08.05.2007 · Er war einmal Führer der IRA, nun ist er der neue Innenminister Nordirlands: Martin McGuinness. Sein Leben als Terrorist ist endgültig Vergangenheit. Was in der Zukunft Bestand haben wird, ist das Bild des McGuinness als Verhandler, gar als Friedensstifter.
Von Bernhard HeimrichWer begreifen will, was am Dienstag in Nordirland passiert ist, muss sich nur den neuen Innenminister anschauen, Martin McGuinness. Oder, noch besser, den Innenminister und seinen neuen Chef, den „Ersten Minister“ Ian Paisley. Paisley war der Lautsprecher der protestantischen Unionisten, der dröhnend gelobt hatte, niemals nachzugeben. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu seinem Koalitionspartner. McGuinness war sogar einmal Generalstabschef der IRA gewesen, und zwar zu einer Zeit, als die Abkürzung noch die Abendnachrichten fast jeden Tag mit Entsetzen füllte. Der Mann also ist jetzt Innenminister der neuen Provinzregierung, will sagen, auch Polizeichef - und auch für die Protestanten.
Die Nordiren hatten nur wenig Zeit, sich an das neue Gruppenfoto zu gewöhnen. Während der ersten Amtszeit der Provinzregierung vor der Suspendierung, der McGuinness schon als Erziehungsminister angehört hatte, sind DUP-Politiker ihren Sinn-Fein-Kollegen beleidigt aus dem Weg gegangen. Umso erstaunter durften die Leute sich vor einer Woche die Augen reiben, als Paisley und McGuinness jovial eine Pressekonferenz zelebrierten. Bei der Gelegenheit hatten sie einander noch geziert und indirekt als „Erster Minister“ und „Stellvertretender Erster Minister“ tituliert, aber die Entspannung war sozusagen mit Händen zu greifen.
McGuinness als Friedensstifter
Der blutrünstige Teil seines Lebenslaufs scheint etwas ganz anderes zu erzählen; aber wer diese Bilder sieht und den Weg dahin, beginnt zu glauben, was man sonst noch über McGuinness raunt: er habe eine erstaunliche Art, mit Menschen umzugehen. Er selbst hat erst am Montag mit seinem listigsten Lächeln verraten, er habe während der letzten Jahre „einen Gesprächspartner, eine Quelle“ im Zentrum der protestantischen Gegner gehabt. Der Gedankenaustausch mit diesem Maulwurf habe ihm die Gewissheit gegeben, die Zeit sei reif für ein politisches Geschäft. Das ist schon das zweite Geheimnis, das McGuinness freiwillig preisgegeben hat.
Vor wenigen Jahren hatte er als einziger IRA-Führer offen zugegeben, er sei ein IRA-Führer „gewesen“. Damit wollte er der Kommission, die zum zweitenmal den nordirischen Blutsonntag von 1972 untersuchen sollte, diesmal aber ehrlich, ein Beispiel für Offenheit geben. Das Blutbad, das britische Soldaten in McGuinness' Heimatstadt Londonderry anrichteten, sollte das wichtigste Datum seines Lebenslaufs werden. Anfangs war McGuinness noch Metzgerlehrling gewesen, dann warf er das ordentliche Leben hin und wurde Terrorist. Er avancierte rasch, und Anschläge seiner Einheit ließen Londonderry manchmal aussehen wie nach einem Bombenangriff. Er ließ die Briten, die das nordirische Apartheidregime stützten, bezahlen. Mehr als zwei Dutzend Soldaten starben in den Gassen Derrys, das Doppelte der zivilen Todesopfer jenes Blutsonntags.
Das alles wurde am Dienstag noch einmal Vergangenheit - und endgültig. Was in der Zukunft Bestand haben wird, ist das Bild des Martin McGuinness als Verhandler, gar als Friedensstifter. Auch dieser Faden ist seit 1972 in sein Leben gewebt. Damals hatte die britische Regierung den Zwanzigjährigen sogar heimlich in ein englisches Landhaus fliegen lassen, aber ohne Erfolg. Heute ist McGuinness nicht nur Unterhausabgeordneter und Provinzminister, sondern auch Großvater mit fünf Enkeln.