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Leitartikel Dämlicher Hund

15.09.2006 ·  Von Günter Paul

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Die neue Planeten-
definition trägt die Rechtschreibreform ins All.

Pluto ist als Planet entthront und damit seines Glanzes beraubt worden. So lautet verkürzt das Fazit der blamablen Nacht-und-Nebel-Aktion einiger Astronomen, die auf einer Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union in Prag erstmals den Begriff "Planet" definiert haben. Die Forscher hatten eine solche Definition für notwendig gehalten, weil sich in jüngerer Zeit im Sonnensystem Objekte zu erkennen gaben, die etwa so groß sind wie Pluto, eins von ihnen sogar noch größer. Dadurch stellte sich die Frage, ob man die Liste der Planeten wieder einmal - und diesmal erheblich - erweitern müßte oder ob es nicht besser sei, den Pluto zu streichen, was direkt niemand zu tun wagte. Die Folge der überflüssigen Definition ist ein Desaster.

Allein schon die Idee ist, recht betrachtet, absurd gewesen. Es käme ja auch niemandem in den Sinn, das Wort "Kontinent" zu definieren. Mit Sicherheit bedürfte es vieler Verrenkungen, die Definition so zu formulieren, daß Europa ein Kontinent bliebe. Genauso, wie man von Kontinenten eine intuitive Vorstellung hat, ist es mit den Planeten, die schon seit der Antike zum Kulturgut vieler Völker gehören. Gelegentlich hat sich diese Vorstellung zwar gewandelt - zum Beispiel, als Kopernikus die Erde aus dem Zentrum der bekannten Welt verdrängte und sie durch die Sonne ersetzte -, aber den Begriff zu definieren kam trotzdem niemandem in den Sinn.

In der Neuzeit ist die Liste der "klassischen" Planeten wegen der besseren Beobachtungsmöglichkeiten mit dem Fernrohr mehrfach verlängert worden, unter anderem um die in der Neujahrsnacht 1801 zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter entdeckte Ceres. Als man erkannte, daß sich in der dortigen Region - dem "Asteroidengürtel" - viele andere Objekte bewegen, die entweder Fragmente eines einst zerborstenen oder Material eines noch nicht entstandenen Planeten sind, wurde Ceres wieder von der Liste gestrichen. Der anfangs in seiner Größe überschätzte Pluto ist ein Ausreißer aus dem anderen großen "Schrottgürtel" im Sonnensystem, dem Kuipergürtel jenseits der Bahn des Neptuns. Hätte man ihn mit demselben Argument wie Ceres als Planeten gestrichen, wären alle weiteren Diskussionen entfallen.

Zu einer "sauberen" Lösung konnten sich die Astronomen nicht aufraffen, weil Pluto dafür zu viele Freunde hat. Das liegt unter anderem daran, daß der dämliche Hundefreund von Mickey Mouse nach dem Planeten benannt worden war. Deshalb sind die Astronomen auf die unselige Idee verfallen, den Begriff "Planet" zu definieren. Zu Beginn der Prager Generalversammlung legte ein Komitee einen für alle Planeten des Kosmos geltenden Entwurf vor, dem zufolge die Liste der Planeten - einschließlich Plutos - um etliche plutogroße Objekte erweitert worden wäre. Als zehn Tage später - die meisten Astronomen waren bereits abgereist - nach heftigen Diskussionen über die jetzt nur noch für das Sonnensystem geltende Definition abgestimmt wurde, hatte sich das Konzept in sein Gegenteil verkehrt. Pluto soll nun aus angeblich objektiven Gründen kein Planet mehr sein, sondern zusammen mit ähnlich großen Objekten eine neue Familie der Zwergplaneten bilden.

Die Planetendefinition, die ein Jahrhundertwerk hatte werden sollen, ist übereilt und ohne ausreichend Zeit für Diskussionen beschlossen worden. Kein Wunder, daß sie von handwerklichem und pädagogischem Unverstand zeugt. Deshalb wollen sie viele Forscher gar nicht beachten. In Amerika zum Beispiel haben sich dreihundert Fachastronomen in einer Petition gegen die Beschlüsse gewandt. Und auch für die Wissenschaftler, die an der Anfang des Jahres gestarteten und jetzt zum Pluto fliegenden Raumsonde "New Horizons" beteiligt sind, ist Pluto weiterhin ein vollwertiger Planet.

Wie schwammig und interpretationsbedürftig die Definition ist, zeigt sich unter anderem am Planeten Neptun. Pluto konnte nämlich aus der Planetenliste nur deshalb gestrichen werden, weil man den Passus einführte, die Bahn eines Planeten müsse von anderem Material leer gefegt sein. Das könne aber für Pluto nicht gelten, weil er die Bahn des Neptuns kreuze. Mit welcher Berechtigung ist dann Neptun, der die Bahn des Plutos kreuzt, weiter ein Planet?

Im Sonnensystem gibt es - übergangslos - große, kleine und kleinste Objekte bis hin zum Staubkorn. Die Sonderstellung der Planeten war bislang einzig eine Reverenz an die Antike, daneben kannte man nur die Kleinplaneten und, parallel dazu, die Kometen. Von nun an soll es gar drei Größenklassen geben: Planeten, Zwergplaneten und "Kleine Objekte im Sonnensystem", zu denen neben Kleinplaneten auch die Kometen gerechnet werden sollen. Diese Unterteilung in noch mehr Größenklassen ist unzeitgemäß und berücksichtigt nicht die natürlichen Gegebenheiten. Davon abgesehen - auf die jetzt abgeschafften Kleinplaneten wollen die meisten Astronomen nicht verzichten. Der "Zwergplanet" Pluto hat vor wenigen Tagen sogar eine "Inventarnummer" (134 340) in der Liste der Kleinplaneten erhalten, die es offiziell gar nicht mehr gibt.

Weitere Schwierigkeiten wird die Zusammenfassung von Kleinplaneten und Kometen in der Gruppe der kleinen Objekte bereiten. Bislang sind nämlich Kleinplaneten nach anderen Regeln benannt worden als die Kometen. Für Kleinplaneten konnten die Entdecker Namen vorschlagen, die Kometen dagegen wurden nach den Entdeckern benannt. Wie will man sich da künftig einigen? Die neue Planetendefinition ist offenbar genauso unüberlegt eingeführt worden wie die hiesige Rechtschreibreform und scheint zu einem ähnlichen Chaos zu führen.

Quelle: F.A.Z., 16.09.2006, Nr. 216 / Seite 1
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