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Lech Walesa Träumer, Egomane und Prophet

31.08.2005 ·  Vor fünfundzwanzig Jahren hat Lech Walesa mit einem Streik in der Danziger Leninwerft die Welt verändert. Heute ist er Rentner und vielen Polen peinlich. Zu Besuch bei einem eigenwilligen Helden.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Wir waren darauf vorbereitet, wie Lech Walesa uns empfangen würde. „Wenn ihr eintretet“, hatte man uns gesagt, „wird er keine Notiz von euch nehmen. Er wird seinen Computer anblicken. Er wird etwas tippen. Seine Werftarbeiter-Zeigefinger werden auf die Tastatur sausen wie Spitzhacken, bis ihr wißt, daß ihr Luft seid. Dann erst wird er euch begrüßen.“

Es ist so gekommen, und auch wieder nicht. Als wir ihn zum fünfundzwanzigsten Jubiläum der Gewerkschaft „Solidarität“ besuchten, als wir in dem herrlichen Danziger Renaissancegebäude, wo die Lech-Walesa-Stiftung sitzt, zwischen zwei Papst-Fotografien hindurch seinen Arbeitssaal betraten, saß Walesa zwar, wie angekündigt, starrend am Bildschirm, und, wie angekündigt, hackten seine Finger die Tasten, während zugleich ein ungewöhnlich lauter Fernseher vom Weltgeschehen kündete. Danach aber wich er vom Libretto ab. Er begrüßte seine Gäste nicht, sondern schoß unvermittelt hoch und stürzte mit den Worten „Sind die Herren bereit?!“ auf das Kaffeetischchen zu, an dem wir respektvoll warteten. „Keine Formalitäten bitte - bitte die erste Frage und bitte nur schwere Fragen!“

Eine Sekunde später saß er mit geradem Rücken, gestrecktem Kinn und in höchster Konzentration geschlossenen Augen in seinem Armsessel an der Schmalseite des Tisches, sog Luft durch die Nase und harrte der erbetenen schweren Frage.

Gepanzerter Redefluß

Der Präsident, wie seine Sekretärin, eine akkurat wirkende ältere Dame, sowie sein etwas gelangweilt blickender Leibwächter ihn nennen, hat an diesem Vormittag viele Dinge gesagt, die allen Beifall wert waren. Er sprach hinreichend klar, wenn auch in einem gleichsam gepanzerten, jede Zwischenfrage abwehrenden Redefluß, vom jenem Marshall-Plan, den er vergeblich vom Westen erhofft hatte, als er 1980 die „Solidarität“ gegen die kommunistische Partei führte. Er verlangte die Einheit der Völker im Zeitalter der Globalisierung, und setzte Hoffnung in die Europäische Union. Er sann nach über Demokratie und Führertum in Zeiten des Existenzkampfs sowie über Glauben, Gebet und Versöhnung. Ab und zu brachte die akkurate Dame mächtige Stapel geöffneter Bücher herein, damit der Chef sie signiere.

Dennoch hat das Tonband an jenem Kaffetischchen nicht nur Alltägliches registriert. Walesa sprach nämlich nicht durchgängig in jenem gezirkelten, kalkuliert gewogenen Sinne, in welchem Politiker gewöhnlich sprechen. Immer wieder geschah es, daß gewisse andere, exotisch fremdartige Töne sich seinem ununterbrechbaren Vortrag beimengten, ganz so, als überschnitten sich im Äther zwei Frequenzen. Das waren die Augenblicke, in denen Walesa juxte oder schwor oder kündete.

Von Kostüm zu Köstüm

Daß er sich immer wieder in dritter Person „Walesa“ nannte, als zitiere er bereits aus kommenden Geschichtsbüchern, sei nur nebenbei bemerkt. Auffälliger waren die Rollenspiele. Im Vortrag an der Schmalseite seines Tischchens ist Walesa von Kostüm zu Kostüm geschlüpft. „Wenn ich Gorbatschow gewesen wäre“, „Wenn ich wieder Präsident werde“, so begannen seine Sätze. Er hatte in jäher Geste die Hand zum Eid gehoben, als er schwor, weder der CIA noch der KGB oder der Mossad, sondern „ich allein“ hätten die „Solidarität“ geführt; er hat in dramatischen Worten eine Weltregierung samt Weltparlament gefordert und in raunend-prophetischen von kommenden Epochenwenden gesprochen, vom „Zeitalter der Erde“, das nun zu Ende gehe, und dem Beginn jener Ära, in welcher der Mensch dem Menschen nicht mehr Wolf sei, weil die Vereinigten Staaten von Europa unter der Führung wohlmeinender Computer Produktion und Verteilung von „Weizen, Bananen, Öl und Kartoffeln“ lenkten.

