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Manfred Güllner: Die Grünen Grün, grüner, am grünsten . . .

 ·  Man kann die Grünen nicht nur an ihrer Ausgangsideologie messen, sondern muss auch ihre Fähigkeit zur Anpassung an die Spielregeln der repräsentativen Demokratie berücksichtigen.

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Der grüne Sieger der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart erklärte seinen Erfolg damit, dass das grüne Denken im Bürgertum der baden-württembergischen Hauptstadt hegemonial geworden sei. Ebendiese These von der Dominanz des grünen Zeitgeistes steht im Mittelpunkt der Streitschrift des Geschäftsführers des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, Manfred Güllner. Nach seiner Beobachtung konnte die grüne Partei einen - im Vergleich zu ihrer tatsächlichen Wählerzahl geradezu übermächtigen - Einfluss „auf die politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse wie sonst kaum in einem anderen Land gewinnen“.

Die Mehrheitsmeinung der Sozialwissenschaftler, dass die Grünen aus den „neuen sozialen Bewegungen“ herauswuchsen, bestreitet Güllner. Stattdessen sieht er als Antrieb der neuen Partei die „Bewegung an sich“, die wie in der Weimarer Republik bei Teilen eines radikalisierten Bürgertums eine Revolte gegen die Moderne sein will, mit dem Ziel, das gesamte System zu verändern. Die gesellschaftstheoretisch zugespitzte These übersieht aber doch die große Bedeutung des sozialen Wurzelgrunds der grünen Bewegung. Sie ist ohne die massenhafte und bunte Bürgerinitiativen-Bewegung sowie die vor allem von Wyhl und Brokdorf symbolisierte Anti-Kernkraft-Bewegung und die vom Nato-Doppelbeschluss ausgelöste Friedensbewegung nicht zu denken. Hier entstanden Netzwerke und die für eine erfolgreiche Parteigründung so wichtigen neuen Milieus.

Der Wert des Buches liegt in der Anatomie der grünen Wählerschaft. Ausführlich seziert der Verfasser die Grünen von ihrer Gründung bis heute als Klientelpartei der oberen Bildungsschichten und zunehmend auch der oberen Einkommensschichten. Die Grünen verfügen über ein recht großes Potential an Stammwählern. Waren sie zum Zeitpunkt ihrer Gründung mehrheitlich eine Partei der unter 35-Jährigen, so unterscheiden sie sich im Hinblick auf die jungen Anhänger heute nicht mehr von den etablierten Parteien. Sie laufen sogar Gefahr, zu einer „Ein-Generationen-Partei“ zu werden. Von Anfang an dominierten unter den grünen Wählern die Frauen. In Baden-Württemberg finden sich die höchsten Sympathien für die Grünen mit 40 Prozent bei den 30- bis 59-jährigen Frauen. Von Beginn an ordneten sich die Grünen im politischen Spektrum links ein - weiter links als die SPD.

In Deutschland sei eine „die weitere Entwicklung einer lebenswerten und humanen Gesellschaft behindernde Mentalität entstanden“, „jedweder Fortschrittsgedanke“ sei geächtet „durch die Verteufelung aller der Mobilität der Menschen dienenen Maßnahmen, durch ein generelles Misstrauen gegen Technik und durch ein Lob des Verzichts (sofern er andere betrifft)“. Dass die grüne Partei weit über ihr Gewicht im Parteienspektrum hinaus den Zeitgeist dominiere, eine ganze Gesellschaft „ergrüne“ und grüne Vorstellungen auch dann noch weiter verbreitet würden, wenn sie sich als „falsch und irrsinnig“ erwiesen hätten, führt der Autor auf ihre „Helfershelfer“ zurück: effiziente Netzwerke der Bildungsschicht, die Medien, Lehrer und Sozialwissenschaftler. Dabei würde jedoch zu Unrecht der Eindruck erweckt, als ob alle Schichten der Bevölkerung grün dächten. Dieser Eindruck aber habe bei den etablierten politischen Parteien dazu geführt, dass sie von Anfang an grünem Denken kaum Widerstand entgegengesetzt, sondern wesentliche grüne Ziele übernommen hätten.

Und genau darin will Güllner Gründe für eine Gefährdung der zweiten deutschen Demokratie erkennen. Die Übernahme grüner Vorstellungen durch die anderen Parteien bewirke nämlich, dass weite Teile der Bevölkerung ihre Interessen und Probleme nicht mehr in der Politik vertreten sähen. Diese Teile der Bevölkerung reagierten mit Entfremdung von der Politik und Wahlenthaltung in immer größerem Umfang.

Güllners These findet allerdings in der von ihm nur am Rande erwähnten Forschung über die Nichtwähler keinen Rückhalt, wie überhaupt der Autor die Literatur zur Parteien- und Demokratieforschung nur sehr sparsam nutzt. Das Buch lebt von der polemischen Zuspitzung. Es will provozieren. Adressaten sind in erster Linie gar nicht die attackierten Grünen, sondern die Volksparteien, die endlich einsehen sollten, dass sie mit der Übernahme grüner Ziele und durch die Zusammenarbeit mit den Grünen sich selbst und die Republik gefährdeten. Es gelte, die „grüne Diktatur“ zurückzudrängen. Letztlich stehen die Eigenprofile und die Integrationsfähigkeit der Volksparteien zur Debatte.

Die Übertreibung geht auf Kosten der Seriosität des Buches. Man kann die Grünen nicht nur an ihrer Ausgangsideologie messen, sondern muss auch ihre Fähigkeit zur Anpassung an die Spielregeln der repräsentativen Demokratie berücksichtigen. Sie sind homogener und pragmatischer geworden, viele genießen in ihren Ämtern die Privilegien des kritisierten Systems. Und das deutsche Volk scheint doch gegen die von Güllner beschworenen Gefahren nicht schlecht gefeit zu sein. Wie könnte man sonst erklären, dass der grüne Wähleranteil trotz des von Güllner ausgemachten dominanten grünen Zeitgeistes deutlich minoritär geblieben ist?

Manfred Güllner: Die Grünen. Höhenflug oder Absturz? Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2012. 180 S. 16,99 €.

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27.01.2013, 14:40 Uhr

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