nur mit Mühe konnte die West-Berliner Polizei die Menge von der Mauer zurückhalten.“ Am alliierten Sektoren-Übergang „Checkpoint Charlie“ wurde ein Bus mit der Wachablösung für das sowjetische Ehrenmal auf der westlichen Seite des Brandenburger Tores mit einem Stein beworfen und die Windschutzscheibe beschädigt.

Fechters Freund gelang der Sprung in die Freiheit

Am 17. August trafen sich Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und der Regierende Bürgermeister von Berlin (West), Willy Brandt (SPD), in Bonn zu einem Gedankenaustausch über die „augenblickliche Lage der Deutschland- und Berlin-Frage“. Diese verschärfte sich gerade in der alten Reichshauptstadt, wo das 50 Minuten andauernde öffentliche Sterben eines 18 Jahre alten Maurergesellen stattfand, das den Namen Peter Fechter zu einem Symbol für die Brutalität des DDR-Grenzregimes machen sollte. Unweit vom „Checkpoint Charlie“ scheiterte Fechters Fluchtversuch. 34 Schüsse feuerten DDR-Grenzer auf ihn ab, eine Kugel traf und verletzte ihn so schwer, dass er auf östlicher Seite unmittelbar unterhalb der Mauer liegenblieb. Er schrie um Hilfe, aber niemand kam, weder vom Osten noch vom Westen. Schließlich wurde er in ein Krankenhaus abtransportiert, wo man seinen Tod feststellte.

20 Jahre nach ihrem Fall: Die Geschichte der Berliner Mauer

In der Ost-Berliner „Chronik der IV. Grenzabteilung“ hieß es, zwei männliche Personen hätten gegen 14.15 Uhr „in der Zimmerstraße zwischen Markgrafenstraße und Charlottenstraße die Staatsgrenze in Richtung Westberlin zu durchbrechen“ versucht: „Durch vorbildliches Verhalten und gute Feuerdisziplin konnte ein Bandit daran gehindert werden, indem er durch Anwendung der Schusswaffe tödlich verletzt wurde. Der zweite Verbrecher entkam nach Westberlin.“ Dieser zweite hieß Helmut Kulbeik, ein 1944 geborener Freund Fechters. Er heckte den Fluchtplan aus, ihm gelang der Sprung in die Freiheit. Bis heute hat er die tragischen Erlebnisse nicht verarbeitet.

Am Brandenburger Tor fehlt Maschendraht

Im Westen Berlins löste Fechters Tod am 17. August 1962 spontane Empörung aus, mit „Mörder, Mörder“-Rufen gegen DDR-Grenzsoldaten und Sowjettruppen. Beschimpft wurden auch amerikanische Soldaten. „Schutzmacht? Morddulder = Mordhelfer!“ und „Ami go home“ war auf Transparenten zu lesen. Am 19. August rief Brandt über Radio zur Besonnenheit auf und versuchte am Abend, 5000 Menschen vor dem Rathaus Schöneberg zu beruhigen. Es kam zu Demarchen in Moskau und zu einer Erklärung der Bundesregierung, dass die Ende 1961 gegründete „Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen“ in Salzgitter mehr als 800 Fälle aufgelistet habe, für die den „Handlangern des Sowjetzonen-Regimes“ einmal „die volle Härte des Gesetzes“ drohe; alle Deutschen in Ost und West sollten sich „an der Ermittlung der Mörder von Peter Fechter“ beteiligen.

Außerdem schrieb Adenauer an Ministerpräsident Nikita Chruschtschow: Die „Hilfeleistung in Todesnot“ sei dem jungen Deutschen Fechter „mitten in einer Großstadt der zivilisierten Welt vor unseren Augen verwehrt“ worden. Und zum amerikanischen Botschafter Walter C. Dowling meinte der Kanzler, wenn wieder so etwas passiere, „sollte man wenigstens versuchen, dem Opfer Erste Hilfe durch einen Sanitäter zugute kommen zu lassen“. Für den Übergang Friedrichstraße wurde ein Sanitätswagen zugesichert.

„Kluft zwischen Wirklichkeit und Propaganda“

Am 23. August war das nächste Todesopfer zu beklagen: der 19 Jahre alte Unterwachtmeister der Zonentransportpolizei Hans-Dieter Wesa wurde bei einem Fluchtversuch erschossen, nachdem er bereits den französischen Sektor erreicht hatte. Dies führte dazu, dass die Demonstrationen fortgesetzt wurden. Laut einer Aufzeichnung des Auswärtigen Amts vom 31. August befürchtete Adenauer, „dass der Senat die Kontrolle über die unruhigen Elemente verlieren könnte“. Ein Diplomat schloss „ein Gemetzel“ zwischen West-Berlinern und DDR-Volkspolizisten nicht mehr aus.

Beim amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy beschwerte sich Botschafter Wilhelm Grewe am 1. September darüber, dass zwischenzeitlich in Berlin die Wachablösung für das sowjetische Ehrenmal mit Schützenpanzern durchgeführt werde. Dem maß Kennedy wenig Bedeutung bei. Aus seiner Sicht war entscheidend, „was die Sowjets für ein gewisses Maß von Anerkennung der Zone zu zahlen bereit“ wären. Er stellte sich „einen nicht unbeträchtlichen Preis“ vor. Kurz darauf wurde aber bekannt, dass die Westmächte die Sowjets aufforderten, die Wachablösung wieder in Bussen zum Ehrenmal zu bringen.

Für den Brandt-Berater Egon Bahr tat sich am 17. August 1962 die „Kluft zwischen Wirklichkeit und Propaganda“ auf. Dazu habe das Verhalten jenes amerikanischen Leutnants vom „Checkpoint Charlie“ beigetragen, von dem die Zuschauermenge ein Eingreifen zugunsten Fechters erwartete: „Uniform und Recht der Besatzungsmacht würden es ihm gestatten, über die Mauer zu steigen und den Mann zu holen.“ Als er erklärte, „das sei jenseits seines Auftrags“, sei den West-Berlinern schlagartig klargeworden, „dass die Vier-Mächte-Rechte nur noch Sprechhülsen waren. Die Kompetenzen der Westmächte endeten an der Mauer.“ Daraus zog Brandt bald eigene Schlüsse.

Ein Bild Peter Fechters (mittlere Reihe, ganz links) hängt an der Gedenkstätte Berliner Mauer an einer Wand mit Porträts von Mauertoten © dapd Ein Bild Peter Fechters (mittlere Reihe, ganz links) hängt an der Gedenkstätte Berliner Mauer an einer Wand mit Porträts von Mauertoten
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Jahrgang 1952, Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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