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Leitartikel Emanzipation mit Kind

17.03.2006 ·  Von Georg Paul Hefty

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Das deutsche Volk schrumpft. Der einfache Satz schreckt auf zweierlei Weise auf: wegen der Nennung des aus der Alltagssprache verschwundenen Subjekts und wegen des Prädikats. Es hat jedoch nichts geholfen, dem verfassungsrechtlichen Begriff, der im Grundgesetz und auch an der Stirnseite unseres Parlamentsgebäudes geschrieben steht, in einem der Innenhöfe trotzig den soziologischen Begriff der Bevölkerung entgegenzustellen: Auch die deutsche Bevölkerung schrumpft. Das Volk allerdings schneller als die Bevölkerung.

Der Befund ist aber noch nicht die Lösung. Die wird jedoch dringend gebraucht, denn das Schrumpfen der Einwohnerschaft eines Landes ist zumindest in Mitteleuropa eher ein Nachteil als ein Vorteil, im wahrsten Sinne des Wortes ein Verlust und kein Gewinn. Das politische, das soziale und das wirtschaftliche Leben werden durch eine schrumpfende Zahl von Teilnehmern nicht reicher, sondern ärmer und schwieriger. Denn das Schrumpfen der Bevölkerung geht mit einer - am gewohnten Altersaufbau gemessenen - "Überalterung" einher.

Politik und Wirtschaft versuchen seit Jahrzehnten, "gegenzusteuern". Die Politik mit Kindergeld, Baukindergeld, Ausweitung und Anerkennung von Erziehungszeiten nicht nur in der Rentenversicherung, mit dem Ausbau von Kindergärten und Studienbeihilfen. Der Erfolg ist auf den ersten Blick ausgeblieben, obwohl die Möglichkeit mit bedacht werden muß, daß ohne all diese Anstrengungen der Geburtenrückgang vielleicht noch stärker ausgefallen wäre - und ausfallen würde.

Das Gegensteuern der Wirtschaft ist als noch niederschmetternder zu beurteilen. Sie hat der Politik aus zunächst kurzfristigen und kurzsichtigen Gründen die Erlaubnis abgetrotzt, Gastarbeiter ins Land zu holen; später hat sie mit langfristigen Hoffnungen die Einwanderung gefordert und gefördert. Doch hat sie sich als unfähig erwiesen, die Einwanderer und deren Nachkommen vollständig in den wirtschaftlichen Betrieb einzugliedern - dabei ist sogar ein Millionenheer Ausgegliederter entstanden. Und ihre Verbandsfunktionäre haben sich zusammen mit Politikern, Sozialwissenschaftlern und den christlichen Kirchen in der Erwartung getäuscht, mit Hilfe der Einwanderer die Wirtschaft zur Dauerblüte zu bringen, die Sozialsysteme zu stabilisieren, die Versorgung der Alten zu sichern und das Volk in seinem Bestand zu erhalten. Die Green Card hat die Untauglichkeit solcher Versuche offenbart. Binnen weniger Jahre hat sich erwiesen, daß die Einwanderer die Gesellschaft in Deutschland so weit verändert haben, daß diese zu keiner Übereinstimmung mehr darüber findet, was ihr Wesen eigentlich ist. Es kann keine Rede mehr davon sein, daß die Bevölkerung ein gemeinsames kulturelles Erbe hätte oder daß Einigkeit über die künftige Gestalt des Landes bestünde. Sowenig aber, wie manche junge Staatsbürger deutscher oder ausländischer Abstammung in die Verantwortung für die deutsche Geschichte eintreten wollen, so wenig werden sie in die Verpflichtungen des Generationenvertrages eintreten und die Lasten schultern, die auf sie warten. Das wird zu Schwierigkeiten führen, es fragt sich allein, wann.

Auch dieser Befund birgt noch keine Lösung - es sei denn eine, die man nicht haben wollen kann. Entspannung vermag nur ein Weg zu verheißen, der die absehbaren künftigen Lasten zwar nicht in der Summe, aber für den einzelnen dadurch mindert, daß er sie auf mehr Schultern verteilt.

Das hieße nichts anderes, als daß künftig mehr Kinder geboren werden, als in den Prognosen vorausgesagt wird, und daß ein höherer Anteil der Bevölkerung einen die Sozialkassen entlastenden Erwerb haben sollte als heute. Der Schlüssel dazu ist, zwei Triebfedern alltäglichen Handelns wieder zu bedenken und neu zu deuten: Eigennutz und Emanzipation.

Die deutsche Wirtschaft wird nicht auf Dauer ihre Stellung als Exportweltmeister wahren. Damit wird die innereuropäische und die inländische Wertschöpfung wichtiger werden. Letztere hängt aber von den sozialen Umständen in Deutschland ab. Eine schrumpfende Gesellschaft mündet in der Regel in eine schrumpfende Wirtschaft. Als vorherrschender Gestalter des gesellschaftlichen und persönlichen Alltags wird die Wirtschaft erkennen, daß sie - mit den Worten Münteferings - die Biographien entzerren und die Karrierehöhepunkte, also die aufreibendsten beruflichen Belastungen, auf die lange Zeitspanne nach der Familiengründungsphase im Alter zwischen 25 und 40 Jahren terminieren muß. Sonst klappt weder die Rente mit 67 einschließlich der Entlastungswirkung auf die Altersrenten noch die Aufrechterhaltung oder gar Steigerung der gefahrvoll niedrigen Geburtenrate. Dies wird die Wirtschaft wie sonst auch nur unter dem Druck der Gesellschaft einsehen - so wie sie es bei dem Thema Frauen in Führungspositionen getan hat.

Um die beruflichen Umstände zu ändern, muß sich die individuelle Emanzipation vieler Menschen neue Ziele setzen. Selbstverwirklichung bedeutet von jeher nicht allein die Anpassung an Schwierigkeiten, sondern vor allem deren Überwindung. Eine Emanzipation, die eines absehbaren Tages das Eingeständnis nach sich zieht, daß man aus seinem Leben nicht das Bestmögliche gemacht hat, also es versäumt hat, dem Ganzen einen lebenslangen Sinn zu geben, schillert lediglich wie eine Seifenblase. Dagegen beweist es innere Unabhängigkeit, der Verfügungsgewalt anderer ein Schnippchen zu schlagen. Für ein gutes Gehalt lausige Arbeitszeiten und die ständige Angst vor Kündigung und Arbeitslosigkeit zu ertragen und deswegen keine Familie zu gründen ist nicht wahre Lebensqualität. Nicht der Verzicht auf Kinder, sondern das Haben von Kindern ist der höhere Grad von Selbstverwirklichung.

Quelle: F.A.Z., 18.03.2006, Nr. 66 / Seite 1
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