20.04.2006 · oll. So wichtig es ist, die Erziehungsverantwortung zu stärken, so sehr bleibt ein Bündnis für Erziehung - ähnlich wie der sogenannte Integrationsgipfel - auf seinen zeichenhaften Charakter beschränkt.
oll. So wichtig es ist, die Erziehungsverantwortung zu stärken, so sehr bleibt ein Bündnis für Erziehung - ähnlich wie der sogenannte Integrationsgipfel - auf seinen zeichenhaften Charakter beschränkt. Allein der Gedanke, zu bestimmten Werten erziehen zu wollen, geht in die falsche Richtung, weil er den Eindruck erweckt, Werte ließen sich isoliert und autoritativ vermitteln. Noch ist der ruinöse Potsdamer Ausspruch "Was Werte sind, bestimmen wir" in Erinnerung. Vermutlich haben jüdische und muslimische Vertreter deshalb so empfindlich reagiert. Wer jemals einen sokratischen Dialog gelesen hat, weiß wohl, daß bestimmte Haltungen immer an einem lebendigen Beispiel erläutert werden. Ähnlich verhält es sich mit biblischen Geschichten, die Kinder wegen ihrer archaischen, lebensgesättigten Eindringlichkeit fesseln.
Sie wurden in manchem kirchlichen Kindergarten oder konfessionellen Religionsunterricht zu wenig erzählt. Im Religionsunterricht glaubten Lehrer und Kirchenvertreter zuweilen, das biblische Grundwissen, ohne das weder Kunst noch Literatur und Musik zu verstehen sind, zugunsten modischer Anbiederung an lebensweltliche Themen vernachlässigen zu können. Entscheidend für die Erziehung ist das überzeugende Vorleben eines bestimmten Verhaltens. Das muß auch für die am Erziehungsbündnis Beteiligten gelten.
In seinen bildungsprogrammatischen Texten schärfte Friedrich Daniel Schleiermacher das Bewußtsein für den Unterschied zwischen Bildung und Erziehung. Diese Unterscheidung ist noch immer aktuell. Der Bildung als "Entwicklung der Eigentümlichkeit eines Menschen" stellte Schleiermacher eine Erziehung gegenüber, welche die Kraft zur eigenen Bildung unterstützt und ergänzt. Falsche Erziehung wäre Gängelung, die junge Menschen auf fremde Gedanken festlegte, statt sie zu befähigen, ihre eigenen zu entwickeln. Es ist ausgeschlossen, jemandem Urteilskraft, Beobachtungsgabe oder gar sittliche Haltung einzuimpfen. Das gelingt nur durch Vorbilder, geduldige Überzeugungsarbeit, indirekte Auseinandersetzung mit Inhalten und Texten. Deshalb wäre es vorrangig, auf Vorbilder und die Qualität der Texte im Deutsch- und Geschichtsunterricht, in Religion und Philosophie sowie auf die Pflege der alten Sprachen zu achten und die Vergötzung der Lernziele und des Methodentrainings zu beenden.