31.07.2006 · Bereits 1996 kamen in der südlibanesischen Stadt Kana bei einem israelischen Bombardement mehr als hundert Menschen ums Leben. Der Ort mit einem Mahnmal für die Getöteten wurde so etwas wie eine politische Pilgerstätte.
Von Wolfgang Günter LerchDie Bombardierung des südlibanesischen Ortes Kana, bei der am Wochenende mehr als fünfzig Zivilisten getötet worden sind, hat im Libanon große Erbitterung und in der übrigen Welt teilweise scharfe Kritik an Israel hervorgerufen. Die Beiruter Regierung lud die amerikanische Außenministerin Rice sogar aus - ein Schritt, der nicht oft vorkommt.
Die Libanesen erinnern sich daran, daß dieser Ort schon einmal im Hagel israelischer Bomben gelegen hatte; das war am 18. April 1996, als es die israelische Sicherheitszone im Südlibanon noch gab und sich die Israelis dort der Attacken der Hizbullah erwehren mußten. Die schiitische Kampf-Organisation wollte Israel endgültig aus dem Südlibanon vertreiben, mehr und mehr hatte sich die Sicherheitszone für die Israelis als reale Unsicherheitszone herausgestellt. Unter dem Codenamen „Früchte des Zorns“ versuchte die israelische Armee ihrerseits, die Hizbullah aus dem Südlibanon hinauszuwerfen, was nicht gelang.
Ein Denkmal für die Getöteten
Unter der Regierung von Ministerpräsident Ehud Barak, der der Arbeiterpartei angehörte, räumte Israel das Gebiet fünf Jahre später, im Jahre 2000, bis auf die Schebaa-Farmen, deren territoriale Zugehörigkeit völkerrechtlich strittig ist. Die Hizbullah feiert das bis heute als ihren Sieg. Schlagartig stieg ihr Ansehen im gesamten Libanon. Nicht nur unter den Schiiten wuchs ihre Akzeptanz enorm, wurde der Einfluß der ebenfalls schiitischen, jedoch gemäßigteren „Amal“-Bewegung unter Nabih Berri zurückgedrängt, auch in der nicht-schiitischen Bevölkerung. Selbst unter den libanesischen Christen sollen 54 Prozent den Widerstand und die Anschläge der Hizbullah auf Israel heute gutheißen, wobei der Organisation zugute kommt, daß sie seither auch immer stärker in das politische Geflecht des Landes eingebunden ist - mit Abgeordneten im Parlament und zwei Ministern im Kabinett Fuad Sinioras.
Bei dem Vorfall von 1996 waren dem Bobardement in Kana mehr als hundert Menschen zum Opfer gefallen. Etwa 900 Libanesen hatten in dem regionalen Stützpunkt der UN-Beobachter, in der Nähe der Stadt Tyrus gelegen, Schutz gesucht. Die Verhältnisse im Südlibanon glichen damals jenen, die in diesen Tagen dort wieder herrschen. Viele Libanesen waren auf der Flucht vor den bewaffneten Zusammenstößen und Bombardierungen, die einen weiteren Beschuß Nordisraels mit Katjuscha-Raketen durch die Hizbullah beenden sollten. Nach dem Massaker errichtete der Libanon in Kana ein Denkmal für die Getöteten, der Ort wurde so etwas wie eine politische Pilgerstätte. Die Syrer gaben Geld für das Mahnmal. Der damalige israelische Ministerpräsident Peres entschuldigte sich beim Libanon und ließ bekanntgeben, die Armee habe sich bei der Bombardierung in den Koordinaten getäuscht. Eine internationale Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, daß die Hizbullah aus der Umgebung Kanas Geschosse abgefeuert hatte.
Für die Libanesen, insbesondere die Christen, hat der Ort Kana jedoch auch eine religiöse Bedeutung, die bis in die Politik hineinwirkt. Im Libanon glaubt man, daß Jesus seinerzeit „libanesischen Boden“ betreten habe, zum Beispiel als er während der in der Bibel geschilderten „Hochzeit von Kana“ Wasser in Wein verwandelte. Einige Wissenschaftler stützen diese These, da das bei Tyrus gelegene Kana durchaus noch zu Galiläa gerechnet werden könne, das Jesus predigend durchzog. Andere Wissenschaftler, darunter israelische, widersprechen dieser Auffassung. Ihrer Meinung nach lag das Kana der Bibel im galiläischen Bergland westlich des Sees von Tiberias (Genezareth). Darauf deuteten auch archäologische Befunde.