22.04.2005 · Von Michael Hanfeld
Noch ist es eine Spekulation, allerdings keine aus der Luft gegriffene: Der Springer-Verlag will die Mehrheit an der Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 übernehmen und dem jetzigen Eigentümer, dem amerikanischen Medienunternehmer Saban, dafür Aktien abnehmen. Aus dem Munde des Vorstandsvorsitzenden Döpfner auf der Hauptversammlung seiner Aktionäre klang das so: Springer habe stets gesagt, daß man den bisherigen Anteil an den Fernsehsendern von rund zwölf Prozent entweder verkaufen oder bis zu einer Mehrheit der Anteile aufstocken wolle. Dies sei eine von zwei Optionen, das Geschäftsfeld zu erweitern. Deutlicher kann man bei einem börsennotierten Unternehmen nicht mit dem Zaunpfahl winken, ohne vorschnell etwas zu verkünden, das die Kapitalmärkte, die Branche und die Politik in Bewegung bringt: Saban und Springer.
Saban und Springer - das paßt. Das sitzt und sprengt die Verhältnisse in mehr als einer Hinsicht: Wirtschaftlich gesehen lohnt es sich für alle Beteiligten. Die sechs amerikanischen Finanzinvestoren, mit denen gemeinsam Saban die Sender im August 2003 aus der Konkursmasse von Leo Kirch für den Schnäppchenpreis von 525 Millionen Euro erwarb, machen einen bedeutenden Gewinn. Denn in weniger als zwei Jahren hat sich der Wert des Unternehmens mehr als verdoppelt. Nichts anderes wollten die Investoren, und deswegen haben sie es auch so eilig zu verkaufen, daß sie den Gläubigern von Kirch 15 Millionen Euro allein für das Recht bezahlen, vor Ablauf der vertraglich festgelegten Veräußerungssperre schon mit potentiellen Kaufinteressenten verhandeln zu dürfen.
Einen kleinen Teil seiner eigenen Aktien zu verkaufen bringt auch Saban Gewinn. Er hat sich, vorsichtig, wie er ist, selbst nur mit einem Viertel an den 88 Prozent beteiligt, die er und die Investoren an Pro Sieben Sat.1 halten. Hätte er damals allein investiert, müßte er seine Finanziers jetzt nicht auszahlen und sich auch nicht der Spekulation aussetzen, er selbst wolle - entgegen wiederholten Beteuerungen - die Sendergruppe abgeben. Saban wird bleiben.
Mag er auch ein Geschäftsmann von List und Tücke sein - das Bekenntnis zu seinem deutschen Fernsehgeschäft sollte man ihm abnehmen. Es ist für ihn nämlich, wie er der "New York Times" einmal sagte, auch eine politische Investition. Er habe nur ein politisches Thema und kenne nur eine politische Mission: "Ich bin ein Mensch mit einem Anliegen, und dieses ist: Israel." Saban weiß, wie wichtig für die Geltung Israels in Europa gerade die Stimme Deutschlands ist. Dort gleich sechs Sender zu besitzen, mit denen man die politische Agenda besetzen kann, zudem enge Kontakte zur Politik zu pflegen bringt mehr ein als bloß eine pekuniäre Dividende. Es sichert Einfluß. Genau davon hat Saban, der die hiesige Presse mit seinen Scharaden gerne an der Nase herumführt, gesprochen, als er der "New York Times" geradezu übermütig offen verriet, daß er die Politiker in Deutschland regelrecht "weichgequatscht" habe, seinem Kauf zuzustimmen: "Dieses Maß an Besitz würde in den Vereinigten Staaten niemals gestattet", sagte er, "es wäre eine viel zu große Konzentration." Vom Gelingen seines Deals, erzählte Saban noch, habe er übrigens über sein Handy erfahren, als er mit seiner Familie gerade die KZGedenkstätte Dachau aufsuchte.
Saban also muß bleiben, will er nicht das gesellschaftspolitische Ansehen verlieren, um das es ihm angeblich - auch - geht. Und dazu kann nun Springer kommen, weil der Konzern das nötige Geld angespart und obendrein eine innere Betriebsverfassung hat, welche - ein Vermächtnis des Verlagsgründers Axel Cäsar Springer - das besondere Bekenntnis zu Israel herausstellt. Springer war die Versöhnung zwischen Juden und Deutschen ein politisches Anliegen, das er im Gegensatz zu anderen zeitlebens konsequent verfolgte. Nimmt man die angeblich hervorragenden persönlichen Beziehungen zwischen Saban und dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Döpfner hinzu, gibt es gemeinsame Überzeugungen, mögliche gemeinsame Gewinne und eigentlich nichts, was einer Mehrheitsübernahme Springers bei Pro Sieben Sat.1 entgegenstünde - außer, es böte jemand einen deutlich höheren Preis.
Hieße dieser jemand Rupert Murdoch, der sich unverhohlen in die Politik jener Länder einmischt, in denen er Geschäftsinteressen verfolgt, erschiene Springer als "vernetzter Medienkonzern" als das kleinere Übel. Kartellrechtlich steht dem Vorhaben ohnehin kaum etwas im Wege. Doch darf die Vorstellung beunruhigen, daß "Bild, BamS und Glotze", wie sie der Bundeskanzler als Verbündete einmal aufrief, dann wirklich aus einer Hand kommen, denn dann hätte man die geballte Medienmacht vor allem auf dem Boulevard, nach dessen Gesetzen heute Politik gemacht wird. Mit diesem Schritt verwirklichte Döpfner den Traum von Leo Kirch, dessen Imperium ausgerechnet er durch das Pochen auf Auszahlung einer Aktienoption von 767 Millionen Euro, die Kirch nicht bezahlen konnte, den tödlichen Stoß versetzte. War es zuvor Kirch, der die Sender hatte und als Aktionär die Mehrheit bei Springer wollte, so ist es nun umgekehrt der Springer-Konzern, der nach Pro Sieben Sat.1 greift.
Doch geht es hier nicht nur um eine Ironie der jüngeren deutschen Mediengeschichte: Wir bekämen mit einer vereinten Saban-Springer-Gruppe einen zweiten riesenhaften Medienkonzern, der dem Platzhirsch Bertelsmann den Rang streitig machen könnte. Bertelsmann besitzt unter anderem die RTL-Gruppe, den größten Privatsenderkonzern in Europa und Deutschland, und den Verlag Gruner + Jahr, druckt den „Stern“ und den „Spiegel“, vom netzewerfenden Wirken der Bertelsmann-Stiftung gar nicht zu reden. Allerdings ist Bertelsmann, das sich nun etwas heuchlerisch beunruhigt zeigt ob der möglicherweise heranwachsenden neuen Machtkonzentration auf dem Medienmarkt, kein Zeitungshaus und verlegt nicht das größte Boulevardblatt des Landes. Springer und Saban - das wäre schon eine Macht ganz neuer Art.