27.11.2006 · Mülltrennung und dänische Sandalen: Seit sieben Wochen kreuzt die deutsche Marine im Auftrag der UN vor der libanesischen Küste. Von einem Kampfeinsatz kann man kaum reden. Stephan Löwenstein war an Bord.
Von Stephan Löwenstein, Limassol / ZypernEs ist ein milder Abend, der sich früh über das östliche Mittelmeer gesenkt hat. Klar funkeln die Sterne, die Sichel des abnehmenden Mondes liegt tief backbord voraus. Den Fahrtwind von annähernd 30 Knoten spürt auf dem Achterdeck nur, wer den Kopf über die Reling streckt, aus dem Windschatten der hohen Aufbauten des „Glenten“, oder wer sich ganz hinten hinstellt und die Wasserfontäne betrachtet, die die drei von Dieselmotoren und zugeschalteter Gasturbine angetriebenen Schrauben aufwerfen.
Rauchend stehen einige Marinesoldaten in Sandalen und kurzen Hosen dabei, sie halten sich aus dem Wind. „Sie können gerne in unserem Garten spazierengehen“, hat Lasse Hirsch gesagt, der Kommandant des dänischen Schnellboots. „Sie werden sicher dort jemanden treffen.“
Landgang auf Zypern
Der „Glenten“ eilt Limassol zu. Knapp eine Woche waren die gut 20 Soldaten draußen, sie freuen sich auf den Landgang. Der Hafen der zyprischen Strandurlauberstadt ist die Basis der multinationalen Seestreitmacht, die, von einem deutschen Admiral geführt, die Gewässer vor dem Libanon überwachen soll. Drei, vier Tage haben sie nun eine etwas entspanntere Zeit, freilich muß auf dem Schiff saubergemacht und Material gewartet werden.
Geschlafen wird auch im Hafen an Bord. „Das ist doch kein Problem, wir haben es hier schön“, sagt einer der Soldaten ganz ohne Ironie. Er zeigt die Kajüte, die er mit einem Mann teilt: zwei Kojen, ein Schreibtisch, davor Platz, um auf dem Hacken umzukehren, und vor allem: eine eigene Naßzelle mit Toilette und Dusche. Komfort der neunziger Jahre, selbst der Schrank sieht mehr nach skandinavischem Möbelhaus aus als nach Spind.
Auf dem Schnellboot „Hyäne“ ist es eng
In der geräumigen Offiziersmesse hängt ein ausgestopfter Falke in der Ecke, der Namensgeber des „Glenten“. Wie anders sieht es da auf der deutschen „Hyäne“ aus, dem zehn Jahre älteren deutschen Schnellboot. Sie ist schmaler und nicht so hoch gebaut, dafür beträgt die Mannschaftsstärke das Doppelte. Sieben Tage Einsatz wären hier unmöglich, schon gar nicht, wenn das Wetter nicht so schön ist wie an diesem milden Novembertag.
Doch die „flache Signatur“ gilt militärisch als Vorteil, und die „Hyäne“ macht gut zehn Knoten mehr. Aber hier gibt es nur eine Kajüte, die des „Kaleun“, sie müßte im Bedarfsfall als Lazarett herhalten. Dann käme der „Smut“ aus der Kombüse, die in die des Dänen viermal passen würde, über den schmalen Gang: Der Schiffskoch ist auch der Notsanitäter. Jetzt brät er aber Schweinesteaks. Das macht er gut.
Probleme mit den Schweden
Seit sieben Wochen kreuzen die Schiffe vor der Levante: fünf Fregatten aus Bulgarien, Griechenland, der Türkei und Deutschland, das zwei dieser großen Einheiten stellt; und zwölf der kleineren Korvetten und Schnellboote aus Deutschland, Norwegen, Dänemark und Schweden. Wie klappt da die Verständigung? Sie funktioniere, so die gleichlautende Angabe auf die stichprobenartige Nachfrage bei Deutschen und Dänen hin.
Man spricht englisch, und mindestens die, die über die eigene Bordwand hinausschauen müssen, beherrschten das. Ein Problem habe es anfangs gegeben, so ist zu hören, und zwar nicht etwa mit Türken, Griechen oder Bulgaren (deren Kriegsschiff belgischer Herkunft ist), sondern mit den Schweden: Als „neutrales“, also Nicht-Nato-Land habe die Übermittlung als geheim eingestufter Daten Schwierigkeiten bereitet. Inzwischen hat man einen Weg ausgetüftelt, auf dem das gehe.
Selbst an Bord wird Müll getrennt
Auch andere Anfangsschwierigkeiten scheinen behoben. Inzwischen hat jeder der deutschen Marinekräfte angeblich sein blaues Barett. Als Franz Josef Jung vor drei Wochen das Kontingent besuchte, mußten die Mützen in der UN-Farbe noch hintenherum durchgereicht werden, als der Verteidigungsminister, die Kameraleute im Kielwasser, seinen Rundgang durch das Flaggschiff machte.
Die dänischen Sandalen sind keineswegs Ausdruck einer Undiszipliniertheit, sie gehören eben zur Uniform. Der blaue Gefechtsanzug der Deutschen besteht aus feuerhemmendem Stoff, die Schaftstiefel gehören auch im östlichen Mittelmeer dazu. Unterschiede bei dem, was anderswo Unternehmensphilosophie heißt, gibt es natürlich. „Mülltrennung geht uns alle an“, steht über den drei Eimern in der Kommandozentrale der Fregatte „Brandenburg“, „Papier hinten, Restmüll Mitte, Metall vorn.“
Der dänische „Glenten“ und die deutsche „Hyäne“
Die Trennung wird angeblich auch hier in den levantinischen Gewässern eingehalten. Der Däne zuckt die Schultern: Zu Hause, in der Ostsee, trenne man auch. Aber hier, wo in Limassol sowieso alles in einem Container lande und dann wahrscheinlich irgendwohin in die Berge gekarrt werde, wozu?
