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Marcel Reich-Ranicki Der Zeitzeuge

 ·  Welchen Unterschied es macht, wenn am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz kein Politiker spricht, sondern ein Zeitzeuge: Marcel Reich-Ranickis Auftritt im Bundestag ist denkwürdig.

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Selbst wenn Marcel Reich-Ranicki kein Wort gesagt hätte, wäre sein Auftritt im Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus denkwürdig gewesen. Schon die Präsenz des 91 Jahre alten Mannes, der das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte selbst erfahren musste und sein Leben dennoch wie kaum ein anderer in den Dienst der deutschen Sprache und Kultur gestellt hat, war geeignet, den Anwesenden Demut, Bewunderung und Dankbarkeit einzuflößen.

Welchen Unterschied es macht, wenn am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz kein Politiker spricht, sondern ein Zeitzeuge den Anlass vergegenwärtigt, konnte man an diesem Datum nicht häufig erleben. Möglicherweise war diese politische Stunde mit Reich-Ranicki die letzte, bei der die Geschichte derart unmittelbar mit im Raum stand - wenige Tage nach dem siebzigsten Jahrestag der Wannsee-Konferenz, jener „Besprechung mit anschließendem Frühstück“, bei welcher der Holocaust geplant und organisiert wurde.

Kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen

Geradezu unfasslich mutet es darum an, dass ein 2008 von der Bundesregierung in Auftrag gegebener Expertenbericht nun bei zwanzig Prozent der Deutschen latenten Antisemitismus erkennt - das sind zwanzig Prozent zu viel, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert richtig feststellte. Wie aber soll diese Tendenz bekämpft werden, wenn die Vergangenheit für nachwachsende Generationen immer abstrakter wird? Zum Glück ist „Mein Leben“, die Autobiographie Marcel Reich-Ranickis, schon lange Schullektüre. Auch seine jüngste Rede sollte im Geschichtsunterricht studiert werden.

Im Bundestag erinnerte Reich-Ranicki an den 22. Juli 1942, an jenen Tag, an dem die Auslöschung der Juden im Warschauer Getto als „Umsiedlung“ von der SS verkündet wurde. Dass die Nationalsozialisten die Zahl der täglich ins Konzentrationslager Treblinka zu deportierenden Menschen nach den zur Verfügung stehenden Viehwaggons berechneten, ist nur ein erschütterndes Detail seiner Ansprache.

Das Schicksal Marcel Reich-Ranickis, der das Getto durchlitt und der Ermordung nur knapp entging, steht stellvertretend für Millionen Menschen, die im Namen Deutschlands vertrieben, verfolgt, gefoltert, ermordet wurden. Dass er selbst keinen Groll gegen dieses Land hegt, darf angesichts von Extremismus und rechtsradikaler Gewalt kein Grund sein, sich in Sicherheit zu wiegen.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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