06.08.2006 · Von Hans-Christian Rößler
Seit Tagen gibt sich der israelische Ministerpräsident Olmert siegesgewiß. "Fast beispiellos" ist für ihn der Erfolg, den die Armee im Kampf gegen die Hizbullah errungen hat. Eine "neue Wirklichkeit" sieht er im Libanon entstehen. In Wirklichkeit ist es den bisher stärksten Streitkräften des Nahen Ostens in knapp vier Wochen nicht gelungen, die schiitische Miliz zu "zerstören", wie es Olmert und seine Minister vorausgesagt hatten. Scheich Nasrallah und die meisten anderen Hizbullah-Führer sind weiter politisch aktiv, die ihnen zur Verfügung stehende Feuerkraft ist ungebrochen.
Trotz dieser (Zwischen-)Bilanz ist das Vertrauen der Israelis in Regierung und Armee nicht ernsthaft erschüttert. Vielmehr schweißen die anhaltenden Katjuscha- und andere Einschläge die Bevölkerung stärker zusammen. Selbst im pazifistischen Lager Israels wird dieser Krieg gebilligt: Schließlich habe ihn nicht Israel, sondern die Hizbullah begonnen. Und die libanesische Regierung habe die Miliz auch nicht entwaffnet, wie es die UN-Resolution 1559 verlangt.
Gutgeheißen wird, daß die Streitkräfte hart reagierten, nachdem Hizbullah-Kämpfer am 12. Juli nach Israel eingedrungen waren und zwei Soldaten entführt hatten. Militärs wie Zivilisten registrierten mit Sorge, daß der Gaza-Rückzug von der arabischen Welt als ein Zeichen der Schwäche gedeutet wurde, als habe sich Israel von Hamas und Islamischem Dschihad vertreiben lassen. Auch deswegen mußte die Armee nun ihre Wehrhaftigkeit demonstrieren. Wohltuend war dabei das Verständnis, das der Feldzug gegen die Hizbullah im Westen fand: Endlich fühlte sich Israel in seiner Bedrohung durch Terroristen nicht nur von den Amerikanern, sondern auch von israelkritischen Europäern ernst genommen.
Hinter der Entschiedenheit, die die beiden Zivilisten, Olmert und Peretz, an den Tag legen, macht sich freilich auch wachsende Unsicherheit bemerkbar. Laufend ändern sie in der Öffentlichkeit die Kriegsziele und senken die Erwartungen: Erst sollte die libanesische Regierung mit Luftangriffen dazu gebracht werden, selbst die Hizbullah zu entwaffnen und politisch in die Schranken zu weisen. Dann sollten die Bomben auf Beirut die Libanesen gegen die Hizbullah aufbringen. Beides gelang nicht. Sogar der libanesische Ministerpräsident Siniora lobte mehrfach den "heldenhaften Verteidigungskampf" der schiitischen Organisation, die zwei Minister in seinem Kabinett stellt; im ganzen Libanon gab es keine einzige Protestkundgebung gegen Nasrallah. Dennoch wird in Israel nicht die Regierung kritisiert, sondern allenfalls die Armee.
Israelische Generäle hatten die Politiker glauben gemacht, die Schiitenmiliz lasse sich in wenigen Tagen mit Kampfflugzeugen und minimalen eigenen Verlusten zerschlagen. Erfolglose Libanon-Invasionen der Vergangenheit hatten sie zögern lassen, Bodentruppen in Marsch zu setzen. Jetzt sind dort rund zehntausend Soldaten im Einsatz, die erkennbare Schwierigkeiten mit ihrem Auftrag haben. Seit dem israelischen Rückzug aus dem Südlibanon vor sechs Jahren hatte sich die Armee darauf konzentriert, mit kleinen Kommandoeinheiten militante Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland zu bekämpfen. Das Training für Bodenoffensiven wurde dabei offenbar vernachlässigt, wie die zunehmende Ungeduld in Amerika zeigt. "Eure Inkompetenz wird uns noch umbringen", lautete ein Kommentar aus Washington.
Zumindest einer der überraschenden Strategiewechsel Olmerts wird das Kriegsende überdauern. Denn die Regierung hat quasi über Nacht den jahrzehntelang gepflegten israelischen Unilateralismus aufgegeben. Ausgerechnet auf New York richten sich seit Tagen die Blicke aus Jerusalem. Von den Vereinten Nationen, für die israelische Politiker sonst vor allem Spott und Verachtung übrig hatten, erwarten sie jetzt das Signal für den Beginn ihrer Exitstrategie aus dem Libanon. Mit dem am Wochenende vorgelegten Entwurf einer UN-Resolution ist Jerusalem jedenfalls schon sehr zufrieden. Sie erfüllt die wichtigsten israelischen Forderungen und verlangt der Hizbullah schmerzhafte Zugeständnisse ab. Mit der im Resolutionsentwurf vorgesehenen multinationalen Truppe will Israel, das sich bisher gerne als einsamer und unverstandener Frontstaat im globalen Antiterrorkampf darstellte, einen Teil seiner Sicherheit in die Hände französischer, saudischer und vielleicht deutscher Soldaten legen. Sie stehen alle auf Olmerts Wunschliste für die Streitmacht. Das ist auch deshalb ein großer Schritt, weil Israel bei den Palästinensern und unter den meisten arabischen Nachbarn seit Jahren keinen politischen Partner mehr findet. Kadima, Arbeiterpartei und Likud zogen daraus die Folgerung: einseitiger Rückzug und Trennung.
Die jüngsten Erfahrungen im Libanon nähren zugleich Zweifel an dieser Leitlinie. Sie dienen für immer mehr Israelis als Beweis dafür, daß einseitige Rückzüge der falsche Weg sind. Sowohl im vergangenen Sommer in Gaza als auch vor sechs Jahren im Libanon folgten ihnen nicht mehr Stabilität und Ruhe, sondern Raketenangriffe und Entführungen. Noch hält Ministerpräsident Olmert zwar an seinem Wahlversprechen fest, die israelische Besetzung großer Teile des Westjordanlands zu beenden. Ob er es in die Tat umsetzt, wird aber vom Ausgang des Libanon-Kriegs abhängen. Geht Olmert gestärkt aus dem Krieg hervor, wird er seinen Plan auch gegen größere innere Widerstände weiterverfolgen. Bewährt sich die multinationale Truppe im Nachbarland, könnte das in Israel ein Anlaß dafür sein, die einseitigen Rückzüge zu überdenken und zu prüfen, ob nicht neue Formen der Zusammenarbeit möglich sind. Auch aus diesem Grund ist ein stärkeres Engagement der Europäer in der Region wichtig.