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Leitartikel Die Kür der Spitzenhochschulen

22.08.2006 ·  Von Heike Schmoll

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Seit nunmehr zehn Jahren diskutiert Deutschland über Eliteuniversitäten. Immerhin ist in dieser Zeit klargeworden, daß die Politik keine Elite dekretieren kann. Also wurde das ganze Verfahren vorsichtigerweise in Exzellenzinitiative umbenannt. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Wissenschaftsrat koordinierte Auswahl hat den Vorzug, weitgehend wissenschaftsgeleitet zu sein. Fragwürdig ist allerdings, daß Professoren, die selbst am Antragsverfahren beteiligt sind, wiederum als Gutachter beim Wissenschaftsrat fungieren und ganze Fächer, Institute und Hochschulen bewerten. Das führt zu jenen Indiskretionen, die wie schleichendes Gift im Wissenschaftsbetrieb wirken, und kaum zu unvoreingenommener Begutachtung.

In einer ersten Runde wurden aus mehr als dreihundert Anträgen Graduiertenschulen und sogenannte Exzellenzcluster ausgewählt, nun geht es um Zukunftskonzepte der künftigen Spitzenuniversitäten. Bund und Länder stellen insgesamt 1,9 Milliarden Euro für die Jahre 2006 bis 2011 zur Verfügung. In den Exzellenzanträgen wimmelt es von Gummibegriffen wie Interdisziplinarität und Internationalisierung. Was sich jetzt mit der wohlklingenden Bezeichnung "Graduate School" schmückt, wird sich wohl auch in Zukunft kaum von der bisherigen Doktorandenausbildung unterscheiden.

Bis Ende September müssen die Berichte über die Begehungen und die ausgearbeiteten Anträge vollständig vorliegen; entschieden wird dann im Oktober. Spitzenhochschulen müssen sowohl Exzellenzcluster als auch Graduiertenschulen vorweisen können. Es folgt eine zweite Runde im kommenden Frühjahr, in der noch einmal Antragsskizzen und Anträge formuliert werden müssen - auf englisch, versteht sich, als könnten die ausländischen Gutachter die Güte eines Antrags nicht anhand einer englischen Zusammenfassung erkennen. Faktisch kommt dieses Diktat des Englischen der Selbstabschaffung des Deutschen als Wissenschaftssprache gleich. Noch halten die Universitäten ihre Zukunftskonzepte sorgsam unter Verschluß. Was sich also hinter Tübingens angeblich profilschärfendem "High-Tech und Hegel" verbirgt, wird man frühestens im Oktober wissen.

Eines ist durch die Exzellenzinitiative zweifellos erreicht worden: Auch offiziell läßt sich die Fiktion nicht mehr aufrechterhalten, nach der alle Universitäten von derselben Qualität sind. Das Mantra von der Chancengleichheit und der damit verbundenen Egalität aller Ausbildungseinrichtungen hat seine Wirksamkeit eingebüßt. Sollten die Hochschulen endlich die Mittel erhalten und von der Motivation vorangetrieben werden, die sie schon längst gebraucht hätten, dann gelingt das nicht aufgrund der überzeugenden Vorgaben, sondern trotz der Kriterien.

Vieles wirkt wie eine Wiederholung der totalen Bildungsplanung früherer Jahre. Das zeigt sich bereits daran, daß den Spitzeneinrichtungen, die auf diese Weise ausgewählt werden sollen, nicht einmal zugetraut wird, selbst über die Verwendung von Fördermitteln zu entscheiden. Alles ist geradezu planwirtschaftlich vorherbestimmt. Schon haben die Verteilungskämpfe um Geld begonnen, das es noch gar nicht gibt. Die bis jetzt ausgewählten Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und möglichen Spitzenuniversitäten - Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Tübingen, Würzburg und (zweimal) München - liegen ausnahmslos in Süddeutschland. So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß auch bei der Exzellenzinitiative das Prinzip gilt "Wer hat, dem wird gegeben".

Wie nicht anders zu erwarten, haben die aus den Naturwissenschaften stammenden Kriterien wie Drittmitteleinwerbung, Absolventenzahlen und Publikationsausstoß dafür gesorgt, daß die Geisteswissenschaften sich nach der Vorrunde der Exzellenzinitiative in den Schatten gestellt sahen. Nur fünf bis zehn Prozent der ausgewählten Exzellenzcluster und Graduiertenschulen sind den Geistes- und Sozialwissenschaften zuzurechnen. In Anbetracht dessen, daß sich im Bewilligungsausschuß des Wissenschaftsrats unter 26 Wissenschaftlern nur zwei Historiker und Politologen befinden, ist auch das nicht verwunderlich. Die übrigen Ausschußmitglieder kommen aus Genetik, Chemie, Medizin, Zellbiologie oder Bautechnik. Kulturwissenschaftler, Literaturwissenschaftler, Kunst- oder Musikwissenschaftler haben hier anscheinend nichts zu suchen.

Sollte es wirklich so sein, daß Geschichte, Religion, Sprache und Kultur keine besondere Förderung mehr verdienen? Während das Ausland - vor allem das transatlantische - nach wie vor zu den geisteswissenschaftlichen Errungenschaften Deutschlands aufblickt, dürfen die Vertreter dieser Zunft hierzulande künftig zu den Lebens-, Natur- und Technikwissenschaften aufblicken. Denn diese Fächer entsprechen den modernen Fetischen "Relevanz" und "Verwertbarkeit" unter wirtschaftlichen Kriterien. Wo der Erfolg in Euro oder Publikationsmetern gemessen wird, kann geisteswissenschaftliche Forschung nicht mehr mithalten.

Die Hoffnung auf staatliche Sondermittel hat viele drittmittelarme Geisteswissenschaftler dazu verlockt, ihre Forschungsarbeit zu unterbrechen und sich den langwierigen Antragsprozeduren zu widmen. Gelohnt hat es sich für sie nicht. Sie werden sich fragen, welche Zukunft ihre Fakultäten überhaupt noch haben. Denn eines steht jetzt schon fest: Die Exzellenzinitiative wird den Abschied von der Volluniversität nach Humboldts Vorstellungen erheblich beschleunigen. In den 25 Ländern der Europäischen Union werden von tausend Volluniversitäten nur dreihundert bleiben, die übrigen werden mittelmäßige Ausbildungsanstalten von regionaler Bedeutung - ein Horrorszenario.

Quelle: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195 / Seite 1
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