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Kommentar : Den einzigen Trumpf ließ Schulz stecken

SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz Bild: dpa

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz traf im Wahlkampf eine verhängnisvolle Fehlentscheidung: Er wollte nicht mehr der gestählte Europäer sein, sondern der nette Mann von nebenan.

          Anfang der Woche hatte die SPD – oder ihre Werbeagentur – wieder eine Idee, die schon im Rohr krepierte. Martin Schulz schrieb den Bürgern einen Brief, schön mit der Hand, er wurde in den Zeitungen als Werbung gedruckt. Der Kandidat zählte darin vier Punkte auf, die für ihn nach der Wahl nicht verhandelbar seien. Das macht natürlich niemand, der Kanzler werden will. So verhalten sich Leute, die als Juniorpartner mit am Tisch sitzen, aber nicht über selbigen gezogen werden wollen. Immerhin: Drei der vier Bedingungen standen nicht im Wahlprogramm der Union. Aber die vierte? Sie lautete allen Ernstes: „Wir wollen ein starkes und solidarisches Europa!“ Darüber müsste man in Koalitionsverhandlungen nicht einmal reden.

          Leider war das kein Ausrutscher, sondern symptomatisch für den gesamten Wahlkampf des Kanzlerkandidaten Schulz. Zu Europa fiel ihm wenig mehr ein als Leerformeln. In seiner Standardrede handelte er es ab wie ein Pflichtthema: am Ende, fünf von 45 Minuten. Er schimpfte auf Viktor Orbán, machte sich ein paar Sorgen über den künftigen Zusammenhalt und sagte: Ein starkes Europa ist der beste Schutz für Deutschland. Fast genauso steht es auf einem Wahlplakat – der CDU. Die einzige europapolitische Initiative der SPD ging ausgerechnet von Sigmar Gabriel aus. Der Außenminister warb, gut begründet, für höhere deutsche Zahlungen in die EU-Gemeinschaftskasse. Doch Schulz traute sich nicht, den Ball aufzunehmen. Die Debatte über die Zukunft Europas überließ er Jean-Claude Juncker in Brüssel und Emmanuel Macron in Paris.

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          Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung

          Jedem anderen Kandidaten hätte man es nachsehen können, dass er so verzagt über Europa spricht. Nicht aber einem Mann, dessen politischer Aufstieg sich gerade dort vollzogen und der die europäische Politik wesentlich mitgeprägt hat. Martin Schulz war 23 Jahre lang Mitglied des Parlaments in Straßburg, davon acht Jahre als Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten und fünf Jahre als Parlamentspräsident. In diesem höchsten Amt hat er mehr Macht entfaltet als jeder Vorgänger. Schulz bearbeitete den widerwilligen Tsipras in der Schuldenkrise, er rang mit Erdogan um Reformen in der Türkei und rettete das Freihandelsabkommen mit Kanada. Gemeinsam mit Kommissionspräsident Juncker, seinem Freund, bestimmte er die Leitlinien der europäischen Politik. Und konnte sie wortmächtig erklären wie kaum ein Zweiter. So wurde Schulz in Deutschland bekannt, so stieg er in der SPD zum Hoffnungsträger auf.

          Doch als sich seine persönlichen Hoffnungen erfüllten und die Partei ihn auf den Schild hob, traf Schulz eine verhängnisvolle Fehlentscheidung: Er wollte plötzlich nicht mehr der gestählte Europäer sein, sondern der nette Mann von nebenan, der die Sorgen seiner Nachbarn kennt. Elf Jahre lang Bürgermeister von Würselen – das schleuderte Schulz jedem entgegen, der ihn auf seine mangelnde Regierungserfahrung ansprach. Man erfuhr, dass bei ihm gegenüber ein kranker Rentner und ein Mann von der Feuerwehr wohnen und dass die Leute neben ihm ein kleines Kind haben. Schulz betrat die deutsche Bühne als Kümmerer, nicht als Krisenmanager.

          Nun kommt es in der SPD immer gut an, wenn einer die kleinen Leute kennt und so redet wie sie. Außerdem versuchte Schulz die Kritik zu unterlaufen, die ihm als Europapolitiker sogleich entgegenschallte: bürokratisch, abgehoben, elitär. Diese Kritik war insofern ein Problem für ihn, als er die Vorteile seines Amtes weidlich ausgekostet hatte – und frühere Kollegen auf Rache sannen. So wurden schnell allerlei unangenehme Details bekannt, darunter die Dauerdienstreise eines Mitarbeiters, der nun den Wahlkampf organisieren sollte. Schulz hätte diese Vorwürfe sofort aufklären sollen. Stattdessen wich er aus, indem er willentlich zum Provinzpolitiker schrumpfte.

          Dafür zahlt er einen ungemein hohen Preis. Die Deutschen wählen Politiker nämlich nicht deshalb zum Kanzler, weil sie ihnen sympathisch sind, sondern weil sie ihnen etwas zutrauen – das Land auch dann noch gut zu führen, wenn kein Koalitionsvertrag mehr weiterhilft. Wie soll man so etwas beurteilen, wenn einer erstmals antritt? Indem man sich ein Urteil darüber bildet, wie standfest und klug er in früheren Verwendungen war. Als Europapolitiker hatte Schulz etwas vorzuweisen, er spielte jahrelang auf Augenhöhe mit der Kanzlerin. An sein Wirken in Würselen vor drei Jahrzehnten konnte sich dagegen niemand erinnern. Und als Kanzlerkandidat ohne Kabinettsposten fehlte ihm die Möglichkeit, Regierungstauglichkeit auf den letzten Metern nachzuweisen.

          Die Bewerbung von Martin Schulz war ein Experiment. Erstmals versuchte ein Europapolitiker, das Kanzleramt zu erobern. Zugegeben: Die Chancen standen von vornherein nicht besonders gut, das lag nicht an ihm. Aber seinen besten, letztlich einzigen Trumpf stecken zu lassen, das war seine Entscheidung.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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