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„Lolita“-Image Kinskis Kindfrauen

 ·  Der Schauspieler Klaus Kinski hatte zwei Töchter. Die eine, Pola, missbrauchte er. Die andere, Nastassja, ließ er von Regisseuren wie Wim Wenders als Verführerin inszenieren.

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Als Pola Kinski, die Tochter des Kinoberserkers Klaus Kinski, ihre Geschichte zu erzählen begann, wurde etwas Verborgenes sichtbar: die sexuelle Gewalt ihres Vaters. Jahrelang unterwarf Kinski den Körper seiner Tochter. „Er hat sich über alles hinweggesetzt“, schreibt sie. „Auch darüber, dass ich mich oft gewehrt habe.“

Als Pola Kinski ihre Geschichte erzählte, blieb zugleich etwas Sichtbares im Verborgenen: die Geschichte ihrer Schwester Nastassja Kinski, die wir vielleicht neu lesen müssen. Ist Nastassja die Lolita, die verführerische Kindfrau, die sich vor 25 Millionen „Tatort“-Zuschauern auszieht? Oder ist auch sie eine missbrauchte 13-, 14- und 15-Jährige, ein Objekt, das den Vorstellungen anderer zu genügen hatte? Klaus Kinski riss seiner Tochter Pola das Kommunionkleid vom Leib, um sie zu vergewaltigen. Die Regisseure zogen ihre Schwester Nastassja aus, um für das Kindbegehren des Mannes ein öffentliches Bild zu schaffen.

Nastassja war 13 Jahre alt, die Illustrierte „Quick“ schrieb damals: frühreife 13, als Wim Wenders sie für „Falsche Bewegung“ engagierte. An der Seite von Rüdiger Vogler und Hanna Schygulla war sie Mignon. Das ist ein Zitat. Mignon steht seit Goethe (Wilhelm Meister) für den Inbegriff des erotisch anziehenden Mädchens. Wenders verbildlicht es. Mignon ist bei ihm ein Mädchen, das Handstände macht, am Fenster in den Kondenshauch ihres Atems schreibt und wie ein Kind lacht. Aber sie ist auch mehr. In ihrer zweiten Szene schält sie sich aus ihrer Jacke. Sie hat darunter noch etwas an, aber die Bewegung, der Blick und vor allem seine Spiegelung im Betrachter formen sie zur Ikone: traumwandlerische Schönheit, unerreichbar. In ihren Filmen danach ist die Kindfrau Nastassja stets nackt. In „Falsche Bewegung“ landet sie im Bett des Helden, genauer legte sie Wenders dort bereit: ausgezogen - und ohne Worte.

Jeder zweite Mann träumte vom Sex mit ihr

Andrea Bramberger, die über „Die Kindfrau“ ein großartiges Buch geschrieben hat, sieht Sprachlosigkeit geradezu als ihr Merkmal. „In der Wirklichkeit gibt es die Kindfrau gar nicht“, sagt sie, „da ist sie nur ein Kind, das in die Schule geht oder Seilhüpfen spielt. Eine Kindfrau wird sie durch den Blick und das Begehren des Mannes. Sie wandelt stets an der Grenze zwischen Femme Fatale und Femme fragile. Ihr Kennzeichen ist, dass sie ortlos ist - und sprachlos, ohne Geschichte.“

Wim Wenders’ Regie hat diesem Begehren ein wohlüberlegtes Bild gegeben. Seine Mignon ist tatsächlich stumm, sie darf den ganzen Film lang kein Wort sagen. Das Objekt muss schweigen, beherrscht von der Sprach- und der körperlichen Übermacht des Mannes. 55 Prozent der befragten Männer sagten nach dem Tatort „Reifezeugnis“ von Wolfgang Petersen, in dem Nastassja Kinski zwei Jahre später die lehrerverführende Lolita geben muss, sie hätten von Sex mit ihr geträumt.

Nastassja Kinski wurde nach den Enthüllungen ihrer Schwester Pola gefragt: „Hat Ihr Vater auch Sie missbraucht?“ Das wollte 1999 schon Suzie Mackenzie vom englischen „Guardian“ wissen. Kinski antwortete das Gleiche wie dieser Tage: „No, not in the way that you mean, but in other ways, yes.“ Für „Stern“ oder „Quick“ aber blieb die Kinski seit ihrer Erschaffung nur Nasti, eine Koseform von Nastassja mit schmutzigem Unterton. Diese Schattierung ihres öffentlichen Bildes ist sie nie mehr losgeworden. Die deutschen Medien stellten noch hechelnd dem Teenie-Nackedei nach, als sie längst erwachsen war. „Die ewige Lolita wird 50“, überschrieb die „Bunte“ 2011 ein Porträt, immerhin einer dreifachen Mutter halberwachsener Kinder.

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