31.10.2006 · Von Christian Schwägerl
Alzheimer ist die Geißel einer alternden Gesellschaft.
Sie werden die "neuen Alten" genannt und sind überall zu sehen: Menschen, bei denen es eines zweiten Blickes bedarf, um festzustellen, daß sie älter als sechzig Jahre sind. Oder als siebzig. Viele der "neuen Alten" sind auch ohne Jugendwahn voller Energie und Tatendrang. Das ist nicht das Ergebnis alberner "Anti-Aging"-Kosmetika, die Vitalität kommt von innen. Keine frühere Generation mußte körperlich weniger schuften und war besser ernährt, war so gut medizinisch versorgt und durch eigene Anstrengung materiell derart wohlhabend. Doch über der gewonnenen Zeit hängt eine Bedrohung: die Alterskrankheit Alzheimer.
Immer mehr Menschen werden so alt, daß sie in die Risikozone gelangen. Alzheimer trifft nur drei Prozent der Siebzigjährigen, aber mit achtzig Jahren jeden vierten und mit neunzig jeden dritten Menschen. Wer im Jahr 1906 in Deutschland sechzig Jahre alt war, erlebte im Schnitt noch seinen 73. Geburtstag. Heute dürfen Männer im neuen besten Alter fest damit rechnen, daß sie achtzig, Frauen, daß sie 84 Jahre alt werden. Die statistische Lebenserwartung jedes Deutschen wächst täglich um fünf Stunden. Das Max-Planck-Institut für demographische Forschung sagt voraus, daß die Hälfte der Neugeborenen von heute das Jahr 2106 erlebt.
Schon jetzt aber leiden rund 1,2 Millionen Deutsche an Alzheimer oder einer anderen Demenzkrankheit. Erst verschwindet ihr Gedächtnis, dann die Fähigkeit zu kommunizieren, schließlich ihre Identität. Sie reden wirr, laufen davon, und oft entlädt sich ihre Verzweiflung in Aggression. Im Anfangsstadium ist die Demenz besonders für die Betroffenen ein Martyrium, später stärker noch für diejenigen, die sie pflegen. Viele Angehörige opfern sich bis über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus auf für ihre immer hilfloser werdenden Eltern oder Partner. Dank für diesen Einsatz erfahren sie nicht. Menschen, die sich der Aufgabe stellen, sind wahre Helden, doch sie werden häufig ausgegrenzt, so als seien sie unberührbar. Alzheimer ist ein Schrecken, mit dem viele nichts zu tun haben wollen.
Als der Münchner Psychiater Alois Alzheimer die Krankheit am 3. November 1906 in Tübingen zum ersten Mal ausführlich beschrieb, handelte es sich eher um eine Rarität. Inzwischen wächst Demenz zur Volkskrankheit heran, weil die Menschen immer gesünder ins hohe Alter eintreten und weil jene molekularen Verwerfungen, die das Gehirn zerstören, mit den Jahren häufiger werden. Durch das Altern der geburtenstarken Jahrgänge könnten es im Jahr 2050 drei Millionen Betroffene werden, sofern es weiter keine Therapie gibt - drei Millionen Demente bei einer geschrumpften Bevölkerung, in der besonders der Anteil der Jüngeren, die pflegen und Sozialbeiträge erwirtschaften, deutlich kleiner sein wird als heute. Diese Aussicht macht den Umgang mit Demenzkranken und den Kampf gegen die Krankheit zu einer zentralen Aufgabe unserer Gesellschaft.
Ändert sich nichts, dann dürfen sich viele der "neuen Alten", die heute von den Titelseiten herunterlachen, auf eine düstere Zukunft gefaßt machen. Heilung oder vorbeugende Mittel können nur von Genetikern, Neurowissenschaftlern und Biomedizinern kommen. Doch Bund und Länder haben die Bedeutung der Altersforschung noch nicht einmal erkannt. Während die amerikanischen National Institutes of Health jährlich umgerechnet fünfhundert Millionen Euro für die Alzheimerforschung ausgeben, also 1,66 Euro je Einwohner, wendet der Bund für sein "Kompetenznetz Demenzen" und andere Initiativen knapp fünf Millionen Euro jährlich auf, also gerade sechs Cent pro Kopf.
Selbst nach der Verdoppelung der Mittel für das "Kompetenznetz" vom kommenden Jahr an bleibt Deutschland weit hinter Amerika zurück. Wieder werden somit die Prioritäten falsch gesetzt - auf Kosten der Zukunft. Es wird höchste Zeit, daß die Ministerinnen Schavan, von der Leyen und Schmidt die Altersforschung substantiell aufwerten. Zugleich stellt sich für die vielen Vermögenden unter den "neuen Alten" von heute und morgen die Frage, ob sie ihr Geld nicht besser in die Alzheimerforschung investieren, als es in die siebte Kreuzfahrt zu stecken. Auch hier kann Deutschland von Amerika lernen, denn dort ist solche Zukunftsvorsorge selbstverständlich.
Die Gesellschaft kann sich nicht darauf verlassen, daß zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft ein Allheilmittel zur Verfügung stehen wird. Selbst wenn Alzheimer therapierbar wäre, bleiben viele andere Formen der Demenz, die zusammen vierzig Prozent der Erkrankungen ausmachen. Will man Demenzkranke nicht in Pflegeheimen separieren, stellt das Zusammenleben in Familien und Stadtteilen eine gewaltige Aufgabe dar, mit der sich noch viel zu wenige auseinandergesetzt haben. Es gehört Mut dazu, einen verwirrten Menschen zu begleiten oder Angehörige stundenweise zu entlasten. Offene Wohnformen verlangen Offenheit bei Nachbarn. Wegschauen aber ist bei einer Volkskrankheit kaum möglich.
Nicht viel weiß man darüber, wie man der Demenz vorbeugen kann. Das wenige läßt sich - auch als Bürgerpflicht gegenüber den Beitragszahlern der Sozialversicherungen von morgen - so zusammenfassen: sich gesund ernähren, Sport treiben und das Gehirn ständig herausfordern, durch soziale Interaktion, durch Lernen. Die Stillegung von fünfzig Jahre alten Menschen auf dem Arbeitsmarkt wird sich auch unter diesem Blickwinkel noch rächen. Engagement im Ehrenamt, das sozial fordert und das Gehirn auf Trab hält, könnte sich für die "neuen Alten" als lebenswichtige Prävention erweisen - und ganz nebenbei der gewonnenen Lebenszeit einen tieferen Sinn geben.