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Lehrer Eliteabsolventen im Härtetest

25.02.2009 ·  Vom nächsten Schuljahr an werden 100 herausragende Universitätsabsolventen an Problemschulen unterrichten. Sie verzichten auf den frühen Karrierestart, um Vorbild zu sein für Kinder aus der Unterschicht.

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Dass Kaija Landsberg noch scheitert, wird immer unwahrscheinlicher. Ein Jahr lang Zeit hatte sich die 29 Jahre alte Absolventin der Hertie School of Governance nach ihrem Hochschulabschluss gesetzt, um nach amerikanischem Vorbild an deutschen Brennpunktschulen ein unkonventionelles Programm zu verankern: Hochschulabsolventen mit exzellenten Abschlüssen jeglicher Fachrichtungen sollen zwei Jahre lang die Bildungsverlierer in Deutschland unterrichten. "Teach First Deutschland" hat Landsberg das Programm genannt und unermüdlich bei Sponsoren und vor allem in den Schulverwaltungen der Länder um Unterstützung geworben. Unter dem Slogan "Teach for America" hat das Programm seit 1990 in Amerika schon Tausende Eliteabsolventen in die Schulen sozial deklassierter Kinder geschleust.

Inzwischen ist sicher: In Berlin werden sich rund 30 Hochschulabsolventen vom kommenden Schuljahr an vor Haupt-, Real- und Gesamtschülern beweisen müssen. Dazu hat sich Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner verpflichtet. Auch Nordrhein-Westfalen will vom Schuljahr 2009/10 an 40 Hochschulabsolventen zwei Jahre lang als Lehrer auf Zeit arbeiten lassen. Das Land übernimmt die Finanzierung der Gehälter der Akademiker. Außerdem ist mit Hamburg eine Kooperation vereinbart. „Insgesamt werden wir in diesen drei Bundesländern rund 100 Fellows einsetzen“, teilt Teach First mit. Fellows - das ist amerikanisch; gemeint sind die Absolventen, ein Teil der künftigen Elite Deutschlands. Kaija Landsberg hatte einmal 150 angepeilt. Deshalb sucht sie weiter nach geeigneten Kandidaten.

Beachtliche Bilanz

Die Bilanz der zierlichen Überzeugungstäterin ist schon jetzt beachtlich: Sponsoren für den jährlichen Finanzbedarf von 2,5 Millionen Euro der gemeinnützigen GmbH sind gefunden, darunter Vodafone, die Lufthansa oder die Deutsche Post. Die Anwerbung neuer Mitarbeiter, der Kandidaten für das Programm, der Schulen mit Interesse - all das läuft auf Hochtouren. Das Auswahlverfahren für die Bewerber und die Programme zu deren Vorbereitung und Weiterbildung werden derzeit von Fachleuten entwickelt. Einen Preis der Bundeskanzlerin im Rahmen des "startsocial"-Wettbewerbes hat Kaija Landsberg auch schon erhalten. Bleibt nur noch die Frage: Warum macht sie das alles überhaupt?

Angefangen hatte es mit ihrer Masters-Arbeit an der Hertie School of Governance. Zusammen mit einem Kommilitonen forschte sie über die sinkende soziale Aufwärtsmobilität und suchte nach praktischen Methoden, dieser Herr zu werden. So fand sie sich vor zwei Jahren auf ihrer Recherche in einer Schulklasse in Harlem wieder, vor der die Absolventin einer Eliteuniversität mit den Niederungen des täglichen Schulalltags amerikanischer Problemkinder kämpfte. "Ich war unheimlich beeindruckt von dem Programm, habe mit sehr vielen Leuten gesprochen, nicht nur mit Wendy Kopp, der Gründerin der amerikanischen Initiative, sondern auch mit Lehrern, Schülern und der Schulverwaltung. Irgendwann wusste ich, dass es so etwas in Deutschland unbedingt auch geben müsste", erzählt sie. Im Mai 2007 hat sie ihre Abschlussarbeit abgegeben. "Im Juni sind wir mit einem Team von vier Leuten gestartet und haben auf Vertrauensbasis angefangen - ohne Geld. Die Hertie-Stiftung hat uns dann durch den Winter 2007 gebracht, die Zeit-Stiftung bis zum Sommer 2008."

„Wann, wenn nicht jetzt?“

Sie hätte es auch anders haben können, besser, zumindest was ihr persönliches Einkommen angeht. Sie hätte sich bewerben können wie ihr Kommilitone, der bei McKinsey angefangen hat. Doch Kaija Landsberg wollte es wissen: "Wann, wenn nicht jetzt?" hat sie sich vergangenes Jahr gesagt. "Ich bin jung und habe keine familiären Verpflichtungen. Natürlich wäre es wahrscheinlich besser gewesen, ich hätte selbst zwei Jahre in einer Klasse unterrichtet, hätte dann bei einer Unternehmensberatung gearbeitet und danach zwei Jahre in der Verwaltung." Aber so lange wollte sie nicht warten. "Denn mir war auch klar, dass ich so etwas nach fünf Jahren wahrscheinlich nicht mehr machen würde."