Doch wo es drauf ankommt, sind die Grundsätze gleich. Die Waffenstationen sind aufmunitioniert, und die Schützen stehen bereit, wenn die Boote, ob der dänische „Glenten“ oder die deutsche „Hyäne“, in das Operationsgebiet einfahren. Beide könnten mit ihren 30-Millimeter-Kanonen gut 100 Schuß in der Minute abfeuern und verfügen über Luftabwehrraketensysteme. Mit Maschinengewehren könnten „asymmetrische“ Angreifer links und rechts bekämpft werden.
Datenaustausch per Computer
Auftrag der kleineren Einheiten, der Korvetten und Schnellboote, ist es, die küstennäheren Gebiete zu befahren. Man hat sich mit den Libanesen auf eine Zone von sechs bis zwölf Seemeilen vor der Küste verständigt. Was näher liegt, wird von den Libanesen in ihren Küstenschutzbooten befahren - wenn die Wellen nicht zu hoch schlagen, denn dann werden die internationalen Boote hereingebeten.
Die größere Fläche weiter draußen wird von den Fregatten überwacht. Die Operationszentralen der Schiffe gleichen sich im Grundsatz: Ob große Fregatte oder enges Schnellboot, überall kann man sich in den abgedunkelten Räumen ein Bild davon machen, welches Wasserfahrzeug sich wo im Einsatzgebiet bewegt. Was identifiziert ist, wird entsprechend mit den Computern markiert und im Datenaustausch an die anderen übermittelt.
Funkspruch: „Dies ist ein UN-Kriegsschiff“
Was unklar ist oder sich von außen dem Einsatzgebiet nähert, wird von dem für die Gegend zuständigen Wasserfahrzeug auf englisch angefunkt: „Dies ist ein UN-Kriegsschiff. Wir operieren auf der Grundlage von UN-Resolution 1701.“
Dann wird gefragt: Name des Schiffes? Reeder? Woher? Wohin? Was an Bord? Die Angaben werden verglichen mit den Listen, die man aus verschiedenen Quellen hat: Behörden der Herkunftsländer, eigene Datenbanken, gewiß auch Geheimdienstinformationen. Mehr als tausend solcher „Hailings“ wurden schon gemacht.
Zigaretten statt Raketen geschmuggelt
Ergäbe sich eine Unstimmigkeit, zeigte sich der Kapitän „unkooperativ“, ergäben sich Auffälligkeiten im Kurs oder sonstigen Verhalten des Schiffes, so wäre zu handeln. In erster Linie würde man dann den libanesischen Behörden den Hinweis geben, bei dem Schiff einmal näher nachzusehen, sagt Admiral Krause, der Kommandeur des multinationalen Flottenverbands. Oft kam das noch nicht vor.
Einmal fuhr ein Schiff einen merkwürdigen Kurs, mal schnell, mal langsam, und antwortete nicht. An Land stellte sich heraus: Weder Schiff noch Skipper waren seetüchtig. Konterbande war nicht an Bord. Ein anderes Mal löste sich, auf dem Radarschirm erkennbar, ein „Kontakt“ von einem Schiff. Das war ein Schmuggler, doch statt Raketen fanden Libanesen eine Menge Zigaretten.
Ein Kampfeinsatz?
Ist das der „Kampfeinsatz“, auf den Jung die Deutschen vorzubereiten suchte? Der mit Darbietungen von kühnen „Boarding“-Manövern bewaffneter Spezialisten, die sich aus dem Hubschrauber abseilten, suggeriert wurde? „Der Erfolg der Operation orientiert sich nicht an durchgeführten Boardings, sondern an der Tatsache, ob Waffen über See geschmuggelt worden sind. Derzeit haben wir darauf keinen Hinweis“, sagt Krause. Unbemerkt bleibe kein noch so kleines Schiff. „Uns rutscht keiner durch.“
Der Admiral gibt zu, daß er zuerst auch an eine andere Art eines Einsatzes gedacht hatte. „Wir sind anfangs mit einem ganz anderen Bild vor Augen ausgelaufen.“ Aber wird nicht der Bock zum Gärtner gemacht, wenn die libanesischen Stellen mit der eigentlichen Durchsuchung betraut werden? Ist nicht die Hizbullah die am besten organisierte Kraft im Lande und kann die richtigen Leute an die richtige Stelle setzen - oder schmieren?Krause sucht die Bedenken zu zerstreuen. „Ich bin überzeugt davon, daß die libanesische Marine alles dafür tut, um ihren Auftrag zu erfüllen.“
„Der Sicherheitsrat fordert die Regierung Libanons auf, ihre Grenzen und anderen Einreisepunkte zu sichern, um zu verhindern, daß Rüstungsgüter und sonstiges Wehrmaterial ohne ihre Zustimmung nach Libanon verbracht werden, und ersucht die Unifil, der Regierung Libanons auf deren Ersuchen hin behilflich zu sein.“ So lautet die einschlägige Passage der UN-Resolution, die am 11. August beschlossen wurde, damit der israelische Sommerfeldzug in dem nördlichen Nachbarland gegen die schiitische Hizbullah-Miliz beendet werden könne. Auftrag der UN-Mission Unifil ist es also, die Souveränität der libanesischen Regierung zu stärken. Man kann sich denken, daß die Militärs die Entwicklung im Lande entsprechend aufmerksam verfolgen.