21.01.2007 · Auf der Tagung der CSU-Landtagsfraktion hat sich vergangene Woche Edmund Stoibers politisches Schicksal entschieden. Bis zuletzt glaubte er, sich an der Macht halten zu können. Wie die Duzfreunde Stoibers hinter den Kreuther Kulissen seinen Abgang vorbereiteten - die Schicksalswoche der CSU.
Von Wulf SchmieseDie eigenen Leute fangen plötzlich an, merkwürdig zu werden. Aber noch traut sich niemand zu sagen, was los ist. Edmund Stoiber sitzt bei ihnen, 17 sind es, alles Oberbayern wie er. Es ist Dienstag kurz nach 13 Uhr, unten im düsteren Seminarraum 6. Die anderen CSU-Landtagsabgeordneten sind im Speisesaal von Wildbad Kreuth.
Stoiber konnte sich immer auf die verlassen, die nun um ihn sitzen. Die hier musste er nie als Konkurrenten fürchten. Ihnen sagt er, was er gleich allen CSU-Abgeordneten mitteilt: „Ich bin bereit zu kämpfen. Aber ich muss nicht antreten.“ Das ist seine Entspannungsstrategie. Doch seine oberbayerischen Abgeordneten reagieren komisch. Sie versichern gestanzt: „Respekt vor deiner Lebensleistung.“ Aber niemand von den Duzfreunden sagt: „Prima, Edmund! Toll, mach weiter, wir brauchen dich.“
Die Wahrheit hat Stoiber noch nicht erfahren
Am Abend glaubt Stoiber dennoch, die Mehrheit der Landtagsfraktion für sich gewonnen zu haben. Die Aussprache am Nachmittag war lang, es prasselte Kritik auf ihn nieder. Immer wieder fiel der Vorwurf, 2005 aus Berlin geflüchtet zu sein. Erst kurz vor Mitternacht beginnt der gesellige Teil. Die Wahrheit hat Stoiber bis dahin aber nicht erfahren von den 124 Abgeordneten. Die Wahrheit, dass sie keine Zukunft mehr sehen für ihn - und eine üble für die CSU, wenn er bleibt.
Nur Stunden zuvor hatte sich die Fraktion schriftlich erklärt: „Wir sprechen unserem Ministerpräsidenten das Vertrauen aus. Wir stehen zu Edmund Stoiber.“ Zwar schrieben sie auch: „Die Frage der Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2008 ist offen. Hierüber entscheidet der neu zu wählende CSU-Parteitag.“ Doch Stoiber hält das für kein Problem, denn die Zeit bis dahin will er nutzen, um sich wieder zu verankern in seiner CSU. Noch in der Nacht zum Mittwoch beginnt er damit. Das Rotweinglas in der Hand zieht er von Tisch zu Tisch. Bis vier Uhr in der Früh ist Stoiber dabei. Zufrieden und aufgekratzt endet für ihn die Nacht - seine letzte als wahrer Parteichef.
Stoiber bleibt allein am Podium sitzen
Der Mittwoch beginnt schleppend für alle. „Ländlicher Raum - Herausforderungen und Perspektiven“ ist der Vortragstitel. Ein „Impulsreferat“, wie es in der Tagesordnung heißt. Doch der Impuls reicht nicht für die verkaterten Abgeordneten. CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann nickt vorn am Podiumstisch ein. Ausgerechnet er, der als Nachfolger Stoibers, als künftiger Ministerpräsident, genannt wird, beweist damit seinen Kritikern: „Der Joachim ist viel zu phlegmatisch.“ Kaum jemand sieht ihn als Nachfolger.
Zur Mittagspause leert sich der Saal - gespenstisch einsam wird es um Stoiber. Er ganz allein bleibt vorn am Podiumstisch sitzen und unterzeichnet Akten. Hinten stehen einige Abgeordnete beisammen, jüngere aus München und Umgebung. Eine Idee macht die Runde, eine Doppellösung, die alle versöhnen soll: Innenminister Günther Beckstein wird Ministerpräsident, Wirtschaftsminister Erwin Huber CSU-Chef. Das gilt als fair - vor allem für die beiden, die sich schon Ende 2005 Hoffnung machten als Stoiber-Nachfolger. Doch damals wollte jeder der zwei Stoiber-Freunde beide Ämter. Nun würden sie wohl teilen, heißt es.