In der Aufbauphase gab es auch Tiefpunkte: "Im Juni dieses Jahres sah es richtig finster aus." Konkret: Es gab kein Geld mehr. Lose, freundlich gemeinte Zusagen über weitere Stiftungsgelder und Kooperationen - die hatte sie, aber mehr auch nicht. "Ich erinnere mich an eine Sitzung, auf der ich den damals zehn Mitarbeitern unseren Kontostand offenlegen und sagen musste, dass ich sie nur noch zwei Wochen lang würde bezahlen können." Deren Reaktion allerdings hätte in einem amerikanischen Collegefilm sozialromantischer nicht ausfallen können: "Wir machen trotzdem weiter - aus Überzeugung", hätten die Mitarbeiter gesagt.

Dass immer wieder kolportiert wird, junge ehrgeizige Universitätsabgänger meldeten sich zu dieser Bewährungsprobe, um danach in der Wirtschaft eine steile Karriere zu machen, ärgert Landsberg. "Ich glaube nicht, dass das bei der Mehrzahl von ihnen im Vordergrund steht", sagt sie. Wer heute einen exzellenten Abschluss habe, so wie er ihn für "Teach First Deutschland" brauche, der könne sofort Karriere machen. Topabsolventen in Brennpunktschulen - das ist wohl die aufwendigste Form gesellschaftlicher Reintegration. Hier prallen Welten aufeinander. Elitestudenten mit einer Bildungssozialisation, die nichts mehr mit der jener gemein hat, die am unteren Ende der Leistungsskala balancieren. Was im Bildungssystem über die Jahre fein säuberlich getrennt wurde, soll jetzt mit diesem Projekt also wieder zusammenfinden.

Lehrerverbände murren

Die Lehrerverbände murren. Sie sind nicht begeistert davon, dass die Bildungseinrichtungen zum Experimentierfeld für die angehende Elite werden. Schule solle von professionellem Personal betrieben werden, heißt es. "Wir wollen den Lehrern keine Konkurrenz machen", wiegelt die Initiatorin ab. "Doch könnten unsere Fellows dort helfen, wo es nottut. Aber die Heilsbringer sind wir natürlich nicht." Vorbilder könnten die jungen Hochschulabgänger sein. Nicht zuletzt deswegen sucht Landsberg auch solche mit Migrationshintergrund, also jene, die es aller unsichtbaren Mauern und Diskriminierungen zum Trotz geschafft haben.

Dass die reichlich unerfahrenen Hochschulabsolventen mit ihren Gehversuchen in schwierigsten Unterrichtsklassen so miserabel gar nicht abschneiden, haben Studien in den Vereinigten Staaten längst bewiesen. Vor allem in Mathematik brachten sie bessere Schülerleistungen hervor. Wer so etwas wolle, täte gut daran, nicht nur auf die traditionelle Lehrerausbildung zu setzen, kommentierte unlängst die "New York Times" Studienergebnisse des Washingtoner Urban Instituts zu "Teach for America".

Aber nur um verbesserte Schülerleistungen geht es gar nicht - auch nicht Landsberg. Bei 800.000 aktiven Lehrern könnten 150 Fellows an deutschen Schulen kaum etwas bewirken - auch wenn sie im Einzelfall noch so gute Ergebnisse erzielten. Viel interessanter ist daher, was in den Köpfen von Teilen der künftigen Elite während der zwei Jahre Klassenkonfrontation passiert. "Eine solche Erfahrung wird das Denken der jungen Leute verändern und sie für gesellschaftliche Entwicklungen sensibilisieren", meint Landsberg.

Wer sensibilisiert ist, wer Empathie entwickelt, der wird anders handeln. Vielleicht so wie die 38 Jahre alte Michelle Rhee, die neue Chefin der Schulbehörde in Washington. Als junge Hochschulabsolventin hat sie vor 15 Jahren selbst zwei Jahre lang Kinder aus sozial schwachen Milieus unterrichtet. Landsberg sagt: "Sie weiß wirklich, was man ändern muss. Und sie wird es auch tun."

Absolventen gesucht

Teach First Deutschland sucht noch Hochschulabsolventen, die sich als „Fellow“ bewerben. Die Frist endet am 31. März 2009:

www.teachfirst.de/absolventen

Der Text ist eine aktualisierte Fassung des Originals von Inge Kloepfer, erstmals erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im November 2008 (tor.)

Quelle: F.A.S.
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