Wenn Schweizer Verkehrsexperten von der deutschen Maut-Malaise lesen, dann würde man erwarten, daß sie sich schadenfroh auf die Schenkel schlagen. Denn in der Schweiz funktioniert das Abgaben-System auf den Straßen seit mehr als zwei Jahren, und der Finanzminister kassiert jährlich knapp 700 Millionen Franken (440 Millionen Euro) von den Spediteuren. Die Schadenfreude über den blamierten Nachbarn hält sich jedoch in Grenzen - und das hat zwei Gründe: Die Verkehrspolitiker sind sehr daran interessiert, daß das deutsche System funktioniert und damit keine Lastwagen-Stauungen an der Grenze entstehen. Und gerade die Fachleute aus dem Pionierland der Lastwagen-Maut wissen, daß die deutsche Lösung in technischer Hinsicht viel schwieriger ist, weil sie nicht bloß Kilometer erfaßt, wie es das schweizerische System tut, sondern das auch nur auf einem Teil des Streckennetzes leisten muß.
Schweizern wird nachgesagt, daß sie zum Perfektionismus neigten. Beim Maut-System trifft das nicht zu. Hier suchten die Deutschen technische Perfektion, während die Schweizer pragmatischer und damit letztlich erfolgreich waren. Die Maut hat zwar ein kompliziertes Kürzel "LSVA" (Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe), doch die Technik ist einfacher. Man arbeitet nicht mit Satelliten, sondern mit Funkbaken. Auch war die Organisation des Projektes cleverer. Für die technische Einführung brauchte das Beratungsunternehmen Rapp Trans AG in Basel gerade einmal ein Jahr. Die Schweizer vergaben den Auftrag aber auch nicht an ein Konsortium, das technisch Eindrucksvolles versprach, sondern sorgten dafür, daß der Betreiber die Technik bestimmte. Und der wollte sich ungern blamieren. Die Maut kassiert ganz prosaisch die Eidgenössische Zollverwaltung. Die weiß bekanntlich am besten, wie man Chauffeuren Geld abknöpft.
Je sauberer, desto billiger
Die Kilometergebühr pro Tonne ist etwa dreimal so hoch wie in Deutschland. Weil man auf allen Straßen die LSVA zahlt, und das bereits ab einem Gewicht von 3,5 Tonnen, ist keine technisch komplizierte Streckenerfassung wie in Deutschland notwendig, wo allein Autobahnen abgabenpflichtig sind. In der Schweiz zählen allein die gefahrenen Kilometer und die Umwelt-Klasse des Lastwagens. Es gilt: Je sauberer, desto billiger.
Für die Kilometererrechnung gibt es ein Erfassungsgerät an der Windschutzscheibe. Wenn ein Chauffeur "schummelt", blinkt dessen Lämpchen nicht - so ist er leicht zu kontrollieren. Das Gerät hat auch eine Antenne für Mikrowellenfunk. Signale von Funksendern entlang der Strecke und an der Grenze dienen einerseits zur Ortung des Wagens, andererseits zur Buchung der Maut. Verläßt ein Schweizer Lastwagen das Land, schaltet sich das Gerät aus. Da die meisten ausländischen Lastwagen kein Erfassungsgerät haben, buchen sich deren Fahrer an einem Automaten ein, wenn sie beim Zoll ihre Papiere abgeben. Meist wird die LSVA mit der Tank-Karte bezahlt, entweder bei der Einfahrt oder bei der Ausfahrt aus dem Transitland.
Die Schweizer Maut hat zwar die Zahl der Lastwagen auf den Straßen bisher nicht vermindert und auch die transportierte Last nicht auf die Bahn verlagert (was eines der umweltpolitische Motive der Abgabe war). Die Schwerverkehrsgebühr hat aber dafür gesorgt, daß die Fahrzeuge umweltfreundlicher wurden und seltener leer durch Alpentäler brummen.