Keiner wagt, den Kontakt zu suchen
Horst Seehofer wäre damit verhindert. Seehofer war bisher ein Grund, warum Stoiber sich überhaupt hielt. „Trickser“ und „Egomane“ wird Seehofer genannt und mehr gefürchtet als bewundert wegen seiner Macht als Volksliebling. Ob mit oder ohne Liebschaft - ihn wollen die wenigsten Landtagsabgeordneten als Parteivorsitzenden. Doch sie alle wissen: Der Stoiber-Stellvertreter und Bundeslandwirtschaftsminister wäre es längst, wenn sie Stoiber zügig gestürzt hätten. Nun aber könnten zwei Selbstlosere ein Tandem bilden. „Beckstein und Huber, das wär's“, wird leise gejubelt.
„Wer sagt es Stoiber?“, fragt sich das Grüppchen hinten im Saal. Die Getreuen haben dazu keine Lust mehr. Markus Söder, der Generalsekretär, hatte schon vor Tagen versucht, dem Chef beizubringen, die Spitzenkandidatur 2008 abzuschreiben - ohne Erfolg. Huber selbst hatte Stoiber am Wochenende den Vorschlag gemacht, dass der Parteitag einen Spitzenkandidaten küren solle. Stoiber hat darauf unwirsch reagiert, voller Misstrauen, Huber wolle ihm so das Amt abjagen. Schließlich rät ihm jemand seiner jungen Oberbayern, aufzugeben für das Duo Beckstein/Huber. Beiden könne er trauen, erfährt Stoiber eindringlich: „Niemand ist loyaler dir gegenüber.“
Diese Loyalität hatte Beckstein und Huber voneinander fern gehalten bis zum Mittwoch. Keiner wagte, den Kontakt zum anderen zu suchen. Gegen 16.30 Uhr, im Saal referiert der aus Berlin angereiste CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer zur Gesundheitsreform, tritt ein Mitarbeiter Becksteins an Huber heran. Ob er Zeit zum Gespräch habe.
„Ramsauer akzeptiert Huber nicht“
Huber sagt, er müsse nach München. „Lieber jetzt“, wird ihm beschieden. So schmieden die beiden einstigen Rivalen ihren Bund in weniger als einer halben Stunde. Huber kann pünktlich aufbrechen. Stoiber sitzt in sich versunken am Podium. Aus einer Seitentür kommt Beckstein und bittet Stoiber hinaus. Es ist 18 Uhr.
Gut achtzig Abgeordnete erscheinen eine Dreiviertelstunde später zum ökumenischen Gottesdienst. Oberkirchenrätin Greiner predigt vom „guten Hirten“, auch Stoiber hört zu. Zum Abendbrot gibt es Serrano-Schinken, Kalbsfilet und Maracuja-Eis. Stoiber wirkt aufgeräumt, erzählt Anekdoten aus Berlin: Mit wie wenig Schlaf die Bundeskanzlerin doch auskomme; wie sie es nach anstrengenden Terminen immer noch schaffe, mit den Leuten Rotwein zu trinken.
Nach dem Mahl tritt Stoiber zu jenen, denen er traut. „Die erste Sache geht klar“, sagt Stoiber und meint seinen Rückzug als Ministerpräsident zugunsten von Beckstein. „Plan B geht aber nicht. Ramsauer akzeptiert Huber nicht. Ramsauer will, dass ich Parteichef bleibe.“ Stoibers Freunde sind schockiert. „Ramsauer hat ihn aufs Eitelkeitspferd gesetzt“, interpretieren sie das Gespräch der beiden, das zuvor stattfand. Ramsauer treibe eigener Ehrgeiz, mutmaßen sie. Er wolle später Stoiber beerben.
Ein letztes Mal von Tisch zu Tisch
Stoiber aber ist überzeugt, er sagt das auch Söder: Die CSU-Bundestagsabgeordneten akzeptierten keinen Landesminister Huber als Chef. Dass er selbst, bliebe er CSU-Vorsitzender, nur noch einfacher Landtagsabgeordneter wäre, kommt Stoiber nicht über die Lippen. „Ihr könnt nicht beide Posten haben“, sagt er den Freunden aus dem Landtag. Ein letztes Mal zieht er von Tisch zu Tisch, um ein Uhr nachts verlässt er Kreuth im Glauben, sich halb gerettet zu haben.
Am Donnerstag titelt Münchens „Abendzeitung“ rot gerahmt: „Einigung über Stoiber-Nachfolge. Beckstein: Geheimtreff mit Huber“. Stoiber weiß nun, wie ernst es die beiden meinen. Um 14 Uhr tritt er vor die Presse und verkündet sein Scheiden aus beiden Ämtern zum September. Eine Stunde später nimmt er einen Termin im CSU-Haus wahr: Gespräch mit Gabriele Pauli, der Landrätin aus Fürth, die als erste seinen Rücktritt forderte.