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Leitglosse Auf der schiefen Bahn

 ·  G.H. "Das haben wir nicht gewollt." Noch fehlt dieses betretene Eingeständnis in der politischen Debatte. Immerhin sind die unabweisbaren Befunde, daß unser Land ein demographisches Problem hat, seit kurzem salonfähig.

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G.H. "Das haben wir nicht gewollt." Noch fehlt dieses betretene Eingeständnis in der politischen Debatte. Immerhin sind die unabweisbaren Befunde, daß unser Land ein demographisches Problem hat, seit kurzem salonfähig. Die Bevölkerung Deutschlands nimmt ab - und erst recht die deutsche Bevölkerung. Und je weiter diese Linien ausgezogen werden, um so mehr gehen sie auch noch auseinander. Die Gefahr ist seit langem bekannt, auch wenn es unschicklich war, darüber zu reden. Denn nichts fällt schwerer, als einzugestehen, eine ganze Gesellschaft und man selbst seien auf der schiefen Bahn.

Vielleicht hatte die Bundesrepublik in ihren Gründerjahren zu einem umfassenden gesellschaftspolitischen Konzept gefunden. Doch seit den sechziger Jahren traten Einzelinteressen immer mächtiger in den Vordergrund. Unterschiedlichste Tendenzen setzten sich gleichzeitig durch: der Kampf um die rechtliche, vor allem gesellschaftliche Freigabe der Abtreibung, das Streben nach möglichst billigen Arbeitskräften (abzulesen am demonstrativen Arbeitskräfteüberschuß) und die Konzentration der Arbeit an den attraktivsten oder am höchsten subventionierten Standorten. Unter diesen Aspekten ist die deutsche Einheit keineswegs gelungen. Das geheime Treuhand-Motto "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" hat eben das Ungewollte zur Folge: Den Einbruch der ostdeutschen Geburtenrate wird man noch dreißig Jahre später nicht wiedergutgemacht haben. Die andauernde Abwanderung aus Sachsen-Anhalt und anderen ostdeutschen Gegenden ist eine nicht bedachte, aber absehbare Folge des freien Spiels der Kräfte.

Eine Politik, die den Verfassungsgrundsatz der Gleichheit der Lebensverhältnisse nicht mehr durchzusetzen vermag, hat der Verödung ganzer Landstriche nichts entgegenzusetzen. Wo aber die Jugend wegzieht, die ambitionierten jungen Frauen in noch größerem Maße als die gleichaltrigen Männer, da sinkt die Geburtenrate weiter - ohne daß sie in anderen Gegenden stiege. Denn an den Anziehungspunkten kommt viel Familienunfreundliches zusammen: beruflicher Druck, engere Wohnverhältnisse, höhere Lebenshaltungskosten. Da keimt nicht einmal die Einsicht, daß der gefährliche Trend eigentlich rasch gewendet werden könnte - wenn nur der Entschluß dazu käme.

Quelle: F.A.Z., 16.03.2006, Nr. 64 / Seite 1
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