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Ländervergleich Studiengebühren in Europa sind deutlich niedriger als in Amerika

28.01.2005 ·  Studiengebühren sind in anderen Ländern schon seit Jahren Normalität. In 15 von 27 europäischen Ländern ist das Studium nicht kostenfrei. Eine Übersicht über die unterschiedlichen Modelle für Studiendarlehen.

Von Heike Schmoll
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In den meisten Ländern der Europäischen Union sind Studiengebühren üblich. Von 27 Ländern (25 EU-Länder sowie Norwegen und Schweiz) erheben 15 Länder Studiengebühren.

Keine Studiengebühren werden in den skandinavischen Ländern, Frankreich, Irland, Polen, der Tschechischen und der Slowakischen Republik, Luxemburg, Malta und bisher Deutschland erhoben. In Malta, Schweden und der Slowakischen Republik müssen die ausländischen Studenten bezahlen. Frankreich erhebt für die Grandes Ecoles und Polen für die privaten Universitäten Gebühren. Die Studiengebühren in Europa sind weitaus niedriger als in den Vereinigten Staaten.

Die Gebühren führen nicht zur sozialen Selektion

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Studiengebühren hat auch das Nachdenken über mögliche Kredite zur Studienfinanzierung beschleunigt. Bisher sind in den Bundesländern nur die jeweiligen Landesbanken dazu bereit. Weitere Modelle werden in den nächsten Tagen und Wochen vorgestellt. Der internationale Vergleich zeigt, daß Befürchtungen unbegründet sind, die Einführung von Studiengebühren könnte hierzulande zu einer sozialen Selektion der Studierenden führen. Selbst in den Vereinigten Staaten mit enorm hohen Hochschulgebühren ist die Finanzierung sozial gut abgesichert. Dazu zählen nicht nur zahlreiche Stipendien von Stiftungen, sondern auch ein breites Angebot an Bildungskrediten.

Studienkreditsysteme gibt es sowohl in Ländern, die Studiengebühren erheben als auch in Staaten mit einem gebührenfreien Studium wie Schweden. Überall werden Studienkredite jedoch unter Mitwirkung des Staates angeboten. Wegen der fehlenden Sicherheiten werden sie nicht allein von der Privatwirtschaft finanziert. Aus Vergleichen des Deutschen Sachverständigenrats in Wiesbaden und dem darauf beruhenden der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt ergibt sich, daß Studienkredite in Schweden, Neuseeland und England sogar von einer staatlichen Behörde bereitgehalten werden.

Australien:

Seit 1989 werden fachabhängig Gebühren in Höhe von bis zu 3.500 Euro erhoben. Die australischen Studenten haben die Möglichkeit, die gesamten Gebühren zu Beginn des Studienjahres zu begleichen und einen Rabatt von 25 Prozent zu erhalten oder sie solange aufzuschieben, bis sie ein bestimmtes Mindesteinkommen erzielen. Der Studienkredit stundet die Gebühren und wird nicht verzinst, allerdings um die Inflationsrate angepaßt. Zurückgezahlt wird je nach Einkommen direkt über das Steuersystem. Bei vorzeitiger Tilgung werden zehn Prozent erlassen, für die Rückzahlung bleiben zehn Jahre. Die Ausfallraten liegen bei vier Prozent. Die durch Studiengebühren erwirtschafteten Einnahmen machen inzwischen mehr als 50 Prozent der Gesamtkosten der australischen Hochschulen aus.

England und Wales:

Unabhängig vom Studienfach und der Hochschule sind seit 1998 einheitlich 1.125 Pfund fällig, von 2006 an sogar bis zu 3.000 Pfund. Die Hochschulen können die Gebühren dann selbst festlegen. Studierende aus einkommensschwachen Familien werden ganz von der Gebührenpflicht befreit. Zur Finanzierung der Studienkosten und des Lebensunterhalts gewährt der Staat Kredite, von denen 75 Prozent unabhängig vom eigenen Einkommen und dem der Eltern gewährt werden, 25 Prozent dagegen einkommensabhängig. Maximal erhält ein Studierender 4.900 Pfund im Jahr, der Zinssatz für den Kredit betrug zuletzt 3,1 Prozent. Bei angestellten Arbeitnehmern werden die Studienkredite direkt über den Arbeitgeber zurückgezahlt. Allerdings beginnt die Rückzahlung erst bei einem jährlichen Einkommen von 10.000 Pfund. Verdient der Hochschulabsolvent mehr, muß er die Differenz von neun Prozent selbst bezahlen.

