Home
http://www.faz.net/-gpf-6qref
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Marc Wilmots Qual der Wahl

 ·  Politiker auf dem Fußballfeld, das war meist eine unglückliche Idee, seit der französische Staatspräsident Le Brun beim Anstoß der Weltmeisterschaft 1938 in den Boden trat. Für den umgekehrten Rollentausch - Fußballer in der Politik - fehlen noch die Erfahrungswerte. Deshalb wird mit Spannung der Wechsel von Marc Wilmots von Schalke 04 in den belgischen Senat erwartet.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Politiker auf dem Fußballfeld, das war meist eine unglückliche Idee, seit der französische Staatspräsident Le Brun beim Anstoß der Weltmeisterschaft 1938 in den Boden trat. Für den umgekehrten Rollentausch - Fußballer in der Politik - fehlen noch die Erfahrungswerte. Abgesehen von Pelé, der eine kurze Zeit als brasilianischer Sportminister amtierte, hat es noch kein Kicker von Welt an die Hebel der Macht gebracht. So dürfte die politische Karriere von Marc Wilmots ein reizvolles Debüt werden. Auf Listenplatz vier der liberalen Partei Mouvement Réformateur (MR) war ihm ein Platz im belgischen Parlament schon vor den Wahlen am Sonntag fast sicher. Obwohl er sich wegen seiner Verpflichtungen als Interims-Teamchef bei Schalke 04 kaum im Wahlkampf hatte zeigen können, erhielt der populärste belgische Fußballer die zweithöchste Stimmenzahl bei den Wählern nach Parteichef und Außenminister Louis Michel.

"Stier von Dongelberg" wurde der bullige Angreifer in Belgien genannt, ehe er 1996 nach Deutschland kam. Dort erhielt er bei den Schalker Fans durch seine nimmermüde Art einen anderen tierischen Ehrennamen: "Willi, das Kampfschwein". Von Juni an wird den Bauernsohn nun die Anrede "Herr Senator" zieren. Im Senat des belgischen Parlaments, der, dem englischen Oberhaus vergleichbar, eine eher beratende, nicht tagespolitisch entscheidende Rolle einnimmt, will der sportliche Familienvater sich den vertrauten Feldern Sport und Jugend widmen. Mit Michel verbindet ihn eine alte persönliche Freundschaft. Die beiden stammen aus Nachbardörfern im wallonischen Teil Brabants. Natürlich hat der Parteichef den Fußballer nicht nur aus Freundschaft in die Politik geholt, sondern in der Hoffnung, "daß er nicht nur eine Stimmungs-, sondern auch eine Stimmenkanone ist". Die Hoffnung erfüllte sich. Wilmots trug seinen Teil zum guten Ergebnis der Partei bei, die sich um vier auf 22 Mandate verbesserte und mit den flämischen Sozialdemokraten von Premierminister Verhofstadt abermals die Regierung bilden wird. Weil das diesmal ohne die Grünen geschieht und einige Posten neu zu verteilen sind, kann sich der Debütant Wilmots mit 34 Jahren Hoffnungen auf ein Ministeramt machen.

In den letzten Wochen hatte Wilmots die Qual der Wahl. Als Kapitän der belgischen Nationalelf zu einem der besten Spieler der WM 2002 gewählt, danach aber vom neuen Schalker Trainer Frank Neubarth ausgemustert, konnte er im März die späte Genugtuung erleben, Neubarths Nachfolger zu werden. Wäre nicht die Rettung der verkorksten Schalker Saison unter seiner Führung nach gutem Einstand mit zuletzt vier Niederlagen mißlungen, der Abschied in die Politik hätte vielleicht doch nicht stattgefunden. Nun aber kommt nur noch das Spiel gegen Bayern München. "Ich bin froh, daß das alles bald vorbei ist", sagte er im Wahllokal seines Heimatdorfes, wo er erst spät in der Nacht vom Auswärtsspiel in Bremen eingetroffen war. Ob sich die Eigenschaften, für die man ihn in Belgien und Deutschland schätzengelernt hat, die Geradlinigkeit, Integrität, Intelligenz, vom Fußball auf die Politik übertragen lassen, wird er beweisen müssen. Eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Rollenwechsel verdankt Wilmots den sieben fetten Jahren in der Bundesliga: "Ich brauche die Politik nicht zum Leben."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.05.2003, Nr. 116 / Seite 10
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Antiterrorkampf 2.0

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Obama möchte das Kapitel, das am 11. September 2001 begann, schließen. Mit dieser Absicht aber steht seine Verantwortung als Präsident und Oberbefehlshaber in einem Spannungsverhältnis, das schwer aufzulösen ist. Mehr 1