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Leitartikel Formen des Nichtwissens

08.07.2007 ·  Von Stefan Dietrich

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Auch die Physik hat längst die Grenze zur Metaphysik übertreten.

Vor rund 1300 Jahren datierte der englische Benediktinermönch Beda Venerabilis die Erschaffung der Welt auf den 18. März 3952 vor Christus. Beda war einer von zahllosen jüdischen, koptischen, byzantinischen und katholischen Schriftgelehrten, die sich vom Ausgang der Antike bis in die frühe Neuzeit mit der Rekonstruktion der Weltgeschichte aus alttestamentarischen Quellen befassten. Noch am Ende des 16. Jahrhunderts, ein Jahrhundert nach Kopernikus, krönte Erzbischof Usher, das Oberhaupt der irischen Provinz Armagh, sein Lebenswerk als Bibelforscher mit der genauen Fixierung des ersten Schöpfungstags auf den 23. Oktober 4004 vor Christus.

Obwohl sie immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen kam, stand die Chronologie jahrhundertelang in hohem Ansehen, während Pioniere der modernen Naturwissenschaften, deren Beobachtungen sich mit den Daten der wörtlich genommenen Heilsgeschichte nicht vertrugen, um ihr Leben fürchten mussten. Heute lächeln wir über den Eifer der frommen Geschichtsforscher und über die Naivität, mit der sie die Quelle ihres Glaubens, die Bibel, zugleich als maßgebliche Quelle des Wissens über die Welt betrachteten. Denn heute wissen wir es viel besser.

Ausgerüstet mit Instrumenten, die Informationen über die kleinsten Bausteine der Materie und die entlegensten Winkel des Universums liefern, hat die Wissenschaft uns darüber aufgeklärt, dass die Welt nicht an einem und nicht an sieben Tagen erschaffen wurde, sondern das Nebenprodukt einer Explosion ist, die vor 13 (oder 15 oder 20) Milliarden Jahren den Kosmos gebar. Forscher wie der Amerikaner Robert Caldwell können uns sogar schon sagen, wie es von hier aus weitergeht: In etwa 22 Milliarden Jahren werde der rasend expandierende Raum zuerst die Sterne, dann auch ihre Bestandteile, die Atome, "zerreißen" und in ein Schwarzes Loch kollabieren. Auf Monat und Tag genau hat Caldwell dieses Ereignis zwar nicht datiert, doch immerhin beschreibt er die letzten Phasen dieses Prozesses sekundengenau.

Dabei sind die Theorien, die sich um den Urknall ranken, und jene über das Ende des Universums schon fast so zahlreich (und so verschieden) wie die mittelalterlichen Berechnungen des Schöpfungstages. Auf der ganzen Welt gibt es vielleicht einige hundert Astronomen und Mathematiker, die nachprüfen können, was an Caldwells Berechnungen dran ist. Und immer öfter müssen sie zu unerklärlichen Phänomenen Zuflucht nehmen, um ihre kühnen Theoriegebäude zu stützen. Die Namen, die sie diesen Phänomenen geben - "Dunkle Materie", "dunkle Energie", "Schwarze Löcher" -, sagen deutlich: Hier tappt die Wissenschaft im Dunkeln.

Nicht anders ist es in der Quantenphysik, die zwar so eindrucksvolle technische Errungenschaften wie Laser und Computerchips ermöglicht hat, deren Theorien aber längst die Grenze zur Metaphysik überschritten haben. Die "Teilchen", von denen da die Rede ist, haben nichts mehr mit Materie zu tun. Schon für Max Planck war Geist der "Urgrund aller Materie". Die String-Theoretiker von heute träten auf wie "die Heiligen der letzten Tage der Physik", hieß es vor einiger Zeit im "Spiegel". Edward Witten, ihr wichtigster Exponent, entwickelte die "M Superstring-Theorie". Das "M" stehe, wie er verriet, für Magie, Matrix oder Mysterium - wie man wolle.

Lächeln wir darüber auch? Nein, jedes neue Welterklärungsmodell trägt bis zu seiner Widerlegung die Insignien wissenschaftlicher Rationalität, die noch immer davon zehrt, dass sie die Menschheit herausgeführt hat aus der Finsternis des Glaubens ans Licht der Aufklärung. Heute lebt gefährlich, wer daran zweifelt, dass uns diese Früchte der Aufklärung schon die ganze Wahrheit über die Welt mitteilen.

Der Vorschlag der hessischen Kultusministerin Wolff, die Bibel im Biologieunterricht unterzubringen, war sicher nicht sonderlich durchdacht. Was käme wohl dabei heraus, wenn man religiös unmusikalische Biologielehrer die Schöpfungsgeschichte referieren ließe? Aber gehört Frau Wolff deshalb schon auf den politischen Scheiterhaufen? Während ihr Gedanke skandalisiert wird, regen sich nicht einmal die Kirchen darüber auf, dass unsere Kinder in der Schule oft mit einem platten Biologismus traktiert werden, der nichts anderes ist als Kreationismus mit umgekehrten Vorzeichen, nämlich der Glaube, die Nichtexistenz Gottes sei wissenschaftlich bewiesen.

Die großen Naturwissenschaftler haben das nie behauptet, auch Darwin nicht. Einstein sagte einmal: "Wissen ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissen ist blind." Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass Glaube und Vernunft nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit erfassen. Das Herz "sieht" anders als das Auge. Nichts anderes meinte wohl auch Frau Wolff, als sie für eine "neue Gemeinsamkeit von Naturwissenschaft und Religion" plädierte.

Molekularbiologen sagen, die Genome von Menschen und Schimpansen stimmten zu 98,6 Prozent überein. Auch wenn sie inzwischen auf größere Unterschiede zwischen einzelnen Chromosomen gestoßen sind, können sie uns nicht erklären, was letztlich den Menschen befähigt hat, eine Evolutionstheorie zu entwickeln, den Affen lediglich dazu, Bananen zu schälen. Dafür nach anderen als evolutionsbiologischen Gründen zu fragen ist deshalb kein Rückfall in voraufklärerischen Mystizismus, sondern im wahrsten Sinn vernünftig. Aberglaube sei ein Wort, das Wissenschaftler nur mit größter Vorsicht gebrauchen dürften, riet der strenge Empiriker Popper der eigenen Zunft - "mit dem Wissen, wie wenig wir wissen und wie sicher es ist, dass wir selbst, ohne es zu wissen, in verschiedenen Formen des Aberglaubens befangen sind".

Quelle: F.A.Z., 09.07.2007, Nr. 156 / Seite 1
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