Home
http://www.faz.net/-gpf-t0ho
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Libanon Die Hizbullah eröffnet eine zweite Front

12.07.2006 ·  Schon seit längerer Zeit nähert sich die schiitische Miliz der sunnitischen Hamas an. Beide streben die „Herrschaft des Islam“ an und wollen Jerusalem unter muslimische Kontrolle bringen. Die Hizbullah gilt als Spezialist für Entführungen.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Seit Wochen ist die israelische Armee in Alarmbereitschaft. Immer wieder hatte die schiitische Hizbullah mit der Entführung von Soldaten gedroht. Schon immer herrscht Unruhe an der Nordgrenze Israels, wenn es kriegerische Auseinandersetzungen in den palästinensischen Gebieten gibt.

Der libanesische Energieminister Mohammed Fneisch, der einzige Hizbullah-Minister im Kabinett in Beirut, teilte mit, die Entführung der beiden israelischen Soldaten gehe auf das Versprechen zurück, die Freilassung palästinensischer Gefangener in israelischer Haft zu beschleunigen: Was die sunnitische Hamas bisher mit der Geiselnahme eines israelischen Soldaten im Gazastreifen nicht schaffte, will die Hizbullah jetzt erreichen. Sie hofft so einen Teil des Drucks auf sich zu nehmen, unter dem die Hamas jetzt steht.

Hamas, Islamischer Dschihad und Hizbullah

Der frühere Mossad-Chef Halevy wies vor kurzem gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf die ideologische und operative Verwandtschaft zwischen der sunnitischen Hamas und der schiitischen Hizbullah hin. Das gehe zwar nicht so weit, daß sich die Hamas wie die Hizbullah in die direkte Abhängigkeit von Iran begebe. Doch beide Gruppen sähen sich als die „letzten Mohikaner im Kampf gegen den zionistischen Feind“, der längst von anderen arabischen Staaten anerkannt und heimlich bewundert werde.

Seit der Ausweisung von 417 Islamisten im Dezember 1992 in den Südlibanon haben sich Hamas, Islamischer Dschihad und Hizbullah nach früherer Feindschaft angenähert. Die Hizbullah nahm sich damals der Entführten an. Während für Zelte und Decken das Internationale Rote Kreuz sorgte, hielt die schiitische Miliz Kurse zum Bau von Bomben und Sprengstoffgürteln sowie über Entführungen ab.

„Herrschaft des Islam“ angestrebt

Seit 1992 versuchte die Hizbullah mehrere Male, eigene Zellen in den besetzten palästinensischen Gebieten zu gründen. Das aber stieß stets auf Ablehnung der Hamas, die sich nicht verdrängen ließ. Während die Hizbullah in Beirut seit 1992 an Wahlen teilnimmt und derzeit mit 14 Abgeordneten im Parlament vertreten ist, blieb sie mit Blick auf Israel weiterhin militant. Trotz aller Aufforderungen der Vereinten Nationen gelang es der libanesischen Regierung auch nie, die Hizbullah wie andere libanesische Milizen nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990 zu entwaffnen.

Obwohl sich Israel im Mai 2000 auf die von den Vereinten Nationen bestätigte internationale Grenze zurückzog und nur noch einige Quadratkilometer bei den „Scheeba-Farmen“ umstritten sind, blieb die Hizbullah mit Israel im Krieg - auch um ihre Existenz zu rechtfertigen. Wie die Hamas strebt auch die Hizbullah die „Herrschaft des Islam“ an und will Jerusalem unter muslimische Kontrolle bringen. Beide Gruppen stehen auf internationalen Terrorlisten. Während die Hizbullah den Al-Qaida-Terror billigt, lehnt die Hamas deren Anschläge offiziell ab.

Auf Entführung und Erpressung „spezialisiert“

Aber auch die Hamas geht einen doppelten Weg: Einerseits kandidierte sie Anfang des Jahres erstmals bei Wahlen und übernahm danach Regierungsverantwortung. An den früheren Kriegsparolen gegen Israel hat sich aber nichts geändert. Die pragmatische Gruppe um Ministerpräsident Hanija ist deshalb kaum von den Rädelsführern des Terrors um Auslandschef Meschal im syrischen Exil und den „Kassem-Brigaden“ zu unterscheiden; letztere entführten im Gazastreifen den israelischen Soldaten Schalit.

Die Hizbullah ist auf Entführung und Erpressung „spezialisiert“. Hizbullah-Generalsekretär Scheich Nasrallah, der von Hamas-Auslandschef Meschal in Damakus bewundert wird, hatte erst Ende Juni klargestellt, daß er die Entführung israelischer Soldaten für ein geeignetes Mittel hält. „In israelischen Gefängnissen sitzen 10.000 Palästinenser“, sagte er. „Da gibt es kein anderes Mittel, ihre Freilassung zu bewirken.“ Kurz nach dem israelischen Rückzug entführte die Miliz drei israelische Soldaten. Vier Jahre später wurden im Rahmen eines großen Gefangenenaustausches ihre Leichen herausgegeben sowie ein im Libanon entführter israelischer Geschäftsmann freigelassen.

