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Leitartikel Vor gewaltigen Aufgaben

 ·  Von Wolfgang Günter Lerch

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Wann immer ein König stirbt in Saudi-Arabien oder eine Bombe explodiert, wird gefragt, wie stabil das Wüstenkönigreich sei. Auch nach dem Tod König Fahds mögen hier und da Befürchtungen aufkommen. Werden die terroristischen Feinde der Sauds die wahhabitisch-knappen Trauerfeierlichkeiten und die auch offizielle Machtübernahme des Kronprinzen und neuen Königs Abdullah in der Folge zu Anschlägen nutzen, um ihr "Zeichen" zu setzen und die Leute zu verunsichern? Und welchen Kurs wird der neue König, da er nach außen nicht mehr für den alten handeln muß, steuern? Schon immer galt Abdullah als ein Mann, der authentischen arabischen Traditionen nähersteht als dem westlichen Lebensstil.

Das saudische Königreich, der größte Erdölexporteur, muß sich heute gegen zweierlei Gegner und Feinde zur Wehr setzen: gegen die islamische Exilopposition in London, die sich gegen das Herrschaftsmonopol der Familie Al Saud wendet, und gegen die islamischen Terroristen von Al Qaida, die dem Herrscherhaus "Verrat" am Islam vorwerfen: einmal, weil es ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten in der Region ist (obschon das Verhältnis seit dem "11. September" gelitten hat, mindestens komplizierter geworden ist), zum anderen, weil der Lebensstil eines großen Teils der nach Tausenden zählenden Prinzengarde jener puritanischen Doktrin widerspricht, nach der man angeblich herrscht. Tatsächlich nennen selbst Muslime den auf das 18. Jahrhundert und Muhammad Ibn Abdal Wahhab zurückgehenden Wahhabismus, die offizielle Staatsdoktrin Saudi-Arabiens, gelegentlich die "freudloseste Form" des Islams. Den Terroristen ist sie aber noch nicht freudlos und rigide genug.

Für das Königshaus wiegt dieser Vorwurf schwer. Neben dem schlichten Innehaben der Macht ist es nämlich allein die Herrschaft über die dem Islam heiligsten Stätten Mekka und Medina, wo der Prophet Mohammed wirkte und begraben liegt, welche die (religiös interpretierte) Legitimation der Sauds ausmacht. Auch der neue König Abdullah wird sich wohl "Hüter der beiden heiligen Stätten" nennen, um damit seinen Rang und denjenigen Saudi-Arabiens als zentrale und unangefochtene Macht des Weltislams zu dokumentieren. Wer immer in der Vergangenheit die Herrschaft der Wahhabiten in Frage stellte oder sogar ihren Sturz betrieb - von den Osmanen im beginnenden 19. Jahrhundert angefangen, bis zu den Provokationen der Iraner im ausgehenden 20. Jahrhundert -, tat dies mit religiösen Argumenten und Emotionen.

Der ehemalige saudische Bürger und "Erzterrorist" Usama Bin Ladin setzt diese Linie fort. Seine Anhänger, die im Königreich (wie außerhalb) zahlreiche Terrorzellen aufgebaut haben, wollen so lange Bomben legen oder schießen, bis alle Ausländer den "heiligen Boden des Islams" verlassen haben. Das zielt vornehmlich auf die Amerikaner. Manches spricht dafür, daß Al Qaida dieses Ziel ebensowenig wie den Sturz der Saudi-Dynastie erreichen wird. Zum einen ist die Repression des Staates groß; zum andern aber scheint sich etwas zu wiederholen, was auch in anderen Ländern der Region zu beobachten war: Je brutaler die Anschläge werden, desto stärker wendet sich der größere Teil der Bevölkerung auch von den Zielen der Terroristen ab. Insbesondere das ägyptische Beispiel spricht da eine beredte Sprache. Dort wollen viele zwar Reformen und fordern endlich eine pluralistische Mitsprache, doch die blutige Saat der Gewalttäter geht nicht auf.

Nichtsdestoweniger befindet sich Saudi-Arabien bei seiner Auseinandersetzung mit den Extremisten in einer selbstgestellten Falle: Weder die Taliban noch Al Qaida wären ohne massive saudische Mitwirkung entstanden. Wer eine rigide Form des Islams exportiert, darf sich nicht wundern, wenn deren Maßstäbe auf ihn selbst zurückfallen, wenn er erntet, was er sät. In fast allen Provinzen des riesigen Reiches sind in letzter Zeit Terrorgruppen ausgehoben worden. Und auch jene im Westen trifft eine gewisse Schuld, die im Kampf gegen gemeinsame Feinde - etwa die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan - sich allzu lange und völlig bedenkenlos mit den radikalsten Elementen eines gewaltsam-entfesselten islamischen Fundamentalismus gemein gemacht hatten.

Vor dem neuen König, der auch schon ein Greis ist, liegen gewaltige Aufgaben. Selbst das reiche Saudi-Arabien hat ökonomische Engpässe zu bewältigen. Hinzu kommen die zaghaften "Reformen", die noch seinem Halbbruder und Vorgänger Fahd zugeschrieben werden, auch wenn Abdullah sie in den vergangenen Jahren verwirklichen ließ. Nach westlichen Maßstäben waren die jüngsten Kommunalwahlen eine Marginalie, doch in einem Land wie Saudi-Arabien, in dem bis heute selbst rein akklamatorische Stimmabgaben praktisch unbekannt waren, bedeuten sie schon etwas. Werden die Reformen, und seien sie auch noch so bescheiden, weitergehen? Mehr Mitsprache der Bevölkerung könnte ein Weg sein, der Exilopposition etwas entgegenzukommen und ihr gleichzeitig ein wenig das Wasser abzugraben. Riads mächtiger Verbündeter, die Vereinigten Staaten, wollen den Nahen und Mittleren Osten allmählich in eine Zone von Demokratien verwandeln. Dazu hat Abdullah vor kurzem bemerkt, es gelte, die Traditionen der Völker zu beachten und zu respektieren. Dem König sitzen die wahhabitischen Religionsgelehrten im Nacken, die eine nach ihrer eingeschränkten Sichtweise allzu große Öffnung sofort als unzulässige Neuerung (bid'a) verdammen würden. Sie aber sind die wichtigste Stütze der Herrschaft. Bei der Schaffung eines Bewußtseins für ein "gemeinsames Vaterland", das man anstrebt, gilt es, die Vielfalt der Stämme zu gewichten und die Dynastie auch endgültig mit den Schiiten in der Ostprovinz sowie mit anderen Minderheiten zu versöhnen.

Quelle: F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 1
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