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Leitartikel Keine Macht den Drogen?

22.01.2007 ·  Von Daniel Deckers

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Heroin ist "out" - der Rauschgiftkonsum aber steigt weiter.

Vor zehn Jahren prangte von allen Plakatwänden das Motto "Keine Macht den Drogen". Man muss dieser Kampagne nicht nachtrauern, denn in der Verbindung mit den Konterfeis von Spitzensportlern hörte man die Botschaft wohl, allein es fehlte der Glaube. Doch schon bald nach ihrem Ende verschwand das Thema Drogen aus der Öffentlichkeit.

Die rot-grüne Bundesregierung ergänzte die angeblich "gescheiterte" Rauschgiftpolitik der Vorgängerregierungen um Fixerstuben und Heroin-Modellprojekte und rühmte sich bald ihrer Erfolge: Die Zahl der sogenannten Drogentoten ging tatsächlich zurück. Die Bilder von aufgeputschten Techno-Tänzern beunruhigten die Öffentlichkeit weit weniger als das mitleidheischende Junkie-Elend, das aus dem Straßenbild verschwand, als die Modedroge Heroin von anderen Suchtmitteln abgelöst wurde. Der Streit unter den Mitgliedern des Deutschen Bundestags über die Zulassung von Heroin als Arzneimittel zur Behandlung sogenannter Schwerstabhängiger ist daher nur noch ein Nachhutgefecht. Mangels neuer medienwirksamer Schreckensszenarien ist das Interesse von Politik und Öffentlichkeit an der Rauschgiftpolitik allmählich erlahmt.

Nach vielen Jahren verharmlosender Propaganda für den Gebrauch von Cannabis - frei nach dem Motto, man könne auch zu viel Lakritz essen - fiel es zunächst kaum auf, dass sich in den Einrichtungen der Drogenhilfe mit einem Mal eine neue Klientel einstellte: Cannabisgebraucher. Diese bilden indes nur die Vorhut einer neuen Generation von Rauschgiftgebrauchern, die der Macht der Drogen in noch weit höherem Maß verfallen ist als ihre Vorgänger. Unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Allgemeinheit haben sich Kokain und synthetische Rauschgifte auf dem Markt fest etabliert. Cannabisgebrauch hat sich sogar so sehr verbreitet, dass von einem gesellschaftlichen Unrechtsbewusstsein nicht mehr die Rede sein kann. Tatsache ist: Auch wenn das Bundesverfassungsgericht kein "Recht auf Rausch" erkennen kann, so ist im vergangenen Jahrzehnt die Zahl derer immens gewachsen, die ein solches "Recht" für sich persönlich in Anspruch nehmen.

Über die Ursachen dieser Entwicklung zu streiten wäre eine lohnende Aufgabe für Politiker und Sozialwissenschaftler aller Couleur. Doch nur wenige Themen sind so "out" wie Drogen - und das, obwohl in Deutschland wie in allen anderen wohlhabenden Staaten immer mehr Suchtstoffe - legale wie illegale - immer leichter verfügbar sind. So hat sich nicht nur das steigende Angebot durch sinkende Preise einen größeren Markt und eine steigende Nachfrage geschaffen, sondern auch eine steigende Nachfrage ein höheres Angebot. Denn auch die Bereitschaft quer durch alle Gesellschaftsschichten, mit Rauschgiften zu experimentieren, war noch nie so groß wie heute.

Das aber ist kein Zeichen persönlicher oder gesellschaftlicher Reife, sondern mit Risiken verbunden, die wohlbedacht sein sollten. Wie die Erfahrungen der Therapiereinrichtungen und Jugendpsychiatrien zeigen, steigt mit der Zahl der Experimentierer und "Freizeitgebraucher" auch die Zahl derer, die plötzlich oder allmählich die Kontrolle über sich selbst verlieren. Wen es am Ende trifft, lässt sich nicht vorausberechnen. Jedoch sollte zu denken geben, dass Rauschgifte bei Kindern und Jugendlichen aus instabilen Familienverhältnissen und/oder aus prekären sozialen Verhältnissen signifikant häufiger eine alltagsstrukturierende Funktion einnehmen und damit die Bewältigung der Adoleszenzkrise erschweren.

Während die früher vieldiskutierte Einrichtung von Heroin-Ambulanzen und Fixerstuben kaum noch eine Rolle spielt, steigt die Nachfrage nach Drogenhilfe unterhalb dieser öffentlichkeitswirksamen Schwelle. Es gibt eine Neigung, die neuen Formen des Rauschgiftgebrauchs als zwangsläufige Begleiterscheinung gesellschaftlicher Desintegration unter den Zwängen ökonomischer Modernisierung wegzurationalisieren. Allerdings sind die sozialen Kosten dieser Entwicklung hoch. Der permissive Umgang mit illegalen Suchtstoffen belastet nicht nur das öffentliche Gesundheitssystem, das aufgrund des demographischen Wandels und des legeren Konsums legaler Suchtstoffe - Alkohol, Tabak, auch Medikamente - ohnehin stark in Anspruch genommen ist.

Nicht zu übersehen sind darüber hinaus die sozialen Kosten, die die Nachfrage nach Rauschgift in den Herkunfts- und Transitländern verursacht. Bilder von blühenden Mohnfeldern in Afghanistan oder von kokapflanzenden Kleinbauern in Bolivien geben abermals nur den fassbarsten, aber kleinsten Teil der Realität wieder. Rauschgifthandel zählt zu den lukrativsten Geschäftsfeldern der organisierten Kriminalität weltweit, und die Zahl der Staaten, die sich mit der realen Macht der Drogenökonomie auseinandersetzen müssen, nimmt eher zu als ab. Drogenkartelle sind in Mexiko, Brasilien und Nigeria mittlerweile schon fast so mächtig wie in Kolumbien. In einigen Staaten Osteuropas, vor allem in Russland, ist der Heroingebrauch zusammen mit der explosionsartigen Verbreitung von HIV - beides "Nebenwirkungen" des Rauschgifttransits nach Westen - inzwischen zu einem festen Bestandteil der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geworden. Unter den Ursachen der Sterblichkeit junger Männer steht Rauschgift in vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas an der Spitze.

Rauschgiftpolitik in Deutschland, so es dereinst wieder eine geben sollte, hätte demnach den Blick für beides zu schärfen: für die destruktiven Folgen des Drogenangebots wie der Drogennachfrage. Denn allen Erfolgsmeldungen zum Trotz ist die Macht der Drogen ungebrochen.

Quelle: F.A.Z., 23.01.2007, Nr. 19 / Seite 1
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