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Leitartikel Evolution und Vernunft

19.07.2005 ·  Ist das vernünftig? Der Streit um die Evolutionstheorie, wie er in Amerika die Auseinandersetzung um die Schulpläne bestimmt, ist ein verblüffender Streit um die Vernunft. Als gebe es nur einen einzigen Typ von Rationalität, halten sich die Gegner in dieser Debatte wechselseitig Unvernunft vor.

Von Christian Geyer
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Ist das vernünftig? Der Streit um die Evolutionstheorie, wie er in Amerika die Auseinandersetzung um die Schulpläne bestimmt, ist ein verblüffender Streit um die Vernunft. Als gebe es nur einen einzigen Typ von Rationalität, halten sich die Gegner in dieser Debatte wechselseitig Unvernunft vor. Ultradarwinisten wie Richard Dawkins propagieren eine naturwissenschaftliche Weltanschauung mit explizit atheistischer Pointe und beanspruchen dafür das Monopol der Rationalität. Auf der anderen Seite kämpft das evangelikale Völkchen der Kreationisten, die den Bericht der Genesis wörtlich nehmen und jeden einen Toren nennen, der in der biblischen Schöpfungserzählung keinen handfesten wissenschaftlichen Befund zu erblicken vermag. Daß dieser Streit um die Evolutionstheorie so gänzlich ohne wissenschaftliche Argumente auskommt und dennoch so viel von sich reden macht, liegt eben daran: daß er von vornherein als ein phantastischer Großstreit um "die Vernunft" angelegt ist.

"Im Licht der Vernunft", schrieb der Wiener Kardinal Christoph Schönborn unlängst in einem aufsehenerregenden Gastkommentar der "New York Times", könne man "leicht und klar Ziel und Plan in der natürlichen Welt, einschließlich der Welt des Lebendigen, erkennen". Wissenschaftliche Theorien, die versuchten, den Plan in der Natur als das Ergebnis von Zufall und Notwendigkeit wegzuerklären, seien nicht wissenschaftlich, sondern "eine Abdankung der menschlichen Vernunft". Eine Naturwissenschaft, die sich in Religionsfragen dogmatisch verhält, in die Grenzen zu weisen - das scheint erst einmal vernünftig. Nichts hindert, einen "Zufall" als "Fügung" aufzufassen.

Und dennoch erstaunt hier die verkürzte Darstellung der Evolutionstheorie im Stil der kreationistischen "intelligent design"-Bewegung. Diese Bewegung tut so, als stehe ein Weltbildverfechter wie Dawkins für den gesamten Komplex der Evolutionstheorie. Daß in der Evolutionstheorie auch komplexere Mechanismen der Entwicklung jenseits von Selektion und Mutation ihre Darstellung finden, fällt dabei unter den Tisch. Längst hat die Evolutionstheorie zum Beispiel das Phänomen der evolutionären Konvergenz aufgenommen. Dabei geht es um die Tatsache, daß die Evolution aus sehr verschiedenen Richtungen oftmals die gleiche biologische Lösung ansteuert. Dadurch, so meint etwa der Cambridger Paläobiologe Simon Conway Morris in seiner Entgegnung auf die Kreationisten, erhalte der ganze evolutionäre Prozeß ein unerwartetes Element der Vorhersehbarkeit. Womit sich die Evolutionstheorie um so leichter der theologischen Interpretation öffne.

Jedenfalls ist Evolution kein Komplott desillusionierter Materialisten, wie Kreationisten nahelegen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die kreationistische Sicht der Evolution operiert mit einer übernatürlichen Instanz, die eher einem Ingenieurbüro gleicht als dem überkommenen Schöpfergott: "Kreationismus ist Evolution für Kontrollfanatiker", sagt Morris.

Nach seinem Artikel in der "New York Times" stellte der Kardinal klar, daß er nicht die Evolutionstheorie ablehne, sondern nur jene Spielart davon, die eine atheistische Position als Wissenschaft verkaufe. Schönborns eigentliche Provokation ist denn auch sein optimistischer Vernunftbegriff, der leicht und klar zum Schöpferglauben führe. Werden hier nicht zuerst jene gläubigen Voraussetzungen in den Vernunftbegriff hineingelegt, die man hernach aus ihm wieder herauslesen möchte? Jedenfalls funktioniert so die kreationistische Strategie, wenn Harmonie und Ordnung in der Natur als "überwältigender Beweis" für einen göttlichen Bauplan begriffen werden. Als könne man das im Licht der Vernunft nicht auch anders sehen - zumal im Blick auf die Prozesse der Destruktion und Verschwendung, die die Ordnungsvorstellung ins Chaotische zersplittern.

Offenbar lassen sich die Pläne eines Offenbarungsgottes nicht so leicht nach- und hochrechnen, wie es die Kreationisten gerne hätten. Erscheint ihr Glaube von außen her nicht eher als ein Glaube ans Design denn als ein Schöpferglaube? Dem Anspruch auf den perfekten Vernunftbegriff entspricht die kreationistische Forderung, das "argument from design" nicht etwa als religiöse These, sondern als wissenschaftlichen Befund zu vertreten. In den Schulen möge man gefälligst nicht nur die Evolutionstheorie lehren, so heißt es, sondern die Kontroverse um sie. Aber Evolution ist eine Tatsache. Um sie gibt es keine wissenschaftliche Kontroverse. Nirgendwo streiten Wissenschaftler um das Pro oder Kontra des Gedankens einer Entwicklung. Die wissenschaftliche Kontroverse, die in den Schulen abgebildet werden soll, ist insoweit nur behauptet.

Die katholische Kirche hat längst klargestellt, daß sie nach ihrem Galilei-Syndrom nicht auch noch ein Darwin-Syndrom mit sich herumzuschleppen gedenkt. Die Schlichtungsformel, nach der Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube für kompatibel gehalten werden, ist zweigliedrig: Wie wissenschaftliche Theorien keine Aussagen über metaphysische Gehalte treffen, ebensowenig kann der Schöpfungsglaube aus der Wissenschaft eine theistische Agenda machen wollen.

Daß es in beiden Bereichen mit kalkuliertem rhetorischem Aufwand bisweilen zu Grenzverletzungen kommt, hat freilich auch eine belebende Note. Man denke nur an die beharrlich vorgetragenen Versuche, aus der Hirnforschung eine naturwissenschaftliche Weltanschauung zu formen. Das sind produktive Herausforderungen. Sie holen Wissenschaft und Religion aus der Sterilität akademischer Sphärentrennung heraus und erzwingen unsere Stellungnahmen. Hier wie da ist die Frage nicht, ob, sondern wie wir naturalisiert sein wollen. Die Evolution hat gezeigt: Viele Wege führen zur Vernunft.

Quelle: F.A.Z., 20.07.2005, Nr. 166 / Seite 1
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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