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Lutherischer Weltbund : Versöhnung nach 500 Jahren

Frieden und Einheit demonstrierten die Mitglieder des Lutherischen Weltbundes schon am Tag zuvor bei einem Morgengottesdienst Bild: Tobias Schmitt

Die Vollversammlung der Lutheraner hat sich in einer bewegenden Zeremonie bei den Mennoniten entschuldigt, die im 16. Jahrhundert Opfer grausamer Verfolgungen geworden waren. Der Präsident der Mennonitischen Weltkonferenz nahm die Bitte um Vergebung an.

          In einer bewegenden Zeremonie hat der Lutherische Weltbund (LWB) am Donnerstagabend in Stuttgart Abbitte bei den Mennoniten für grausame Verfolgungen der Täuferbewegung durch Lutheraner geleistet. Die Vollversammlung des LWB stimmte einstimmig für eine entsprechende Erklärung. Darin heißt es, man bitte um Vergebung für die Verfolgung der sogenannten Wiedertäufer im sechzehnten Jahrhundert, für das spätere Vergessen und Ignorieren dieser Verfolgungen sowie für alle unangemessenen, abwegigen und verletzenden Darstellungen von Wiedertäufern und Mennoniten durch lutherische Autoren bis zum heutigen Tag. Die Annahme des Textes erfolgte unter Gebet und kniend.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Präsident der Mennonitischen Weltkonferenz, Danisa Ndlovu aus Zimbabwe, nahm die Bitte um Vergebung an. Die Lutheraner hätten durch ihre Initiative Integrität bewiesen. Man sei tief bewegt über den Geist der Buße. „Auch wir können an diesen Tisch nicht mit erhobenem Haupt treten, sondern gebeugt in großer Demut“, sagte Ndlovu. Seine Gemeinschaft verpflichte sich dazu, den Dialog über strittige dogmatische Fragen „in einem Geist gegenseitiger Verwundbarkeit und Offenheit“ fortzuführen. Als Grundlage für die Versöhnung hatte eine internationale lutherisch-mennonitische Studienkommission von 2005 bis 2008 eine Darstellung der gemeinsamen Geschichte erarbeitet und die Lehrverurteilungen der Täufer im Augsburgischen Bekenntnis geprüft und teilweise als nicht zutreffend bezeichnet.

          Durch Nachstellungen über die ganze Welt zerstreut

          Bischof Hanson würdigte die Mennoniten als Vorbild für Gewaltlosigkeit: „Wir können viel von ihnen lernen.“ Er erinnerte in seiner Rede auch an die symbolische Bedeutung des Ortes Stuttgart, Der Reformator Johannes Brenz habe sich 1528 von Württemberg aus mit Nachdruck gegen die Hinrichtung von Täufern gewandt, da geistliche Irrtümer nicht nach weltlichem Recht bestraft werden dürften. Er war damit auf den Widerspruch seiner Kollegen Luther und Melanchthon gestoßen, welche die Bestrafung der Täufer als Aufrührer befürworteten. Hanson verwies auch auf die 1945 von der Evangelischen Kirche in Deutschland in Stuttgart beschlossene Schulderklärung, in der man bekannte, dass durch Deutsche unendliches Leid über viele Völker gekommen sei.

          Der Gemeinschaft der Mennoniten gehören mehr als eine Million Gläubige an. Etwa 30.000 davon leben in Deutschland. Ihr Name geht auf den niederländisch-friesischen Theologen Menno Simons zurück (1496-1561). Als Teil der Täuferbewegung wurden Mennoniten in der Reformationszeit und noch danach verfolgt. Durch die Nachstellungen wurden sie über alle Welt verstreut. Mennoniten lehnen Gewalt und das Leisten von Eiden rundweg ab.

          Die Verfolgung der „Wiedertäufer“

          Mennoniten zählen zu den „Wiedertäufern“, einem Zweig der reformatorischen Bewegung. Sie lehnen Taufen im Kindesalter ab, weil sie als Voraussetzung für die Taufe eine bewusste Wendung zu Christus für notwendig halten. Die Bezeichnung „Wiedertäufer“ gibt somit lediglich die Sichtweise der Mehrzahl der christlichen Kirchen wieder: Katholiken wie Lutheraner etwa halten eine zweite Glaubenstaufe bei Konvertiten für einen Verstoß gegen die (nach dem Selbstverständnis der Täufer gar nicht in Frage gestellte) Einmaligkeit der Taufe.

          Genauere Angaben über den Blutzoll der Täufer in der Reformationszeit sind schwer zu treffen. Gegenwärtige Schätzungen gehen nurmehr von etwa 2500 hingerichteten Täufern aus. Die meisten Exekutionen wurden unter katholischen Fürsten vollzogen; lutherische Obrigkeiten zögerten oftmals, das kaiserliche Mandat aus dem Jahr 1529 auszuführen, das für Täufer den Tod forderte. Die Täufer wurden häufig in Verbindung gebracht mit den „Schwärmern“ und den militanten „Rottengeistern“ der Bauernkriege, vor allem aber mit dem schrecklichen Ende des Täuferreichs in Münster 1535/36. Davon suchten sich die lutherischen und reformierten Reformationen abzugrenzen, um die eigene Legitimität gegenüber dem Kaiser behaupten zu können. Die sich an den einstigen Priester Menno Simons anschließende täuferische Bewegung entspringt einer Reflexion über die Ereignisse von Münster und der Bauernkriege: Simons lehnte apokalyptische Visionen ab und setzte dem eine Ethik der leidenden Liebe und eine strikte Ablehnung jedweder Gewalt entgegen.

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