Eines der beliebtesten Lieder der antikommunistischen Opposition in Polen war in den achtziger Jahren die „Ballade über das Weiß“. Darin beschreibt der Liedermacher Jacek Kaczmarski, der die musikalische Stimme der Gewerkschaft Solidarnosc war, die polnische Geschichte als Folge „weißer Flecken“. Über „weiße Flecken geht in Sibirien die Menge der Verbannten“, mit „weißem Kalk werden weiße Schädel zugeschüttet, weiß werden die Pakte unterschrieben, weiß brennt Warschau“. Dann nimmt der Text eine dialektische Wendung: Dieses Weiß leuchtet, in seinem Licht leben die Erinnerung an die Leiden und das Bewusstsein, es könne besser werden, „es verwundert nicht, dass sie sich darangemacht haben, diese Flecken zuzuschmieren“.
Das ist der kommunistischen Diktatur in Osteuropa nicht gelungen. Die „Ballade über das Weiß“ beschreibt genau, was Geschichte in den Wendejahren dort bedeutete: Das Gedenken an Opfer der Gewaltherrschaft, die Forderung nach der Wahrheit parteiamtlich verzerrter Ereignisse mobilisierten die Massen. Die Kommunisten stürzten nicht zuletzt über die Geschichtslügen, mit denen sie ihre Herrschaft hatten rechtfertigen wollen.
Von Wahr zu Falsch, von Falsch zu Wahr
In der Neuschreibung der Geschichte nach 1989 blieben indes schwarz-weiße Umkehrungen von Wahr zu Falsch und Falsch zu Wahr, von Gut zu Böse und Böse zu Gut eine Randerscheinung. Die Befreiung der Vergangenheit von den realsozialistischen Dogmen verlief auf ihre Weise genauso schmerzhaft und voller Widersprüche wie die Befreiung der Wirtschaft vom Plankorsett. Man versuchte, an die Traditionen der vorkommunistischen Zeit anzuknüpfen, und überging ihren nationalistischen und autoritären Ballast - gleichzeitig suchte man den Anschluss an ein Europa, das sich aus der Überwindung des damaligen Denkens legitimiert. Man begann, die vielen weißen Flecken zu erforschen - und kam dabei auch an den dunklen Flecken der eigenen Vergangenheit nicht vorbei.
Die Geschichte, die im Protest gegen das kommunistische Regime noch Orientierung gegeben hatte, gab in der Freiheit keinen Halt mehr. Sie rückte an den Rand des politischen Geschehens, stand über die neunziger Jahre gleichsam im Halbdunkel. Man hätte darin das Erreichen eines Normalzustands sehen können - wenn es so etwas wie einen „Normalzustand“ während der rasenden und tiefgreifenden Veränderungen gegeben hätte, die die Gesellschaften Osteuropas in jenen Jahren durchgemacht haben. Weil so viele Jahre lang nichts als sicher gelten konnte, bestimmen gärende geschichtliche Debatten, historisch begründete Vorbehalte und Missverständnisse aus dem Verborgenen heraus die Politik in Osteuropa noch immer stärker als in Westeuropa. Daher tritt die Vergangenheit dort in jüngster Zeit oftmals wieder scheinbar unvermittelt in die Mitte des politischen Geschehens.
Im Grunde ein Phantomstreit
Die deutsch-polnischen Missstimmungen wegen des von der Bundesregierung geplanten „sichtbaren Zeichens“ zur Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa sind nur eines von vielen Themen dieser Art - nur werden die anderen hier nicht wahrgenommen, und wenn doch, dann oft mit herablassendem Unverständnis gegenüber den Osteuropäern. Der Streit zwischen Warschau und Berlin fällt indes aus zwei Gründen aus dem Rahmen: Er überschreitet die in der erweiterten EU noch immer bestehende Ost-West-Grenze, und er ist im Grunde ein Phantomstreit. Die polnische Furcht, in Deutschland wolle man die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu schreiben, wolle man Täter zu Opfern machen, ist in der Sache nicht begründet. Das zeigt ein unvoreingenommener Blick auf die Internetseite des „Zentrums gegen Vertreibungen“.
Trotzdem sollte diese Furcht ernst genommen werden. Sie hat einen rationalen Kern: Im Westen ist die Tragödie Osteuropas noch immer nicht begriffen, ist die aussichtslose Lage der Völker noch immer nicht verstanden worden, die zwischen zwei totalitäre Systeme geraten waren. Das leistet nicht nur leichtfertigen, in Osteuropa als verletzend empfundenen moralischen Urteilen Vorschub; es hat auch eine aktuelle Bedeutung: Die Mehrzahl der (westlichen) EU-Mitglieder und damit der Apparat in Brüssel reagieren immer wieder überrascht und hilflos auf die regelmäßig aufbrechenden historischen Streitigkeiten zwischen ihren osteuropäischen Mitgliedern und Russland, das die Verbrechen der Sowjetunion offensiv leugnet.
Das Museum des Zweiten Weltkriegs unter Beteiligung aller europäischen Nationen, das der polnische Ministerpräsident Tusk als Ersatz für das „sichtbare Zeichen“ der Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa in Berlin vorgeschlagen hat, würde schon daran scheitern - während sich Deutsche und Polen im Urteil über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik einig wären. Zu einem größeren Verständnis der Deutschen dafür, was Polen (und andere Osteuropäer) in den Kriegsjahren und danach erleiden mussten, würde dieses Museum nicht führen. Die Erinnerung an die Vertreibungen dagegen könnte zu einer Ost-Erweiterung des historischen Bewusstseins in Deutschland beitragen - und damit auch Polen nutzen.
"Weiße Flecken, schwarze Flecken"
Eva Thompson (sarmatia)
- 24.12.2007, 04:45 Uhr