Home
http://www.faz.net/-gpf-tkov
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leitartikel Das Pisa-Ritual

27.11.2006 ·  Von Heike Schmoll

Artikel Lesermeinungen (1)

Bildungstests messen nicht Bildung, sondern nur Kriterien, die für bildungsrelevant erklärt werden.

Intelligenztests messen nicht die Intelligenz, sie untersuchen das, was sie für Intelligenz halten. Das sagt kein Kritiker, sondern der Entwickler des Intelligenzquotienten selbst. Dennoch erfreut sich dieses Zirkelschlußverfahren ungebrochener Beliebtheit. Ähnlich verhält es sich mit den Pisa-Vergleichen: Sie messen nicht Bildung, sondern nur Kriterien, die zuvor für bildungsrelevant erklärt wurden. Das hat unmittelbare Folgen für das Leseverständnis und den Deutschunterricht. Schon heute spielt es oft keine Rolle mehr, an welchen Texten Schüler lesen lernen, Gebrauchstexte verdrängen Literatur zunehmend aus dem Deutschunterricht. Denn es geht nicht um Persönlichkeitsentwicklung, sondern um Kompetenzen.

Die Pisa-Studien spiegeln die Schulleistungen 15 Jahre alter Schüler in einer Momentaufnahme. In diesem Jahr mußten die Schüler ihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse in wirklichkeitsnahen Aufgaben unter Beweis stellen. In nationalen Fragebögen wurden außerdem die Bildungsstandards in Mathematik überprüft, auch Informationen über die soziale Herkunft, Lernmotivationen und Lernmöglichkeiten zu Hause abgefragt. Zunächst werden nur die internationalen Ergebnisse der 57 Teilnehmerstaaten veröffentlicht, nicht der deutsche Ländervergleich.

Deutschlands Schüler werden auch dieses Mal nicht glänzen und Andreas Schleicher von der OECD wird sagen, daß die Segregation nach dem vierten Schuljahr ungerecht sei und daß der Bildungserfolg hierzulande stärker als in allen anderen Staaten mit der sozialen Herkunft zusammenhänge. Jedenfalls hat er das bisher immer getan. Die Bildungsforscher werden die Ergebnisse in gewohnter Manier sprachlich so verpacken, daß die Brisanz einzelner Befunde erst mit einigem hermeneutischen Spürsinn zu entdecken sein wird. Sie fürchten, bei klareren Äußerungen könnten sie dem einen oder anderen parteipolitischen Lager zugeschlagen werden. Wo es nicht um Grundsätzliches geht - wenn etwa ein Großteil der Schüler keine Lernfortschritte in Mathematik erzielt -, traut sich mancher noch offen zu sagen, was jeder denkt: Sie hätten auch gleich zu Hause bleiben können. Sobald jedoch die Schulformen selbst zur Debatte stehen, die sechsjährige Grundschule oder ähnliche Reizthemen, lächeln die Bildungsforscher wie eine Sphinx und überlassen die Schlußfolgerungen ihren Zuhörern. Denn mit Eindeutigkeit könnten sie ihre nächsten Forschungsaufträge gefährden. Das hat zur Folge, daß die einen mit Berufung auf Pisa-Ergebnisse die Einheitsschule fordern, die anderen das gegliederte Schulsystem verteidigen.

Bei den Bildungspolitikern festigt sich der Eindruck, daß Pisa-Ergebnisse ohnehin keine Grundlage für konkrete politische Entscheidungen bieten können. Das ist auf Dauer ruinös. Würden die Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung ernstgenommen, könnte sich die Einführung der Einheitsschule in Berlin und andernorts kaum mit einer beabsichtigten Qualitätssteigerung begründen lassen.

Möglicherweise werden die "Schüler mit Migrationshintergrund", wie es politisch korrekt heißt, in den Naturwissenschaften besser abschneiden als beim Lesen und in der Mathematik, dafür gibt es zumindest Anhaltspunkte, doch sie werden wieder zur Risikogruppe zählen und nie dazu in der Lage sein, ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Daran wird sich aber auch durch noch so gelungene Integrationsprogramme nichts ändern, wenn die Einwanderungspolitik nicht umsteuert. Es ist doch kein Verdienst kanadischer, australischer oder schwedischer Schulen, daß die Einwanderer dort schulisch mithalten können, sondern das Ergebnis einer selektiven Einwanderungspolitik, die Sprachkenntnisse und Anstrengungsbereitschaft voraussetzt. Ähnliches gilt für Australien, wo die größte Gruppe der Einwanderer ohnehin aus Großbritannien stammt. Doch davon ist bei der Vorstellung der Pisa-Ergebnisse zumeist nicht die Rede.

Hierzulande müssen Lehrer gegen ein wenig bildungsfreundliches Klima in türkischen und arabischen Sozialghettos ankämpfen, ohne Lernhindernisse beseitigen und die zugrundeliegenden psychosozialen Voraussetzungen bessern zu können. Dieses Problem wird auch die überschätzte Ganztagsschule nicht lösen, wenngleich sie dafür sorgen könnte, daß solche Kinder eine Zeitlang vor den ungünstigen Einflüssen ihres Herkunftsmilieus bewahrt werden.

Die Pisa-Studien haben in Deutschland dafür gesorgt, die Blicke auf die Schwachpunkte des Schulwesens zu lenken, aber werden auch die Stärken etwa der gymnasialen Bildung gesehen? Haben die Pisa-Studien nicht längst darauf hingewiesen, daß ein von positiver, lernfreundlicher Atmosphäre geprägtes Schulklima für den Lernerfolg ebenso wichtig ist wie ein anspruchsvoller Unterricht, der Schüler fordert, aber nicht überfordert? Solche Befunde werden überhört, weil sie nicht zu den Vorurteilen früherer Unterrichtskonzepte passen. Statt dessen setzen Bildungspolitiker alles daran, möglichst viele Schüler zum Abitur zu führen.

Das wertet die sogenannte Hochschulreifeprüfung ab und zwingt Universitäten dazu, Aufnahmeprüfungen einzuführen. Auch die übrigen Abschlüsse werden dadurch entwertet. Wenn Haupt- und Realschüler den Eindruck gewinnen müssen, daß das Menschsein erst mit dem Abitur beginnt, müssen sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt als aussichtslos empfinden. Aber was ist ein Abitur wert, das mit ermäßigten Anforderungen erkauft ist? Jedenfalls garantiert es weder Studierfähigkeit noch Reife, geschweige denn Bildung. Wann widmen sich Bildungspolitiker diesen Fragen? Wann berücksichtigen sie die Ergebnisse der Leistungsvergleiche ernsthaft?

Quelle: F.A.Z., 28.11.2006, Nr. 277 / Seite 1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3 7