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Leitartikel Unfähig zur Versöhnung

07.09.2006 ·  Ohne die Vertriebenen kann es keine Verständigung über die Vertreibung geben. Die schärfsten Kritiker der Ausstellung „Erzwungene Wege" dagegen mußten das Kronprinzenpalais nicht betreten, um schon zu wissen, daß dort „Geschichte umgeschrieben“ werde und „Täter zu Opfern" gemacht würden.

Von Stefan Dietrich
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Die schärfsten Kritiker der Ausstellung „Erzwungene Wege“ mußten das Kronprinzenpalais nicht betreten, um schon zu wissen, daß dort „Geschichte umgeschrieben“ werde und „Täter zu Opfern“ gemacht würden. Diese Blöße gab sich Gesine Schwan, die Koordinatorin für deutsch-polnische Beziehungen, zwar nicht. Doch auch sie sah nur, was sie sehen wollte: daß die Vertriebenen in der Ausstellung unterschiedslos als „nicht verantwortliche Mitglieder eines Opferkollektivs“ definiert würden. Ohnehin ist für Frau Schwan „die Initiatorin dieser Ausstellung so belastet, daß eine deutsch-polnische Verständigung in dieser persönlichen Konstellation ausgeschlossen erscheint“.

Aus Polen schallt es herüber, das Projekt Zentrum gegen Vertreibungen werde von der Vertriebenenpräsidentin Steinbach in geschichtsrevisionistischer Absicht vorangetrieben. Ursprünglich stammt dieser Vorwurf nicht aus Polen, sondern aus Deutschland. Der Oldenburger Historiker Hans-Henning Hahn verbreitete ihn vor drei Jahren in einem Aufruf an seine tschechischen und polnischen Kollegen: „Hier soll ein zentrales Mahnmal entstehen, das (...) ein einheitliches Geschichtsbild etablieren und durchsetzen soll“, hieß es alarmierend. „Die große Gefahr, die dieses Ansinnen in sich birgt, besteht in einer staatlich sanktionierten Umdeutung der Vergangenheit, ja einer Revision der Geschichte.“ Mehr als hundert osteuropäische Wissenschaftler und Publizisten unterschrieben den Aufruf. Als Beleg für seinen Wahrheitsgehalt genügte ihnen die Tatsache, daß Frau Steinbach hinter dem Zentrumsprojekt steht.

So fand ein bei westdeutschen Linksintellektuellen gepflegtes Feindbild bereitwillige Aufnahme in Ostmitteleuropa. Nahtlos fügte es sich in den Rahmen ein, den die kommunistische Propaganda in Jahrzehnten für den Bund der Vertriebenen (BdV) gedrechselt hatte. Umstandslos ließ es sich nun sogar von den stramm antikommunistischen neuen Regierungsparteien in Polen für ihre Zwecke ausschlachten. Doch nicht einmal der ungewohnte Schulterschluß mit Warschauer Nationalkonservativen kann Frau Schwan oder den SPD-Abgeordneten Meckel von ihrer Kampagne gegen die Vertriebenen abbringen. Unbeirrbar halten sie daran fest, daß Verständigung mit Polen, auch über die Vertreibungsgeschichte, nur ohne Frau Steinbach möglich sei.

Das Nebeneinander zweier Ausstellungen in Berlin schien diese Behauptung zu belegen: Die vom Bonner Haus der Geschichte präsentierte Schau „Flucht, Vertreibung, Integration“ zog alle Register moderner Museumspädagogik, um einen emotional anrührenden Eindruck von den Leidenswegen deutscher Vertriebener und den Schwierigkeiten ihres Neubeginns im verkleinerten und geteilten Deutschland zu vermitteln. Die mit sehr viel bescheideneren Mitteln zusammengestellte Ausstellung „Erzwungene Wege“ der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen wirft dagegen einen eher unterkühlten Blick auf weit auseinanderliegende Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Europa, die bisher nur deshalb nicht zusammenzugehören schienen, weil ihnen verschiedene Namen gegeben wurden: Genozid, Bevölkerungstransfer, Vertreibung, Holocaust, Pogrom.

Doch während die auf deutsche Schicksale zentrierte Bonner Ausstellung in Osteuropa weitgehend unbeanstandet blieb, stieß die ganz auf europäische Ausgewogenheit achtende Präsentation der Vertriebenen, die schon im Titel jede Anstößigkeit zu vermeiden suchte, vor allem in Warschau auf schroffe Ablehnung. Damit wurde eines klar: Der Bund der Vertriebenen mag sich mit der Geschichte der Vertreibungen im 20. Jahrhundert noch so historisch und politisch korrekt auseinandersetzen - wenn es der Bund der Vertriebenen tut, ist diese Auseinandersetzung unerwünscht, hier wie dort. „Der BdV ist dafür nicht qualifiziert“, lautet Meckels abschließendes Urteil.

Diese Arroganz ist einer der Gründe dafür, warum der deutsch-polnische Brückenschlag noch immer so viel brüchiger wirkt als etwa der deutsch-französische. Der Unwille, im eigenen Land politische Gräben zu überspringen und persönliche Abneigungen zu überwinden, macht unfähig zu grenzüberschreitender Versöhnung. Nicht nur im Polen der Kaczynskis sind die beiderseitigen Beziehungen derzeit in schlechten Händen, sondern auch in Deutschland. Hierzulande sind es auf der gesellschaftlichen Ebene vorwiegend Aussiedler, Vertriebene und ihre Nachkommen, die das Interesse an unseren östlichen Nachbarn wachhalten und persönliche Beziehungen pflegen; auf der politischen Ebene jedoch sollen sie nichts zu melden haben. Dort dominieren noch immer die Gralshüter einer Entspannungspolitik, über die längst die Zeit hinweggegangen ist. Das „Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität“, das die frühere Kulturstaatsministerin Weiss als Konkurrenz zum Zentrum gegen Vertreibungen organisierte, hat seit seiner Gründung kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Sein Sitz in Warschau ist seine Begräbnisstätte geworden. Frau Steinbachs Stiftungsidee aber lebt und erfreut sich in Berlin eines regen Publikumsinteresses.

Deshalb war es wichtig, daß sich Bundespräsident Köhler über das Sperrfeuer der Anti-Steinbach-Phalanx hinwegsetzte und am Tag der Heimat zu den Vertriebenen sprach. Sein dreifaches „Wir müssen darüber sprechen“ war zwar an die polnische Seite gerichtet, die sich so schwer damit tut, einen längst begonnenen Prozeß der historischen Aufarbeitung fortzusetzen. Doch zugleich war in dieses „Wir“ auch die vor Köhler sitzende Frau Steinbach einbezogen. An Köhler sollten sich alle ein Beispiel nehmen, denen wirklich an guter Nachbarschaft zu Polen liegt. Versöhnung fängt zu Hause an.

Quelle: F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 1
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