Auf manche Fragen war seine einzige Antwort jenes gespannte Sinnen mit geschlossenen Augen, womit das Gespräch (Walesa: „Unser Sieg ist uns teuer zu stehen gekommen“) begonnen hatte, auf andere wieder - etwa auf die Frage nach der Existenz einer Schicksalshand, die Männer wie ihn in Stunden des Kampfes führe - schoß er das „Ja!“ hervor wie die Pistolenkugel, wenn der Abzug gelöst wird. Hier verglich er seine Führungskraft mit der eines Lenin, Stalin oder Kim Il-sung, dort prophezeite er, wenn in der globalisierten Welt erst die Chinesen kämen, dann äßen die jeden Grashalm. - Und weil sie alle barfuß gingen, könne keiner sie hören. „Ich scherze“, schloß der Präsident.

Sie verdrehen die Augen

Vor fünfundzwanzig Jahren hat dieser Mann die „Solidarität“ an der Danziger Leninwerft in einen Streik geführt, der die Welt veränderte. Heute ist er Rentner. Korrespondenten und Pressesprecher, das weltläufige Volk der Hauptstadt Warschau, Leute, die wissen, was ein Chablis ist oder ein Tweed, werfen sich lange Blicke zu, wenn er auftritt. Sie verdrehen die Augen, wenn die Suada beginnt, und sie schweigen gequält, wenn der erste Witz kommt. „Er hat einen Sprung in der Schüssel“, sagen die Erfahreneren unter ihnen in lässigem Ton, und die Simultandolmetscher fügen hinzu: „Für den müßte es Schmerzensgeld geben.“

Wir jedoch haben jenes Danziger Renaissancehaus tief in Gedanken verlassen, je ein signiertes Buch im Arm. Wir hatten einen Menschen an der Grenze der Ansprechbarkeit erlebt, einen Träumer, Egomanen und Propheten. Was der Kollege mit der Schüsseldiagnose vorhergesagt hatte, war eingetreten.

Er überwand die Furcht

Dennoch ist das Lachen nicht prustend aus uns herausgebrochen, kaum daß wir die Reichweite des gelangweilten Leibwächters verlassen hatten. „Fürchtet euch nicht“, hatte der polnische Papst 1979 seinen Polen zugerufen, und der Werftelektriker Walesa mit seinen zahlreichen Kindern (zuletzt wurden es deren acht), vor dessen Zweiraum-Blockwohnung Nacht für Nacht die Geheimpolizei lungerte, überwand die Furcht. „Die haben sie nicht mehr alle, die in Danzig“, sagten die jungen Leute im Westen, die gerade den Krefelder Appell unterzeichnet hatten, und wiesen auf die Notwendigkeit hin, die Sowjetunion keinesfalls zu provozieren. „Den Warschauer Pakt kann man nicht einfach wegträumen. Da muß man schon Maniker sein, Phantast und Egomane.“

All das sind sie gewesen, Walesa und die seinen. Sie haben Europas Realismus verlacht, als Europa am Realismus erstickte, und sie waren bis zur Manie von ihrer Mission überzeugt. Sie haben gekündet, geschworen und manchmal auch gejuxt, und sie haben ihre Rede gepanzert, daß ihnen keiner ins Wort falle. Sie haben ein neues Zeitalter erahnt, sie waren überzeugt, eine führende Hand von oben zu spüren, und sie haben sich einen Kehricht darum geschert, ob jemand Diagnosen stellte. Zuletzt haben sie gewonnen, und Walesa wurde der erste Präsident des demokratischen Polen.

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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