01.04.2005 · Von Petra Kolonko
Das boomende China hat ein junges Gesicht. Ob als Konsumenten oder Arbeitnehmer - junge Menschen beherrschen das Straßenbild in Chinas Städten. Sie vor allem prägen den Eindruck von Aufbruch und Dynamik im Land. Und doch ist China auf dem Weg in eine Gesellschaft der Alten. Bereits vor fünf Jahren hat die Volksrepublik jenen Wendepunkt erreicht, der bei Bevölkerungswissenschaftlern als Beginn einer alternden Gesellschaft gilt: Sieben Prozent der Bevölkerung waren damals schon über 65 Jahre alt.
Im vergangenen Jahr lebten in der Volksrepublik China bereits 134 Millionen Menschen, die über 60 Jahre alt waren. Diese Bevölkerungsgruppe wächst jährlich um drei Prozent. In zwanzig Jahren wird sie voraussichtlich auf 280 Millionen Menschen gewachsen sein. Man hat berechnet, daß in der Mitte dieses Jahrhunderts bereits ein Viertel der chinesischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird. Was in den Industrieländern ein langsamer Prozeß war, vollzieht sich in der Volksrepublik China in rasender Geschwindigkeit. Grund dafür ist nicht nur, daß die Lebenserwartung in China stark gestiegen ist; am meisten beschleunigt die staatliche Ein-Kind-Politik den Prozeß.
Die Beschränkung auf ein Kind in den Städten und zwei oder drei auf dem Land, die Ende der siebziger Jahre eingeführt wurde, hat zwar das Bevölkerungswachstum Chinas gebremst, doch gleichzeitig stellt sie die Alterspyramide auf den Kopf. Die Älteren können sich über die längere Lebenserwartung und einen bescheidenen Wohlstand, den Generationen vor ihnen nicht kannten, nicht unbedingt freuen. Die Rente ist nur für die wenigsten sicher.
Respekt vor dem Alter und die Pflicht zur Sorge für die ältere Generation waren Grundpfeiler des konfuzianischen Wertesystems. Nie gab es einen Zweifel daran, daß die junge und mittlere Generation für die Älteren dazusein hatte, daß ihre Ansprüche und Forderungen hinter denen der Älteren zurückzustehen hatten. Wenn auch das Ideal nicht immer erfüllt wurde, so steht es doch in krassem Widerspruch zur jetzigen Einstellung, die die Kinder vorzieht und die Alten mehr und mehr als Bürde betrachtet.
China ist auf die kommende Armee der Rentner noch nicht vorbereitet. Das alte sozialistische System, in dem die Altersversorgung und Krankenversicherung in der Verantwortung der Betriebe, Behörden oder anderer mehr oder weniger staatlicher Arbeitgeber lag, ist in Auflösung begriffen. Staatsbetriebe, die bankrott gingen oder privatisiert werden, können keine Rentengarantien mehr geben. Private Betriebe haben noch keine Rücklagen gebildet. Ein neues soziales Sicherungssystem ist gerade erst im Aufbau. Arbeitgeber werden verpflichtet, in einen neuen Fonds einzuzahlen. Noch umfaßt dieses System nur einen Teil der Bevölkerung, erst ein Viertel der chinesischen Arbeitnehmer kann mit einer Rente rechnen. Die reicht in der Regel gerade zum Überleben und umfaßt oft noch keinen Versicherungsschutz im Krankheitsfall. Dabei steigen auch in China die Kosten für Arzt und Krankenhausbehandlungen immens. Krankheit im Alter wird zum Notfall, den sich niemand mehr leisten kann.
Noch für lange Zeit wird die Altersversorgung in China hauptsächlich bei den Familien liegen. Doch mit der Modernisierung ändern sich die Lebensgewohnheiten. War es noch vor wenigen Jahrzehnten üblich, daß auch in den Städten drei Generationen zusammenlebten, ist das heute die große Ausnahme. Schon junge Leute können sich eigene Wohnungen leisten. Die Gesellschaft ist mobiler geworden. Oft leben Eltern und erwachsene Kinder nicht mehr an einem Ort, und die modernen jungen Erwachsenen wollen auch nicht mehr unbedingt mit ihren Eltern zusammenleben. Mehr und mehr Ältere gehen in Altersheime.
Für die ländliche Bevölkerung gibt es weder ein Rentensystem noch eine Krankenversicherung. Die Bauern und Wanderarbeiter müssen sich ganz darauf verlassen, daß ihre Kinder, vor allem ihre Söhne, sie im Alter versorgen. Diese Aussicht hat mit dazu beigetragen, daß das Geschlechterverhältnis bei den Geburten aus der Balance geraten ist. Die Bauern ziehen Söhne vor, weil die Töchter, die mit der Heirat aus dem Haus gehen, als Stütze des Alters nicht in Betracht kommen.
Der Staat ist mit den neuen Aufgaben, die von den Betrieben und den Familien nicht mehr wahrgenommen werden, überfordert. Der Aufbau des Pensionsfonds ist noch in seiner Anfangsphase. Er hat mit denselben Problemen zu kämpfen wie das ganze Finanzsystem Chinas, das unter Korruption und Verwaltungsmängeln leidet. Als eine Möglichkeit der Entlastung der staatlichen Kassen ist jetzt eine Verschiebung des Renteneintrittsalters im Gespräch. Derzeit gehen Frauen in China noch mit fünfzig, Männer mit sechzig in Pension. Tatsächlich liegt das Pensionsalter weit darunter, da viele Betriebe ihre Arbeitnehmer, vor allem Frauen, schon mit vierzig in Rente schicken. Die Frühverrentung hat man lange als eine Möglichkeit gesehen, Arbeitsplätze für junge Leute frei zu machen. Eine längere Lebensarbeitszeit würde zwar der Rentenkasse helfen, die Beschäftigungschancen der Jungen aber weiter verschlechtern.
Chinas Bevölkerung wird noch etwa zwanzig Jahre lang wachsen, bevor sie dann zu schrumpfen beginnt. Aus diesem Grund schrecken die Bevölkerungsplaner immer noch davor zurück, die Ein-Kind-Politik zu lockern, um einer zu schnellen Alterung der Gesellschaft vorzubeugen. In einigen Städten sind die Bestimmungen bereits geändert worden, so daß ein zweites Kind unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist. Vor die Wahl gestellt, entweder ein Heer junger Arbeitsloser oder ein Heer armer Rentner entstehen zu lassen, zieht die chinesische Regierung wohl nicht zuletzt aus Erwägung der gesellschaftlichen Stabilität noch das letztere vor.