09.05.2006 · Zum Artikel "Blick auf die Welt von morgen" (F.A.Z. vom 25. April): Klaus-Dieter Frankenberger hat in seinem interessanten Bericht zur Jahrestagung der Trilateralen Kommission in Tokio ein rosiges Bild der strategischen Lage in Nordostasien nachgezeichnet.
Zum Artikel "Blick auf die Welt von morgen" (F.A.Z. vom 25. April): Klaus-Dieter Frankenberger hat in seinem interessanten Bericht zur Jahrestagung der Trilateralen Kommission in Tokio ein rosiges Bild der strategischen Lage in Nordostasien nachgezeichnet. Einerseits ist es sicher vernünftig und im Interesse der meisten Mitglieder der Trilateralen, die in der jüngsten Zeit oft alarmistischen Lagebeschreibungen zu entdramatisieren. Denn in der Tat benötigen die Vereinigten Staaten die Kooperation Chinas beim Versuch der Einbremsung der nuklearen Aufrüstung Irans. China braucht für sein rasantes Wirtschaftswachstum ungestörte Energielieferungen aus dem Nahen Osten. Soweit, so friedlich. Allerdings gibt es auch strategische Entwicklungen, die sich nicht einfach durch höfliche akademische Vorträge verschönern lassen. China sieht sich als Kontinentalmacht des asiatischen Festlands, dessen Küste von Japan bis Singapur von den mit Einkreisungsabsichten verdächtigten Amerikanern beherrscht wird, die auch die Ölversorgung Chinas unschwer jederzeit kappen könnten.
Bis zum magischen Jahr 2020 will China Weltmachtstatus erreicht und die Einkreisung durch die Vereinigten Staaten aufgebrochen haben. Diesem Ziel dienen eine mit russischen Waffenlieferungen unternommene, aggressive Aufrüstung und Modernisierung der Volksbefreiungsarmee, die von Raketenabschüssen begleiteten Anschlußforderungen an Taiwan (ein Problem, das auch bis 2020 bereinigt werden soll und dann China die Kontrolle von Japans Schiffahrtslinien ermöglichte) und die massiven chinesischen Territorialforderungen im Südchinesichen Meer, die die Spratlys und die Paracelinseln umfassen und mit den indonesischen Nantunas fast bis zum Äquator reichen. Gleichzeitig verstärkt China seinen inneren Kolonisationsdruck gegenüber Tibetern, Uighuren, Inneren Mongolen und anderen Minderheitengebieten mit dem Ziel han-chinesischer ethnischer Dominanz und der Verunmöglichung äußerer Einmischungen. In Zentralasien setzte China massive Grenzkorrekturen zu eigenen Gunsten durch, pachtet Siedlungsraum von Kirgisien und Kasachstan und baut systematisch Pipelines zu den Ölfeldern des Kaspischen Meeres im Westen Kasachstans. Gegenüber dem sich entvölkernden Russisch Fernost, dessen Einwohnerzahl von sechs Millionen alljährlich um 100000 schwindet, leben in der Mandschurei auf der anderen Seite von Amur und Ussuri 130 Millionen Chinesen. Die meist illegale chinesische Bevölkerung in Russisch Fernost wird jetzt schon auf zwei Millionen geschätzt. Es ist also absehbar, wann das östliche Sibirien mehrheitlich chinesisch besiedelt sein wird.
Die Länder Ost- und Südostasiens reagieren auf den chinesischen Machtzuwachs mit einer Art Schreckstarre. Die schwächeren Staaten wie Burma, Laos und Nordkorea sind längst Klientelstaaten geworden. Andere, wie Vietnam, Thailand und die Philippinen, bemühen sich peinlichst, alles zu vermeiden, was chinesischen Unmut hervorrufen könnte. Südkorea, eigentlich (noch) mit den Vereinigten Staaten verbündet, sieht im offen hofierten Peking den Schlüssel für seine Wiedervereinigung. Allein Japan - neben Taiwan - leistet im Verbund mit den Vereinigten Staaten noch Widerstand gegen die von China mehr oder minder erwartete Unterwerfung unter seine klassische Suzeränität und wird daher mit dem gesteuerten Massenunmut und einer hemmungslosen nationalistisch-antijapanischen Agitation gestraft. Es kommen also interessante Zeiten auf uns zu. Gottlob ist wenigstens in Berlin die Zeit der Waffenhändler an China vorbei.
Dr. Albrecht Rothacher, Wien