jöh. Viele sonst eher nüchterne Menschen, die einige Stationen einer Tour de France irgendwo in den Alpen oder in den Pyrenäen haben mitverfolgen können, behaupten allen Ernstes, von diesem Sportereignis gehe eine magische Kraft aus. Wie aufgeladen kehren sie aus Frankreich zurück. Radsport in Extremform als Energiequelle? Das läßt sich nicht so einfach von der Hand weisen. Wie sonst wäre die über Jahrzehnte ungebrochene, in jüngster Zeit sogar noch wachsende Begeisterung für die Große Schleife zu erklären? Eine Begeisterung, die alle Tiefen weitgehend unbeschadet zu überstehen scheint - Doping, Betrug, Unfälle und sogar Tod. Niemals wohl wird es gelingen, den Reiz auf das Publikum an der Strecke und vor den Bildschirmen genau zu ergründen. Es muß diese Mischung aus Schweiß, Blut, Mut, Verzweiflung, Übertreibung und Unvernunft sein, auf Etappen mit einer zum Teil aberwitzigen Abfolge von furchteinflößenden Steigungen und Schußfahrten.
Jetzt gibt es eine Zäsur, deren Wirkung noch gar nicht abgeschätzt werden kann: Der Amerikaner Lance Armstrong, Seriensieger seit 1999, beendet nach sieben Tour-Erfolgen seine schillernde Karriere im Sattel. Endlich? Nein, dieses Wort ist von niemandem zu hören. Im Gegenteil: Er werde allen fehlen, sagt Jan Ullrich. Angetreten, um die Tour zum zweiten Mal zu gewinnen, wurde der gebürtige Rostocker wieder vom "großen Lance" geschlagen, auf manchen Etappen, wie beim ersten Einzelzeitfahren, sogar gedemütigt. Ullrich mußte sich mit Platz drei im Gesamtklassement begnügen, allerdings durch zwei Stürze zurückgeworfen; aber auch ohne diese Zwischenfälle hätte er gegen Armstrong keine Chance gehabt. Ob der Weg im nächsten Jahr frei ist für Ullrich, wird seit Tagen unter Fans und unter Fachleuten heftig diskutiert. Zweifellos wird eine neue Zeitrechnung beginnen bei der Tour 2006. Während die einen auf das Ende einer mentalen Blockade Ullrichs hoffen, wenn der Schatten Armstrong wegfällt, weisen andere auf mangelnde Angriffslust und fehlende Entschlossenheit des Deutschen hin. Hat er sich selbst klein gemacht, oder hat ihn Armstrong klein gehalten? Allein die Suche nach einem Nachfolger für den Star aus Amerika wird dafür sorgen, daß der Tour de France die Energie so schnell nicht ausgeht.