29.09.2006 · Von Edo Reents
Was hat
Bob Dylan noch
Neues zu bieten?
Rekorde sagen alles und nichts. Wer käme auf die Idee, an der Bedeutung eines Weitsprungs über 9,90 Meter zu zweifeln? Aber wer würde Literatur nach Verkaufszahlen beurteilen? Was bedeutet es also, daß Bob Dylan mit seiner neuen Platte "Modern Times" zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder auf Platz eins der altehrwürdigen Billboard-Hitparade steht? Diese Zeitspanne ist in der Rockmusik eine Ewigkeit. Und doch umspannt Dylans Karriere noch um die Hälfte mehr; sie befindet sich, seit der allerersten Plattenveröffentlichung, im fünfundvierzigsten Jahr. Je älter dieser Musiker wird, desto weniger spielt sein Alter eine Rolle. Aber Dylan wirkte nie jung, er sah nur so aus.
Schon als er die Bühne des Rockzirkus in den frühen sechziger Jahren milchgesichtig betrat, tat er dies nicht nur mit einer gewissen Dreistigkeit, sondern auch mit großer Weisheit. Diese Weisheit trug er in Form eines außergewöhnlichen musikalischen Wissens mit sich; seine Idole waren, gemessen an damaligen Maßstäben, alte Leute. Selbst seine wohl revolutionärste Tat - das Einstöpseln einer elektrischen Gitarre auf dem Festival von Newport im Sommer 1965, das den Übergang vom reinen Folk zum Folkrock und dann zur eigentlichen, harten Rockmusik markierte - geschah nicht im Geiste bloßer Aufsässigkeit. Dieser Akt, tief im Popgedächtnis verwahrt, bedeutete mehr als eine Provokation, als die er zunächst aufgefaßt wurde. Dylan handelte in der Voraussicht dessen, der spürte, daß sich in der harmlos-unverbindlichen Popmusik etwas ändern müsse, damit sie die Möglichkeit bekäme, ernst genommen zu werden und zu überdauern.
Dies ist in einem Maße eingetreten, das vermutlich auch den überrascht hat, der daran den größten Anteil hat. Die "Beatles" hatten das Versprechen ewiger Jugend gegeben, die "Rolling Stones" verkörperten Hedonismus und Aufsässigkeit - Bob Dylan hat diese Dinge mit großer persönlicher Souveränität und wohl einzigartiger künstlerischer Kraft als etwas Sekundäres, Altersspezifisches entlarvt. Er hat die Popmusik, vielleicht sogar die Popkultur insgesamt von ihren zähesten Komplexen befreit. Die Frage, ob es noch altersgemäß ist, was er tut, stellt sich bei ihm nicht. Er strahlt eine solche Würde aus, daß die Feststellung, er habe sich für sein Alter gut gehalten, banal erschiene. Niemand käme auf die Idee, seine körperliche Fitness zum Maßstab von Konzertbesprechungen zu machen.
So viele Mythen und Legenden sich auch um ihn ranken - teilweise mit seiner Billigung, teilweise mit rätselhaften Selbstauskünften sogar von ihm befördert -, so sehr fällt Dylan als jemand ins Auge, der sich vollständig in den Dienst seiner Musik stellt. Dennoch war deren Beurteilung nie eine rein ästhetische, musikkritische Angelegenheit. Das wäre auf die Dauer auch ermüdend gewesen bei einem, der an Experimenten wenig interessiert ist und sich mit den archaischen Mustern begnügt, die ihm die Tradition seines Landes bereitstellt. Wegen dieser ungewöhnlich tiefen Verwurzelung, die bis zur vorvergangenen Jahrhundertwende zurückreicht, geht es bei ihm auch immer um etwas Höheres: die Bedeutung von Kultur überhaupt und deren schwer ergründbare Wechselwirkungen mit ihrem Urheber. Dylan gibt eine Antwort auf die Frage, die jede große Kunst stellt: was es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Dies alles hat aus ihm einen Künstler gemacht, bei dem vieles, worüber in anderen Fällen gerne gesprochen wird, seltsam wenig ins Gewicht fällt: politisch-weltanschauliche Ansichten, Privatleben, handwerkliches Können. Seine Person geht in der Musik auf, aber die Musik ist von seiner Persönlichkeit nicht zu lösen. Dylan ist damit eins geworden und hat es doch vermocht, sie Allgemeingut werden zu lassen. Ihm wuchs eine solche Glaubwürdigkeit und Autorität zu, daß man ihm alles abnimmt.
Was hat er noch Neues zu bieten? "Modern Times" kann dazu eigentlich wenig beitragen. Das Album, das sich schon in der ersten Woche fast zweihunderttausendmal verkaufte, ist dermaßen altmodisch geraten, daß man sich fragt, wer von den unter Vierzigjährigen so etwas hören soll. Die zehn neuen, wie aus der Zeit gefallenen Lieder hat er angeblich alle selbst geschrieben - sie verwenden Ideen von alten Bluesmusikern wie Sleepy John Estes oder Muddy Waters. Sie sind durchdrungen von dem Substrat, über das Dylan von Anfang an verfügte, Geschichten über Liebe und Verzweiflung, Einsamkeit und metaphysische Obdachlosigkeit.
Gerade im Verzicht auf Zeitgemäßes tritt Dylans Bedeutung hervor. Es ist kein Zufall, daß das Wort time bei ihm eine beherrschende Rolle spielt. Er verwendet es, um damit etwas überzeitlich Gültiges auszudrücken. Bei allem Gespür für Veränderungen, das er in Liedern wie "The Times They Are A-Changin'" oder "Blowin' In The Wind" zum Ausdruck brachte, verlor er nie die gleichsam anthropologischen Konstanten aus den Augen, die dahinter liegen. Bis heute ist er in der Lage, die Spannung aus Traditionsgebundenheit und Originalitätsbedürfnis produktiv zu nutzen. Deswegen überdauert er.
Erfolge - und der jetzige ist ein außergewöhnlicher, historischer - werden nicht unabhängig von den Marketingstrategien beurteilt, die man dahinter vermutet. Hier muß man eine Ausnahme machen. Sicher, Dylan hat sich der Welt geöffnet und läßt sich mit dem Radio und sogar dem Internet ein; es gibt Bücher, Filme und wissenschaftliche Tagungen über ihn. Aber transparenter ist er dadurch eigentlich nicht geworden. Jenseits aller Diskussionen über die immer komplizierter werdenden Vertriebswege einer Musikindustrie, der die Mitte längst weggebrochen ist, muß man etwas anderes ins Spiel bringen: die zeitlose Magie seiner Kunst. Aus ihr bezieht er die Kraft zu dem Prozeß der Erneuerung, der ihm das Altern immer schon war. Wir sollten ihm darin folgen.