Home
http://www.faz.net/-gpf-74xyf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Mario Monti Der Technokrat wird Politiker

Mario Monti will im Wahlkampf nicht der Regierungschef sein, der sich nicht wehren darf. Nach seinem Rücktritt könnte er mit einem Parteienbündnis selbst antreten - und als Staatspräsident enden.

© dapd Vergrößern Der Gejagte wird zum Jäger: Mario Monti geht in die Offensive

In der vorigen Woche war Silvio Berlusconi der Jäger, der die ganze italienische Politik aufscheuchte. Seit Sonntag wird der frühere Ministerpräsident, der gern auch der künftige wäre, selbst gejagt. Mario Monti ist hinter ihm her. Gemeinhin gilt der amtierende Regierungschef zwar als stiller Technokrat, als kühler Ökonom. Am Freitag bekundete Monti selbst dann noch, er werde „weiterregieren“, als der Generalsekretär der Berlusconi-Partei „Volk der Freiheit“ (PdL), Angelino Alfano, im Abgeordnetenhaus mitgeteilt hatte, die „Erfahrung Monti“ sei zu Ende: Das PdL könne das Kabinett nicht länger mittragen, denn „vor 13 Monaten wurde die Regierung Monti geboren, damit es dem Land bessergeht. Stattdessen geht es ihm schlechter.“

Jörg Bremer Folgen:    

Monti ist ein stolzer Mann. Trotzdem beließ er es zunächst dabei, das Urteil „ungerecht“ zu nennen, habe das PdL doch „alle Entscheidungen der Regierung mitgetragen“. Den Samstag über dachte Monti nach. In Cannes sah er sich am Mittag auf der „World Policy Conference“ wieder einmal den Befürchtungen der Europäer über Italiens Zukunft ausgesetzt. Freunden soll er danach gesagt haben, er könne nicht länger den Populismus anderer in Italien zu verbrämen suchen. Sein Kabinett rief er nicht zusammen, bevor er am Abend Staatspräsident Giorgio Napolitano mitteilte, er werde nach Verabschiedung des Haushalts 2013 und des neuen Stabilitätsgesetzes zurücktreten - also wohl noch vor Weihnachten.

© reuters Vergrößern Italien: Monti zurücktreten

„Ich lasse mich weder durchlöchern noch verschleißen“, soll Monti dem verdutzten Präsidenten gesagt haben, der offenbar gar nicht mehr versuchte, den Ministerpräsidenten umzustimmen. Er habe Verständnis für Montis Entscheidung, ließ der Präsident später mitteilen, und offiziell hieß es im Kommuniqué, „die politischen Kräfte“, die die Regierung nicht mehr unterstützen, trügen „die Verantwortung für die durch den Verlust der Mehrheit provozierten Folgen“. Damit hat der Präsident für die Verhältnisse seines Amtes unverblümt gesagt, dass der 76 Jahre alte Berlusconi alle Schuld trägt und Monti keine. Der „Technokrat“ erhielt die nötigen Weihen, Politiker zu werden.

Der 69 Jahre alte Ökonom und Senator auf Lebenszeit, der an der Regierungsspitze bisher von der Gnade der Parteien abhing, könnte nun mit den Kräften der Mitte um den Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo, mit der christdemokratischen Zentrumsunion UDC, aber auch mit Berlusconis früherem PdL-Außenminister Franco Frattini gegen den PdL-Übervater in den Wahlkampf ziehen. Monti könnte mit einem solchen Bündnis versuchen, jene Wähler zu gewinnen, die 2008 Berlusconi den Sieg brachten und später von ihm enttäuscht waren; all jene, die - nach den Worten Berlusconis - das Land „nicht der Linken überlassen wollen“. Darüber denke Monti nun nach, hieß es am Sonntag in Rom. Nach den aktuellen Umfragen würde Monti die Wahl freilich verlieren. Aber ein Achtungserfolg könnte ihn zum wohl einzigen Kandidaten für das Präsidentenamt machen. Im Spätfrühling endet nämlich die Amtszeit Napolitanos.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reaktionen in Israel Eine gute Rede

Das Lob, das Benjamin Netanjahu in Israel für seinen Auftritt im Kongress erhielt, hat er dringend nötig. Im israelischen Wahlkampf ist die Partei des Ministerpräsidenten ins Hintertreffen geraten. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

03.03.2015, 20:09 Uhr | Politik
Formel 1 Vettel: Wollen mit Ferrari zweite Kraft werden

Sebastian Vettel hat sich am Donnerstag in Mönchengladbach zuversichtlich gezeigt, mit seinem neuen Team Ferrari Spitzenergebnisse in der Formel-1-Saison 2015 erreichen zu können. Mehr

05.03.2015, 16:04 Uhr | Sport
Netanjahu in Washington Ein zweifelhafter Gast

Affront gegen Obama: Der israelische Ministerpräsident Netanjahu auf Besuch in Washington. Nur hat ihn die Regierung nicht eingeladen. Iran freut sich währenddessen über das Spektakel. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

02.03.2015, 07:28 Uhr | Politik
Wahl in Hamburg Klarer Sieg für Scholz

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und seine SPD haben die Bürgerschaftswahl am Sonntag klar gewonnen, ihre absolute Mehrheit im neuen Sechs-Parteien-Parlament aber verloren. Mehr

16.02.2015, 09:17 Uhr | Politik
AfD-Vizechef im Porträt Die drei Leben des Alexander Gauland

Erst war er in der CDU ein diskreter Mann im Hintergrund. Dann wurde er ein Publizist, den auch die Linken lobten. Seit zwei Jahren ist er Vizechef der AfD. Hat ihn das verändert? Mehr Von Markus Wehner

28.02.2015, 12:29 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.12.2012, 17:38 Uhr

Folgen einer Niederlage

Von Berthold Kohler

Sahra Wagenknecht konnte sich nicht gegen Gregor Gysi durchsetzen. Wie auch: Der alte Fuchs steht unter Zeitdruck. Mehr 4 6