Aktion als Guerilla-Operation bezeichnet

Nach einem gescheiterten Versuch im vergangenen November bei Kfar Radschar gelang jetzt die Entführung im westlichen Abschnitt der Grenze bei der Siedlung Zarit. Wie vor acht Monaten beschoß die Hizbullah die Grenze an verschiedenen Abschnitten. Offenbar reagierte die israelische Armee hektisch, bis die Hizbullah dann bei Zarit zuschlug. Ihre Kämpfer verwickelten zwei leichtgepanzerte Hummer-Geländewagen am Grenzzaun in ein Gefecht, zündeten Bodenminen, rissen zwei Soldaten aus den Wagen und verschwanden mit ihnen „an einen sicheren Ort“ im Hinterland.

Nur wenig später meldete der Hizbullah-Sender Al Manar die Entführung, zeigte Aufnahmen der jüngsten wie früherer Aktionen und forderte die Freilassung von Gefangenen, vor allem die von Samir Kuntar, der 1979 vier Israelis in Naharija getötet hatte. In ersten ausländischen Reaktionen wird die jüngste Hizbullah-Aktion ähnlich wie die Hamas-Entführung in Gaza als Guerrilla-Operation bewaffneter Kämpfer gegen Soldaten über eine Grenze hinweg beurteilt.

Entführung im Libanon „kein Terrorangriff“

Für den israelischen Ministerpräsidenten Olmert besteht jedoch ein Unterschied: Während er die Hamas-Entführung als „Terroranschlag“ bezeichnet und es ablehnt, mit Terroristen zu verhandeln, sagte er am Mittwoch in Anwesenheit des japanischen Ministerpräsidenten Koizumi in Jerusalem, die Entführung in den Libanon „ist nach ihrer Art kein Terrorangriff, sondern die Aktion eines souveränen Staates, der Israel ohne Grund oder Provokation angreift. Die libanesische Regierung, zu der die Hizbullah gehört, versucht, die regionale Stabilität zu erschüttern.“

Die Hamas betrachtet den gefangenen Soldaten Schalit als einen Kriegsgefangenen, für Olmert ist er ein Terroropfer. Die beiden israelischen Soldaten im Südlibanon aber sind für den Ministerpräsidenten „Kriegsgefangene“. Während Israel der Autonomiebehörde nur eine bedingte Staatlichkeit zugesteht und zwischen Präsident Abbas sowie der Hamas-Regierung unterscheidet, macht nun Olmert ohne Differenzierung den libanesischen Staat für die neue Eskalation verantwortlich und droht mit einem offenen Krieg.

22 Jahre im Libanon

Im Mai 2000 zog Israel seine letzten Soldaten aus dem Libanon zurück. Seit 1978 war die israelische Armee immer wieder in das Nachbarland eingerückt, zeitweise bis in die Hauptstadt Beirut. Doch auch mit der im Jahr 1985 im Südlibanon geschaffenen „Sicherheitszone“ gelang es Israel nicht, die Hizbullah an Angriffen auf den Norden Israels zu hindern. Mehr als 900 Israelis kamen bis zum Jahr 2000 nach offiziellen Angaben im Libanon ums Leben. Den israelischen Abzug feierte die Miliz daher als einen Sieg. Militante Palästinenser betrachten ihn seitdem als Vorbild und Beweis dafür, daß es möglich ist, die mächtige israelische Armee zu vertreiben.

Auch nach dem Abzug aus dem Libanon kehrte keine Ruhe an der nordisraelischen Grenze ein. Erst vor acht Monaten verhinderte die israelische Armee einen Versuch der Hizbullah, Soldaten zu verschleppen. Vor sechs Jahren entführten schiitische Kämpfer drei israelische Soldaten. Anfang 2004 wurden ihre Leichen als Teil eines größeren Gefangenenaustausches an Israel übergeben - gemeinsam mit dem im Libanon entführten israelischen Geschäftsmann Elhanan Tannenbaum, der wohl mit Rauschgift oder Waffen gehandelt hatte.

Israel ließ, nach deutscher Vermittlung, 400 Palästinenser sowie weitere arabische Häftlinge frei. Unter ihnen waren auch die Schiitenführer Mustafa Dirani und Scheich Karim Obeid sowie der in Israel wegen Terrorismusvorwürfen inhaftierte Deutsche Steven Smyrek. Zugleich vereinbarten beide Seiten, sich darum zu bemühen, das Schicksal des israelischen Luftwaffennavigators Arad zu klären; sein Flugzeug war 1986 über dem Libanon abgeschossen worden. Einen Austausch von Häftlingen und Geiseln wie vor zwei Jahren hat Hizbullah-Generalsekretär Scheich Nasrallah am Mittwoch vorgeschlagen. (hcr.)

Quelle: F.A.Z., 13.07.2006, Nr. 160 / Seite 6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

Jüngste Beiträge

Das Erdbeben ist ausgeblieben

Von Matthias Wyssuwa

Nach grauenvollen Monaten hat sich die Linkspartei eine neue Doppelspitze gegeben. Ob Kipping und Riexinger die Gräben in der Partei überwinden können, bleibt offen. Ein Zeichen von Stärke ist diese Wahl nicht. Mehr 2 9