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Leitartikel Wolfsburger Filz

07.07.2005 ·  Von Johannes Ritter

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Kann das Zufall sein? Nur wenige Monate vor der Bundestagswahl wird Volkswagen von einer Korruptionsaffäre erschüttert. Die davon ausgehenden Verdachtswellen schwappen bis hoch in die Führungsetage. Und dort treffen sie vor allem einen Mann: Peter Hartz, den Personalchef und Herrn über 340000 Mitarbeiter. In ganz Deutschland bekannt ist das SPD-Mitglied Hartz wegen seiner politischen Rolle. Als Vorsitzender der nach ihm benannten Kommission steht er namentlich und inhaltlich für die Arbeitsmarktreformen, die Bundeskanzler Schröder zumindest vor der zurückliegenden Bundestagswahl Rückenwind gegeben hatten. Entsprechend groß wäre die Freude bei Union und FDP, würde Hartz noch vor dem 18. September fallen. Dann wäre er in doppelter Hinsicht Sinnbild für das Scheitern der rot-grünen Reformbemühungen.

Also liegt der Verdacht nahe, daß die ganze Affäre über Indiskretionen aus der Politik an die Öffentlichkeit geschwemmt wurde, zumal VW schon immer eng mit der Politik verzahnt war und ist. Doch es war nicht die Politik, sondern ein Hinweis der Commerzbank, der den Stein ins Rollen brachte. Das Geldhaus entdeckte, daß einer seiner Mitarbeiter in ein Geflecht von Tarnfirmen verstrickt war, die indirekt von Aufträgen aus dem VW-Konzern profitieren sollten. Die daraufhin alarmierten Autobauer entlarvten zwei mutmaßliche Haupttäter aus dem eigenen Haus und zeigten sie bei der Staatsanwaltschaft an. Vermutlich gibt es weitere Mittäter. Der finanzielle Schaden für VW ist nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen gering, weil die Mehrzahl der krummen Geschäfte erst in der Phase der Anbahnung war. Bezogen auf den Kern der ganzen Affäre, ist die gegenwärtige Aufregung also überzogen.

Den medialen Höhenflug erlebte der Fall in dem Moment, als der langjährige Betriebsratschef Volkert ins Spiel kam. Volkert, einer der mächtigsten Betriebsräte dieses Landes und Duzfreund des Kanzlers, hat inzwischen zugegeben, daß er an einer der Tarnfirmen beteiligt war. Daher ist er zwar zurückgetreten, doch sieht er sich unbelastet, weil das angebahnte Geschäft ja nicht zustande kam. Dieses Selbstverständnis spricht Bände. Der oberste Interessenvertreter der VW-Mitarbeiter versucht sich auf verdecktem Wege als Kapitalanleger im eigenen Unternehmen - und findet nichts dabei. Zugleich tauchen immer mehr Gerüchte über angebliche Lustreisen und wilde Eskapaden der Betriebsräte auf. Entsprechende Belege soll Hartz abgezeichnet haben. Beweise gibt es dafür bislang nicht; Hartz selbst weist alle Vorwürfe zurück.

Einer der Hauptverdächtigen im eigentlichen Korruptionsfall, Gebauer, wird von dem FDP-Politiker Kubicki anwaltlich vertreten. Vermutlich ist dieses Gespann die Hauptquelle der Gerüchte. Gebauer war in der VW-Personalabteilung für die "umfassende Betreuung der Betriebsräte" zuständig. Insofern weiß er, was sich in diesen Reihen abgespielt hat. Aber ist er deshalb uneingeschränkt glaubwürdig? Möglicherweise will Gebauer vor allem eins erreichen: daß die "Großkopferten" in den Mittelpunkt der Ermittlungen rücken und er als vermeintlich kleines Licht dadurch entlastet wird.

Das heißt freilich nicht, daß Volkswagen nur Opfer eines juristischen Winkelzugs wäre. Im Konzern herrscht großer Mißstand. Und dessen Ursprung liegt in der Allmacht des Betriebsrats, der fest in der IG Metall verankert ist. Mit einem dichten Geflecht von Gewährsleuten stellte Volkert sicher, daß nichts ohne seine Zustimmung entschieden werden konnte. Führungskräfte berichten, daß Betriebsräte sie regelrecht bedroht hätten, wenn sie mit unbequemen Veränderungsvorschlägen aufwarteten. In den Jahren, als die SPD in Niedersachsen regierte, bildeten die Betriebsräte mit den gleichgesinnten politischen Vertretern des Großaktionärs die Mehrheit im Aufsichtsrat.

In einem solchen Klima liegt der Versuch nahe, die Arbeitnehmervertreter mit allerlei Zugeständnissen und Annehmlichkeiten bei Laune zu halten, um unternehmerisch wenigstens ein paar Weichen stellen zu können. Dafür ist im Vorstand seit 1993 vor allem Hartz zuständig. Er kennt die Muster, nach denen es sich einige aus dem Hause Volkswagen offenbar sehr gut haben gehen lassen. Daher steht Hartz stark unter Druck - so stark, daß er vermutlich zurücktreten muß, um sich aus den Schlagzeilen zu nehmen und somit Schaden von dem Unternehmen abzuwenden.

Für VW wäre das gut. Hartz ist der letzte Mann alten Schlages im Vorstand. Er steht für ein Konsensmodell, mit dem der Automobilkonzern seine Zukunft nicht meistern kann. Volkswagen hat bis zu vierzig Prozent höhere Kosten als die wichtigsten Wettbewerber und liegt in vielen Qualitätsstatistiken weit hinten; die Stammarke VW macht Verlust. Der neue VW-Markenchef, Bernhard, hat sich vorgenommen, die Kosten um sieben Milliarden Euro zu senken und zugleich die Qualität der Fahrzeuge deutlich zu verbessern. Ein schwieriger Spagat, für den er volle Rückendeckung braucht. Denn diese Übung erfordert harte Einschnitte, auch für die Belegschaft - Einschnitte, von denen Hartz, der Erfinder teurer Arbeitszeitmodelle, wohl nicht leicht zu überzeugen wäre.

So unappetitlich und imageschädigend die ganze Affäre für VW auch ist: In ihr liegt die Chance zum Neuanfang. Je mehr Licht auf den Wolfsburger Filz fällt, je früher mit der Unkultur gegenseitiger Begünstigungen und Abhängigkeiten im Zuge der laufenden Untersuchungen aufgeräumt wird, um so eher kann Volkswagen ein normales Unternehmen werden. Dabei kann die Politik durchaus helfen. Niedersachsens Ministerpräsident Wulff (CDU) sollte endlich den Mut finden, die VW-Beteiligung des Landes zu verkaufen, und seinen Widerstand gegen die Abschaffung des schützenden VW-Gesetzes aufgeben. Doch das traut er sich nicht. Schließlich ist Wahlkampf.

Quelle: F.A.Z., 08.07.2005, Nr. 156 / Seite 1
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