17.12.2009 · Nato-Stabschef Lather hält Luftschläge wie den von Kundus weiterhin für militärisch sinnvoll. Was in Deutschland zu einer Grundsatzdebatte über den Afghanistaneinsatz geführt hat, war im Alltag der Nato eine kleine Operation.
Von Nikolas Busse, MonsGeneral Karl-Heinz Lather ist der höchste deutsche Offizier bei der Nato, er trägt vier goldene Sterne auf der Schulter. Lather ist Stabschef im militärischen Hauptquartier des Bündnisses, das im belgischen Mons liegt. Er wirkt nicht wie ein schießwütiger Draufgänger, sondern wie ein besonnener Mann, der nicht gerne Krieg führt. Aber auch Lather sagt: „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber der Luftangriff von Kundus, das ist für uns hier eine Anekdote.“
Was in Deutschland zu einer Grundsatzdebatte über den Afghanistaneinsatz geführt hat, war im Alltag der Nato eine kleine Operation. Luftangriffe wie den in Kundus hat es in den Jahren, seit das Bündnis Schutztruppe Isaf führt, regelmäßig gegeben - auch mit zivilen Opfern und auch im Norden, wo die Deutschen das Regionalkommando haben. So haben die afghanischen Sicherheitskräfte mit amerikanischer Hilfe dort nur wenige Wochen nach dem Schlag gegen die beiden Tanklastwagen am Kundus-Fluss eine Offensive gegen die Taliban geführt, bei der es ebenfalls zu Luftschlägen mit Opfern kam.
Angriff auf ein „legitimes Ziel“
Lather lässt keinen Zweifel daran, dass die Nato solche Operationen grundsätzlich für gerechtfertigt hält. Oberst Klein habe einen Angriff auf ein „legitimes Ziel“ befohlen, sagt er, denn man befinde sich in Afghanistan nun einmal in einem „kriegsähnlichen Zustand“. Die feine Unterscheidung zwischen einem Angriff auf die Lastwagen, von denen womöglich eine unmittelbare Gefahr für das deutsche Feldlager ausging, und den anwesenden Taliban, zu deren „Vernichtung“ Klein offenbar eine gute Gelegenheit sah, macht Lather nicht. Beides seien legitime Ziele gewesen.
Und obwohl der Isaf-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal angeordnet hat, dass Luftangriffe nur noch spärlich einzusetzen seien, um die Bevölkerung zu schützen, ist sich Lather sicher, dass es sie in bestimmten Situationen weiterhin geben wird: „Man muss davon ausgehen, dass das auch in Zukunft stattfindet.“ Aus Sicht der Nato-Offiziere sind solche Operationen militärisch durchaus sinnvoll. Seit dem Luftschlag vom 4. September und der afghanisch-amerikanischen Operation sei es im Norden Afghanistans jedenfalls merklich ruhiger geworden, sagen sie. Nur nördlich von Kundus, wo wichtige Versorgungswege der Isaf verlaufen, gebe es immer noch Aktivitäten der Aufständischen.
Damit hängt zusammen, dass die Militärplaner der Allianz der Meinung sind, dass im Norden mehr Soldaten gebraucht werden. Lather sagt, es würden zwei „Manöverelemente“ benötigt - eines zur Sicherung der Versorgungswege und eines für Kampfeinsätze. Unter einem Manöverelement wird für Einsätze wie in Afghanistan meist ein Bataillon verstanden. Das sind zwischen 250 und 1500 Mann, je nach Armee. Bei der Bundeswehr umfasst ein Bataillon 500 bis 600 Soldaten, es könnten noch Unterstützungskräfte hinzukommen. Sollte also die Bundeswehr die Verstärkung übernehmen, dann müsste das Isaf-Mandat des Bundestages noch einmal spürbar erweitert werden. Derzeit liegt die Obergrenze bei 4500 Soldaten.
Die Vorstellungen der Nato sind der Bundesregierung dem Vernehmen nach schon übermittelt worden. Lather bekräftigt, dass Oberst Klein auch deshalb einen Luftschlag befohlen habe, weil er nicht genug Soldaten zur Verfügung gehabt habe, um am Boden auf den Raub der beiden Lastwagen zu reagieren. Hätte die Bundeswehr ein zusätzliches Bataillon im Einsatzgebiet gehabt, dann hätte auf die für Zivilisten gefährlichen Luftangriffe verzichtet werden können. Auch auf afghanische Sicherheitskräfte konnte Klein nicht zurückgreifen. Mindestens zwei Jahre werde es noch dauern, bis die Afghanen im Norden so weit ausgebildet seien, dass sie solche Aufgaben übernehmen können.
Neue Ausbildungsteams für Afghanistans Armee und Polizei
Bisher haben die truppenstellenden Nationen für das nächste Jahr 37.000 zusätzliche Soldaten in Aussicht gestellt. Die Militärs sagen, das sei genug für die anstehenden Aufgaben, wenn nun auch noch Deutschland und Frankreich einen Beitrag leisteten. Wie die neuen Soldaten, von denen allein 30.000 aus Amerika kommen, im einzelnen eingesetzt werden, ist noch nicht entschieden worden. In der Planung geht es vor allem darum, die Ausbildungsteams für die afghanische Armee und die afghanische Polizei aufzufüllen. Afghanische Rekruten gibt es im Prinzip genug, weil vor allem junge Leute aus Mangel an anderen Arbeitsmöglichkeiten in die Armee streben. Das seien oft beherzte Kämpfer, zugleich aber Analphabeten ohne jede Schulbildung.
Die Nato hat auch nicht den Anspruch aufgegeben, die Sicherheitskräfte des Landes wesentlich stärker auszubauen als das bisher geplant ist. Bis zu 400. 000 Mann für Armee und Polizei hat General McChrystal vorgeschlagen, das wäre fast eine Verdoppelung der heutigen Zielgrößen von 134.000 für die Armee und knapp 97.000 für die Polizei. Die zuständigen Gremien im Bündnis haben aber noch keine Entscheidung getroffen.
Nicht jeder in der Nato ist davon überzeugt, dass all das schon rasch zur „selbsttragenden Sicherheit“ führt, die einen (Teil-)Abzug westlicher Truppen gestatten würde. Der amerikanische Präsident Obama will damit Mitte 2011 beginnen, in der Nato spricht man eher von Mitte bis Ende 2011. Heute könne man größere Teile Afghanistans jedenfalls nicht an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben, sagen Militärs. Bisher haben die Afghanen nur Kabul übernommen, allerdings ist die Nato dort immer noch gleichsam als Rückversicherung präsent. Im Norden kämen für eine Übergabe im nächsten Jahr vielleicht Faizabad und Masar-i-Sharif in Frage, heißt es im Bündnis. „Die Politiker wollen das alles schneller haben, als es die Gespräche in Afghanistan erlauben. Wir sind noch ganz am Anfang dieses Prozesses.“
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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