Neuseeland:

Studiendarlehen werden einkommensunabhängig gewährt. Sie sind für Studiengebühren als auch für den Lebensunterhalt vorgesehen. Die Verzinsung liegt einen Prozentpunkt über dem Marktzins, während des Studiums werden keine Zinsen berechnet. Wenn eine bestimmte Einkommensschwelle erreicht wird (8000 Euro) beginnt die Rückzahlung, wobei jeweils zehn Prozent der Differenz zwischen erzieltem Einkommen und Einkommensschwelle einbehalten werden. Bei Angestellten führt der Arbeitgeber den zurückzuzahlenden Kredit direkt an die Steuerbehörde ab. Neben Darlehen gewährt Neuseeland für 36 Prozent der Studenten Stipendien.

Niederlande:

Seit 1986 gibt es Studiengebühren und Studienkredite. Sie werden zum Teil unabhängig vom Einkommen vergeben, zum Teil einkommensabhängig. Beide Darlehensbestandteile werden in einen Zuschuß umgewandelt, wenn ein festgelegter Erfolg erzielt wird. Zusätzlich können Studierende ein weiteres einkommensunabhängiges Darlehen aufnehmen, das allerdings nicht in einen Zuschuß umgewandelt werden kann. Der Darlehenszinssatz wird jährlich neu festgelegt und liegt einen Prozentpunkt über der marktüblichen Verzinsung. Die Rückzahlung ist vom späteren Einkommen abhängig und muß in den ersten beiden Beschäftigungsjahren noch nicht geleistet werden. Konnte der Darlehensnehmer nach 15 Jahren noch nicht vollständig zurückzahlen, werden die ausstehenden Beträge erlassen.

Schweden, Norwegen, Dänemark:

Auch wenn diese Länder keine Studiengebühren erheben, spielen die Darlehen eine erhebliche Rolle. In Schweden bekommen die Studierenden jährlich einen festen Betrag, der sich aus einem Zuschuß und einem Darlehen zusammensetzt. Der Zuschuß beläuft sich auf 34,5 Prozent des gesamten Betrags, die maximale Auszahlungsdauer 240 Wochen (ein Semester sind 20 Wochen). Der höchste Satz liegt bei 3800 Euro pro Semester. Der Zinssatz richtet sich nach den Refinanzierungskosten, die dem schwedischen Staat im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre entstanden sind. Zinsen fallen vom Zeitpunkt der Auszahlung an, die Rückzahlungsperiode ist auf 25 Jahre angelegt. 667 Euro müssen mindestens zurückgezahlt werden. Das norwegische System ist ähnlich organisiert.

Die in Dänemark gewährten öffentlichen Unterstützungen setzen sich ebenfalls aus Zuschüssen und Darlehen zusammen. Die Verzinsung beträgt während des Studiums 4 Prozent, hinterher steigt er um einen Prozentpunkt über dem der dänischen Zentralbank. Studierende können das Darlehen ansparen und sich im letzten Studienjahr auszahlen lassen, so daß sie während des Examens keiner Erwerbstätigkeit nachgehen müssen. Die Rückzahlung muß binnen 15 Jahren geleistet werden.

Vereinigte Staaten:

Studierende erhalten sogenannte Stafford Loans, die zur Finanzierung der Studiengebühren wie der Lebenshaltung vorgesehen sind. Zunächst bekommen die Hochschulen das Geld. Sie ziehen die Studiengebühren ab und reichen den Betrag für den Lebensunterhalt an die Studenten weiter. An privaten Hochschulen liegen die Gebühren bei mehr als 20.000 Dollar (Harvard und Yale verlangen für die „graduate students“ sogar 33.000 Dollar im Jahr). Vertrieben werden die staatlichen Zuwendungen zum einen über das „Direct Loan Servicing Center“, das als Direktbank arbeitet und die gesamte Darlehensabwicklung übernimmt. Gegenüber dieser Bank übernimmt der Staat das gesamte Ausfallrisiko. Sobald die Studierenden die Mittel für den Lebensunterhalt von ihrer Hochschule erhalten, kümmert sich diese Direktbank und bietet einen umfassenden Service auf der Homepage (Kontenabfrage, Online-Rückzahlung). Hochschulen mit mehr als 15 Prozent Ausfallquote werden vom Programm ausgeschlossen.

An der Finanzierung können sich auch andere private und öffentliche Institutionen beteiligen, auch ihnen gegenüber übernimmt der Staat 98 Prozent des Ausfallrisikos. Zurückgezahlt wird nach Ende des Studiums, Studierenden aus einkommensschwachen Familien wird die Zinszahlung während des Studiums erlassen. Nachlässe gibt es auch für soziale Tätigkeiten etwa als Lehrer und Betreuer ärmerer Schüler.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2005, Nr. 24 / Seite 4
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