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Leitglosse Maßgabe

25.02.2005 ·  Das Verhältnis von Christen und Juden in Deutschland ist einmalig - so einmalig, wie es nach dem in der Weltgeschichte einzigartigen Versuch nicht anders sein kann, das Judentum in diesem Land und von diesem Land aus nicht nur zu verfolgen, sondern auszurotten.

Von Daniel Deckers
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Das Verhältnis von Christen und Juden in Deutschland ist einmalig - so einmalig, wie es nach dem in der Weltgeschichte einzigartigen Versuch nicht anders sein kann, das Judentum in diesem Land und von diesem Land aus nicht nur zu verfolgen, sondern auszurotten.

Daher haben die Juden in Deutschland, die es wagten, nach den Erfahrungen des Holocaust wieder in diesem Land zu leben, die Kirchen schon früh als Partner gefunden, um gemeinsam das Vergangene zu bedenken und daraus Folgerungen für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft zu ziehen, im Dienst des Friedens und der Versöhnung.

Papst Johannes Paul II. stand da nicht abseits. Dreimal besuchte er während seines Pontifikats Deutschland, dreimal traf er auf deutschem Boden mit Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in Deutschland zusammen. Und jedesmal erinnerte er auf dem Boden jenes Landes, in dem den Juden nur Jahrzehnte zuvor die Menschenwürde abgesprochen worden war, an die vielen grausamen, ja tödlichen Folgen, die die Aufteilung des Lebens in lebenswertes und lebensunwertes, wertloses und wertvolles mit sich bringen kann.

Doch weder verschmilzt in diesem Horizont die Ermordung Millionen europäischer Juden in der Zeit des Nationalsozialismus mit den ebenfalls in die Millionenzahl gehenden Opfern des stalinistischen Terrors oder gar der gleichfalls in die Millionen gehenden Zahl der Kinder, die überall auf der Welt im Mutterleib getötet werden, zu einem einzigen Verbrechen, noch stehen diese unvermittelt nebeneinander. In einem kommen diese drei Monstrositäten überein.

Jede für sich entspringt der individuellen oder kollektiven Leugnung dessen, wozu die Christen, ja alle Menschen gemeinsam berufen sind. Der Papst nennt es die "Zivilisation der Liebe" und meint eine Gestaltung des persönlichen Lebens wie der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung nach der Maßgabe, daß vor Gott alle Menschen gleich wertvoll und wichtig sind.

An dieser Zivilisation, die von den besten jüdischen und christlichen Idealen beseelt ist, gibt es offenbar noch viel zu bauen, nicht nur im Großen, sondern - wie der jüngste Streit über aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zeigt - auch im Kleinen. Das nüchtern und demütig zu akzeptieren ist ein Teil des einmaligen Verhältnisses von Juden und Christen in Deutschland.

Quelle: F.A.Z., 26.02.2005, Nr. 48 / Seite 1
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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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