21.02.2006 · oll. Zu Recht hat der UN-Sonderberichterstatter der Menschenrechtskommission, Vernor Munoz Villalobos, den kostenfreien Kindergartenbesuch für alle Kinder gefordert. Jedenfalls wäre das sinnvoller als das kostenlose Studium für wenige, das von allen finanziert wird.
oll. Zu Recht hat der UN-Sonderberichterstatter der Menschenrechtskommission, Vernor Munoz Villalobos, den kostenfreien Kindergartenbesuch für alle Kinder gefordert. Jedenfalls wäre das sinnvoller als das kostenlose Studium für wenige, das von allen finanziert wird. Auf die Länder kämen dann allerdings erhebliche Kosten zu, denn sie könnten dafür nicht die Kommunen in Anspruch nehmen. Angesichts unterschiedlicher Elternhäuser und dort möglicher Spracherziehung liegt in der frühkindlichen Bildung die prägende Vorentscheidung für die gesamte Schullaufbahn. Darüber herrscht weitgehend Einigkeit.
Was sich aber in den Köpfen und in der Bildungsdiskussion festsetzt, ist die erwartete Kritik des Sonderberichterstatters an der "frühen Selektion", also bei der ersten, niemals aber endgültigen Schullaufbahnentscheidung am Ende der vierten Grundschulklasse, und am föderalen System. Nach einer oberflächlichen Stippvisite in einigen Bildungseinrichtungen, die sicherlich nicht dem deutschen Durchschnitt entsprechen, ein so anmaßendes Urteil über eine ganze Bildungsstruktur zu fällen kommt denjenigen in GEW und Parteien gelegen, die den Ländern die nach der Föderalismusreform gewachsene Verantwortung nicht zutrauen. Sie werden künftig einen Kronzeugen mehr haben.
Was Deutschlands Bildungspolitik am wenigsten brauchen kann, sind sinnlose Strukturdebatten, denn sie lösen kein inhaltliches Problem. Die Abschaffung des gegliederten Schulwesens und die Einführung einer Einheitsschule würde weder die unbestrittenen sozialen Ungleichheiten schmälern noch die Integration ausländischer Jugendlicher leisten. Ganz im Gegenteil, sie würde die Gegensätze noch verschärfen.
Doch der UN-Sonderberichterstatter läßt sich nicht nur von einem bestimmten schulpolitischen Lager instrumentalisieren, sondern setzt sich auch großzügig über die Ergebnisse der Schulforscher hinweg: diese widersprechen seinen Einschätzungen sogar. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat schon in den neunziger Jahren erwiesen, daß die sechsjährige Schulzeit bei Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung gegenüber der vierjährigen klar im Nachteil ist. Doch Forschungsergebnisse selbstkritisch zur Kenntnis zu nehmen ist zweifellos unbequemer, als die eigenen Vorurteile zu pflegen.