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LKW-Maut Zuwenig Zeit für Probeläufe

25.09.2003 ·  Mit Hilfe von GPS und Mobilfunk will die Betreibergesellschaft Toll Collect die Mautgebühren berechnen. Mit Details der High-Tech-Lösung kann sie allerdings noch nicht dienen.

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Es soll das modernste Mautsystem der Welt werden: eine High-Tech-Lösung mit Satellitenortung und Mobilfunktechnik, ein Vorzeigeprojekt und ein möglicher Exportschlager. Der größte Vorzug des neuen Systems soll die automatische Mauterfassung sein: Kassenhäuschen oder Vignetten sind damit entbehrlich. Die Betreibergesellschaft Toll Collect will die Maut mit einem satellitengestützten Erfassungssystem berechnen. Dazu wird ein Gerät von der Größe eines Autoradios im Fahrerhaus des Lastwagens befestigt. Es soll die Gebühren erfassen. Diese "On Board Unit" (OBU) enthält einen GPS-Empfänger und ein Mobilfunkterminal. Fährt der Lastwagen los, registriert das System automatisch durch Satellitenortung, wo er sich befindet. Die OBU errechnet aus den Daten des Fahrzeugs die Gebühr und funkt sie an eine Zentrale, die direkt mit der Spedition abrechnet. Der fließende Verkehr wird also nicht durch Mautstellen behindert.

Wer keine OBU an Bord hat, muß die Maut anderweitig bezahlen. Dazu macht der Fahrer freiwillige Angaben über die zu benutzende Autobahn. Über das Internet oder an Terminals an den Grenzen, vor Autobahnauffahrten und an Parkplätzen, Tankstellen und Raststätten soll sich der Fahrer bei Toll Collect einbuchen und bezahlen. Abgerechnet wird mit einer Kredit- oder Tankkarte, an besonderen Automaten kann man auch bar bezahlen. Das alles sind dann doch Kassensysteme mit manueller Einbuchung, sagen die Kritiker, nur fehle die Kontrolle.

Kontrolle alle 40 Kilometer

Ob jeder Lastwagen seine Maut bezahlt hat, will Toll Collect zunächst mit 300 Kontrollstationen an Autobahnbrücken prüfen. Bei einer Autobahn-Gesamtstrecke von 12 000 Kilometern in Deutschland gibt es solche Stationen im Abstand von durchschnittlich 40 Kilometern. Diese Prüfanlagen sollen auch in Spitzenzeiten alle Lastwagen erfassen: Die sich nähernden Fahrzeuge werden mit einer Infrarotkamera fotografiert und mit einem Laserstrahl vermessen. Gleichzeitig meldet sich die "On Board Unit" mit einem infraroten Datensignal bei der Kontrollstelle. Die gemessenen Daten werden mit denen der OBU verglichen. Stimmen die Angaben überein, werden alle Daten gelöscht. Andernfalls sendet die Kontrollstation das Foto und einen Bericht an die Toll-Collect-Zentrale, die einen Nachzahlungsbescheid erstellt. Wie das alles im Detail funktioniert, kann Toll Collect nicht erklären. Man spricht von einer Detektions- und Trackingeinheit, die auf Lasertechnik basiert. Die Einheit soll sich im Fahrzeuginnern an der Frontscheibe befinden. Zu der Frage, wie lange das Messen und Vergleichen der Daten dauert und wie groß die Prüfkapazität der Kontrollstellen ist, nimmt Toll Collect nicht Stellung.

Die Fahrzeuge ohne OBU werden ebenfalls mit einer neuen Technik kontrolliert. Der betreffende Lastwagen soll mit einer Schrifterkennung nach Zahlen und Buchstaben abgesucht werden. So ließen sich die Nummernschilder finden, auslesen und mit den Buchungsdaten im Zentralrechner vergleichen, sagt Toll Collect. Das funktioniert angeblich auch mit exotischen ausländischen Kennzeichen, die an ungewöhnlichen Stellen angebracht sind. Bei einem Teil der Fahrzeuge müssen allerdings die Computerdaten von Hand ausgewertet werden. Ein "Schwarzfahrer" werde einen Gebührenbescheid erhalten, heißt es. Ferner sollen 287 Kontrollfahrzeuge des Bundesamtes für Güterverkehr mögliche Mautpreller noch auf dem Gebiet der Bundesrepublik feststellen.

Derzeit scheitert die Technik schon an der kleinsten Hürde: Die Mehrheit der OBUs funktioniert nach Angaben der Spediteure nicht. Die Geräte bringen die Bordelektronik der Lastwagen zum Erliegen, Abrechnungen und Kilometerberechnungen sind falsch, und die Online-Terminals an den Tankstellen und Autobahnraststätten buchen die Fahrer nicht ordnungsgemäß ein. Im Rechenzentrum von T-Systems in Karlsfeld bei München soll ebenfalls heilloses Durcheinander herrschen. Die Software von Toll Collect ist fehlerhaft und alles andere als fertig, sagen Fachleute. Das Zusammenspiel der einzelnen Module funktioniere noch nicht. Die "Einzelteile" des Systems stammen von verschiedenen Zulieferern, etwa T-Systems, Daimler-Chrysler, Grundig und anderen. Insider sprechen von mangelhafter Projektkoordination und beklagen, daß die Zeit für Probeläufe viel zu kurz gewesen sei. Das Zusammenfügen unterschiedlicher Komponenten zu einem vollständigen Programmpaket ist bei allen Großprojekten schwierig. Bei Toll Collect sollen derzeit schon kleinste Eingabefehler zu einem Zusammenbruch des Gesamtsystems führen. Wenn diese Probleme behoben sind, droht Toll Collect weiteres Ungemach. Mit der komplizierten Erkennungstechnik an den Kontrollbrücken gibt es noch keine Erfahrungen. Fachleute bezweifeln, daß diese Systeme fehlerfrei funktionieren werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2003, Nr. 224 / Seite 4
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