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Martina de Maizière im Gespräch „Zu viel Mitleid powert die Leute aus“

Die Frau des Verteidigungsministers ist seit kurzem Schirmherrin der Familienbetreuungszentren der Bundeswehr. Im F.A.S.-Interview spricht Martina de Maizière über die Nöte von Soldatenfamilien, über ihren Mann und die Kanzlerin.

© Julia Zimmermann Vergrößern Martina de Maizière

Martina de Maizière ist mit dem Soldatenleben nicht erst vertraut, seit ihr Mann Thomas im Jahr 2011 Verteidigungsminister wurde. Vielmehr hat sie in eine Soldatenfamilie eingeheiratet. Ihr Schwiegervater, Ulrich de Maizière, war Offizier und Generalinspekteur der Bundeswehr. Auch deshalb zögerte die Frau des Ministers nicht lange, als der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, kürzlich fragte, ob sie sich um die Familien der Soldaten im Einsatz kümmern wolle. Sie will. Seitdem ist sie Schirmherrin der Familienbetreuungszentren der Truppe.

Durch ihren Beruf hatte sie schon früher mit traumatisierten Menschen zu tun. Als sie mit ihrer Familie in Schwerin lebte, beriet sie Schwangere in Konfliktsituationen. Sie hatte dabei auch mit sexuell missbrauchten Kindern zu tun. Heute berät sie als Coach und Supervisorin Führungskräfte aus Wohlfahrtsorganisationen und Krankenhäusern.

Die Familie lebt in Dresden, die drei Kinder der de Maizières sind schon erwachsen. Der jüngste Sohn hatte erwogen, als freiwillig Wehrdienstleistender zur Bundeswehr zu gehen. Als der Vater Verteidigungsminister wurde, entschied er sich dagegen. Ihr Mann habe etwas geschluckt, die Entscheidung aber verstanden, sagt Martina de Maizière.

Kümmert sich die Bundeswehr nicht genug um die Familien der Soldaten, oder warum muss die Frau des Ministers eingreifen?

Einerseits hat die Bundeswehr bei diesem Thema viel dazugelernt. Andererseits gibt es inzwischen viele Soldaten, die fünf-, sechsmal oder öfter im Einsatz waren. Manche durchaus, weil sie das wollen. Aber die Familien sind in dieser Zeit alleine. Und es ist etwas anderes, ob ein Familienmitglied ein paar Monate zu irgendeiner Verwendung ins Ausland fliegt oder in einen Militäreinsatz, bei dem es um Leben und Tod gehen kann.

Was ist Ihre Rolle?

Es kommt ja nicht nur darauf an, dass Soldaten aus dem Einsatz zurückkehren, sondern wie. Wenn sie sich verändert haben, entstehen oft Konflikte. Hier will ich versuchen zu helfen durch eine verbesserte Familienbetreuung.

Was ist so schwer?

Vor allem ist es schwer, Anschluss an den Alltag zu finden. Die großen Ereignisse wie Hochzeiten in der Familie, Geburten oder Ähnliches sind längst besprochen. Aber es ist schwierig, sich in die alltäglichen Sorgen der anderen, zum Beispiel die Nöte des Sohnes mit dem Mathelehrer, hineinzuversetzen.

Trauerfeier für Peter Struck © dpa Vergrößern Die de Maizières auf der Trauerfeier für Peter Struck

Kann man sich darauf vorbereiten?

Das ist schwierig. Neulich habe ich in einem Familienbetreuungszentrum eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern gesprochen. Der Mann war zum zweiten Mal im Auslandseinsatz. Sie erzählte, wie verändert er vom ersten Aufenthalt zurückgekommen sei. Nun wisse sie das ja und könne sich schon mal darauf vorbereiten, ihn langsam wieder in die Familie zurückzuholen. Ich will erstens auf diese Probleme hinweisen und zweitens auf die Möglichkeit zu helfen.

Wenn Sie mit den Frauen von Soldaten reden, die im Einsatz sind, erzählen die dann von ihren Ängsten?

Die Partnerinnen sagen selten, dass sie Angst haben. Die Mütter tun das viel öfter.

In der Generation Ihres Schwiegervaters war es selbstverständliches Frauenschicksal, zu Hause zu warten und zu bangen, während die Männer im Krieg waren. Heute sind Krieg und Töten in der Gesellschaft tabuisiert. Fühlen sich die Angehörigen allein mit ihrem Schicksal?

Ja, viele schon. Sie fühlen sich zwar in ihrer Familie und in der Bundeswehr nicht allein. Aber oft wissen die Arbeitskollegen nicht, dass der Mann im Einsatz ist. Das gilt meist auch für die Lehrer der Kinder von Soldaten. Die wenigsten Kinder erzählen in der Schule, dass ihr Vater im Auslandseinsatz ist. Auch weil sie Angst haben vor dummen Sprüchen oder kritischen Fragen.

Wie fühlt sich das für die Familien in einer Gesellschaft an, die den Afghanistankrieg mehrheitlich für sinnlos hält?

Für die Frauen ist das Gefühl schwer zu ertragen, dass das, was ihre Männer tun, als sinnlose Aktion gilt. Sie spüren, dass sie sich, wenn sie ihre Männer unterstützen, ins Abseits stellen. Und dann hören sie noch Sprüche wie: Jammer’ nicht rum, du hast das ja gewusst. Oder: Es wird ja schließlich gut bezahlt.

Martina de Maiziere uebernimmt Schirmherrschaft fuer Familienbetreuung der Bundeswehr © dapd Vergrößern Martina de Maiziere mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker

Wie viele Partnerschaften zerbrechen während Auslandseinsätzen?

Etwa ein Drittel. Allerdings sind das in der Regel jüngere Leute, die sich noch nicht lange kennen.

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